28.04.2009 · Aufrichtige, respektvolle Blicke: „Case Studies“, zwei Serien der Fotokünstler Peter Bialobrzeski und Oliver Boberg, in der Frankfurter L. A.-Galerie.
Von Christoph SchütteIdyllen sehen anders aus. Hübsch im Grünen etwa und aus rotem Backstein, Fachwerk oder auch modern aus Glas. Wo Kinder fröhlich lachend durch den Garten tollen, Kühe grasen, Rosen blühen und überhaupt die Welt vortrefflich eingerichtet scheint. Nicht so armselig und provisorisch jedenfalls, wie all die Häuser und Baracken, Hütten oder Bretterbuden auf den Bildern Peter Bialobrzeskis, die derzeit in der Frankfurter L. A.-Galerie (Domstraße 6) zu sehen sind. Und doch ist es alles andere als Zynismus, nicht sarkastisch, ja nicht einmal Euphemismus bei genauerer Betrachtung, wenn der Bremer Fotokünstler seine neue, in den Slums um Manila entstandene Serie in Anlehnung an das legendäre „Case Study House Program“ „Case Study Homes“ nennt.
Aufrichtigkeit, ja Respekt trifft es schon eher. Denn wenn er mehr als 60 Jahre nach John Entenzas Epoche machender Initiative, von Architekten wie Charles und Ray Eames, Pierre Koenig oder Richard Neutra Prototypen des modernen Bauens in die Hügel um Los Angeles setzen zu lassen, die modellhaft allenfalls bezüglich der Kunst der Improvisation erscheinenden Behausungen der Habenichtse auf einer Müllhalde fotografiert, dann geht es ihm nicht in erster Linie um das nackte Elend. Nicht um Anklage eigentlich, noch um Verklärung und auch nicht um malerischen Exotismus. Vielmehr zeigt Bialobrzeski mit seinen betont sachlichen, dokumentarisch anmutenden, in Wahrheit freilich gänzlich inszenierten Aufnahmen die Nachtseite der Moderne samt ihrer Versprechen für die Menschheit.
Darüber hinaus aber gewinnt er den aus Brettern, Blechen, Pappe und Papier, aus Plastikfolien, bunten Tüchern und allerlei Treibgut gezimmerten Hütten mit der Großformatkamera fast skulptural zu nennende Qualitäten ab. Auch das könnte man bei oberflächlicher Betrachtung durchaus zynisch nennen. Doch heikel ist weniger die klare und im Grunde distanzierte Inszenierung des Motivs als der kühle, abstrahierende Blick des habituellen Kunstbetrachters. Dass Bialobrzeskis aktuelle Serie mit dem parallel dazu vorgestellten konzeptuellen Ansatz Oliver Bobergs insofern mehr gemein hat, als es das bisherige Werk der beiden Fotokünstler nahelegte, ist derweil die eigentliche Überraschung der sehenswerten Ausstellung.
Boberg, von dem man vor allem seine Fotografien städtischer und suburbaner Un-Orte, gesichtsloser Architekturen, Rohbauten und Abrisshäuser kennt, hat sich zwar in seinen neuen Bildern gleichfalls Slumsiedlungen zugewandt. Jenseits des Motivs aber verhalten sich Thema wie Vorgehen zu dem Bialobrzeskis in aller Regel weitgehend konträr. Denn während dieser die Wirklichkeit nicht selten gleichsam fiktionalisiert, haben Bobergs so plausibel anmutenden Motive keinerlei Entsprechung in der Realität, im Gegenteil. Was seine Fotografien zeigen, sind nicht, wie man zunächst glauben könnte, Wellblechhütten und Baracken, sondern idealisierte, Bild gewordene Prototypen, genauer: Bilder von Bildern, wie sie Boberg aus hunderten Vorlagen destilliert und akribisch in der eigenen Werkstatt konstruiert.
Bilder freilich auch, wie wir sie uns allenthalben selbst nach Medienbildern machen. Die Simulation der Realität, hier endlich hat sie die Wirklichkeit ersetzt. Dagegen erscheinen die Computerzeichnungen des 1965 geborenen und eigentlich von der Malerei kommenden Künstlers auf den ersten Blick anders motiviert, stellen sie ihre Kulissenhaftigkeit doch gerade aus. Und doch, Bühnen für eine mediale Inszenierung sind Modell wie Zeichnung gleichermaßen, und eingedenk der mehr und mehr vermittelten und mithin zunehmend abstrakter sich ausnehmenden Wahrnehmung von Welt ist das durchaus konsequent gedacht. Allein, die Subtilität seines fotokünstlerischen Werks erreichen diese Arbeiten nicht.
Bis 23. Mai, Dienstag bis Freitag 12 bis 19 Uhr, Samstag 11 bis 16 Uhr