18.01.2007 · Unter Druck entsteht oft eine eigene Kreativität, sagt der Städelschüler Paul Wiersbinski. Seinen Film „Arbeit Macht Kapital“ drehte er innerhalb einer Woche - und schildert darin seine Sicht auf die Arbeit und die Zukunft.
Von Eva-Maria MagelWie er sich die Zukunft vorstellt? Mal gucken. Vielleicht Theater machen, vielleicht weiter Filme, Videoinstallationen, Performatives. Oder alles zusammen. Am Ende seines zweiten Jahres in der Filmklasse von Städelprofessor Mark Leckey pendelt Paul Wiersbinski zwischen seinen verschiedenen Interessengebieten und genießt die kreative Freiheit an der Städelschule, für die ihm sein Lehrer Vorbild ist.
Demnächst wird der theatererfahrene Student in Berlin an einem Musiktheaterprojekt mitarbeiten - nicht erstaunlich vielleicht, dass der junge Kunstarbeiter, wenn auch mit gemischten Gefühlen, über „Arbeit“ nachdenkt. „Ich sehe heute keine Auseinandersetzung mit dem Begriff“, sagt der 23 Jahre alte Wiersbinski. Für ihn fallen Arbeit und Leben in eins - anders bei seinem Schulfreund Jan Raupach.
Filmvorführung im „haus nummer elf“
Denn Raupach, der zusammen mit dem aus Halle stammenden Wiersbinski das traditionsreiche Internat Pforta an der Saale besuchte, ist seit dem Abitur arbeitslos und nun Zeitarbeiter. Betreut wird er durch das Mannheimer „Job-Center“, wie derlei Arbeitsamtseinrichtungen heute heißen. Dort wird jungen Arbeitslosen ein Videoloop mit Mannheimer Popgrößen wie Xavier Naidoo gezeigt, die ihnen Platituden zuraunen: Sie müssten nur an sich glauben. Dem eine „kaputte Ästhetik“ entgegenzusetzen ist Wiersbinski mit seinem Film „Arbeit Macht Kapital“ in der Tat gelungen.
Wie so oft auf der Suche nach Zuschüssen für seine meist im Team realisierten Projekte, stieß er auf den von der Bundeskulturstiftung ausgeschriebenen Wettbewerb „100.000 Euro Job“. Junge Leute sollten ihre Sicht auf die Arbeit und die Zukunft in Kunstprojekten bis Ende Januar öffentlich präsentieren. Die Bewerber selbst haben im Internet, geradezu basisdemokratisch, das Budget an die Projekte verteilt, die sie am vielversprechendsten fanden - insgesamt 47 sind es geworden. Wiersbinskis Budget kam erst ein paar Minuten vor Schluss zustande. Innerhalb von einer Woche drehte er den knapp viertelstündigen Film „Arbeit Macht Kapital“. Am Freitag um 20 Uhr wird er in der Galerie „haus nummer elf“ an der Stoltzestraße 11, einem von Städelschülern betriebenen und bespielten Projekt, erstmals gezeigt.
Schweinemasken vor dem Arbeitsamt
„Destruktiv“ nennt Wiersbinski den Film - vielleicht ein etwas pauschaler Begriff. Sein Wunsch, „es soll niemand weinen hinterher“ aber ist in Erfüllung gegangen, obgleich abstrakte Szenen, Performance-Elemente und ein aus dem büchnerschen „Märchen“ und den „Drei kleinen Schweinen“ zusammengesetzter Text einer geradezu bodenlosen Trostlosigkeit Ausdruck verleihen. Dazwischen aber zeigt sich Wiersbinskis Interesse am Dadaismus, die Lust daran, „alle Symbole zusammenzuwerfen und dadurch zu entwerten“: Etwa wenn die Darsteller, neben Raupach Städel-Kommilitonen und ein kunstsinniger Frankfurter in prekären Lebensverhältnissen, mit Schweinemasken vor dem Arbeitsamt springen oder Arbeit, Macht und Kapital als Satellitensystem in der Aula der Städelschule nachspielen.
Unter Druck entstehe oft eine eigene Kreativität, sagt Wiersbinski, obgleich er Qualitätsmängel eingesteht. Nachdem er im November mit dem Bremer Videokunstförderpreis eine Arbeit realisiert hat, die streng formal mit einer Gruppe Cheerleader arbeitete, sei der etwas chaotisch realisierte Arbeitsfilm die Gegenreaktion. Immerhin aber kann er von dieser Arbeit sagen, was nicht für jede gilt: Alle Beteiligten hätten Freude dabei gehabt.