17.06.2003 · Wenn ein Dichter auch Politiker sein muß, sind die Zeiten erfahrungsgemäß hart. Wie zum Beispiel in Israel. Ein Amos Oz legt nicht ohne Grund immer wieder sein Romanmanuskript beiseite.
Wenn ein Dichter auch Politiker sein muß, sind die Zeiten erfahrungsgemäß hart. Wie zum Beispiel in Israel. Ein Amos Oz legt nicht ohne Grund immer wieder sein Romanmanuskript beiseite, um, anstatt zu dichten, eine Friedensbewegung mitzuorganisieren, Interviews zur aktuellen Lage zu geben, sich in den politischen Streit um jüdische Siedlungen in den besetzten Gebieten oder eine "Road Map" zum Frieden einzumischen. Weil es um Leben und Tod geht, um die Existenz seines Landes, ist der Dichter Amos Oz im Nebenberuf, der manchmal sogar zum Hauptberuf sich auswächst, zum politischen Mahner, zum Friedensaktivisten geworden.Den Preis der Geschwister-Korn-und-Gerstenmann-Stiftung hat er am Montag abend denn auch nicht in erster Linie für sein dichterisches Werk, sondern zuvörderst für sein politisches Engagement erhalten.
Die Stifter der mit 40000 Euro dotierten Auszeichnung, die beiden Frankfurter Juden Abraham Korn und Rose Gerstenmann, haben sich nicht ohne Grund für einen "Friedenspreis" entschieden. Vergeben werden soll er an Persönlichkeiten, die sich mit ihrem literarischen, politischen und kulturellen Schaffen für den Frieden in Israel, im Nahen Osten und in der ganzen Welt einsetzen. Auf Amos Oz treffen diese Kriterien mit Sicherheit zu, denn er kämpft, wie Bundesaußenminister Joseph Fischer im Ignatz-Bubis-Gemeindezentrum bei seiner Laudatio auf den Preisträger bemerkte, seit Jahren mutig für eine Verständigung zwischen Israelis und Palästinensern - ohne dabei einem idealistischen Pazifismus verfallen zu sein.
Daß ein Bundesaußenminister Fischer sich dazu bereit erklärt hat, Oz zu würdigen, dürfte kein Zufall gewesen sein. Man übertreibt vermutlich nicht allzusehr, wenn man von einer gewissen Seelenverwandtschaft dieser beiden Männer spricht. Als jenen "pragmatischen Visionär", welcher - wie Fischer den israelischen Schriftsteller charakterisierte - machbare Lösungen anbietet für ein Ziel, das er nicht aus den Augen verliert, so fern es auch sein mag, als einen solchen Mann sieht sich auch Deutschlands Außenminister, wenn er als Vermittler im Nahost-Konflikt sich abmüht. Fischer und Oz verbindet darüber hinaus ein unheilbarer Optimismus, daß es irgendwann mit dem Morden und Bomben in Israel und Palästina ein Ende haben wird.
Auf dem "Dennoch" lag in beider Reden die Betonung. Trotz schwieriger Jahre, formulierte Fischer, trotz abscheulicher Rückschläge und trotz des anhaltenden Terrors: "Es gibt heute wieder Hoffnung auf Fortschritte bei der friedlichen Lösung des Nahost-Konflikts." Diese Hoffnung heißt für Fischer und für Oz "Road Map", jener von den Vereinigten Staaten, der Europäischen Union und Rußland skizzierte Weg, an dessen Ende zwei unabhängige, demokratisch legitimierte Staaten friedlich nebeneinander existieren können.
Das "Dennoch", welches Oz dem Terror der Selbstmordattentäter und der gezielten Tötung radikaler palästinensischer Führer durch die israelische Armee entgegensetzt, ist seine Erkenntnis, daß zum ersten Mal seit hundert Jahren eine Mehrheit in beiden Völkern - wenn auch bisher nur im Kopf - zu der Überzeugung gelangt ist, daß am Ende des Weges das Land geteilt sein werde. "Der Patient ist reif für die Operation."
Den Frieden in Israel, aber auch in der ganzen Welt befördern war das Ziel der dem Holocaust knapp entronnenen Frankfurter Stifter Korn und Gerstenmann. Die ganze Welt, das heißt für einen deutschen Außenminister zuallererst Deutschland, jenes Land, das er vertritt und das nach seiner Auffassung auf Grund seiner Geschichte eine besondere Verpflichtung hat, für Frieden und Versöhnung einzutreten. Fischers Konsequenz daraus lautet: "Der Kampf gegen den Antisemitismus und die unerträgliche Gleichgültigkeit ist eine der wichtigsten Aufgaben unserer Gesellschaft geblieben."
Amos Oz freilich, die "Stimme des Friedens", der "Leuchtturm der Hoffnung", wie ihn Gastgeber Dieter Graumann vom Vorstand der Jüdischen Gemeinde Frankfurt an diesem Abend dem Publikum vorstellte, ist weiterhin und zuallererst Schriftsteller. Ein äußerst produktiver sogar, wie sein neuer, noch nicht in Deutschland erschienener autobiographischer Roman "Eine Geschichte von Licht und Finsternis" beweist, in dem er seine Kindheit im Jerusalem der vierziger Jahre schildert. Iris Berben trug einige wenige Passagen aus diesem Werk vor. Sie machten neugierig auf mehr. HANS RIEBSAMEN