21.12.2006 · Zusammen zu reisen, hat schon Erstaunliches zustande gebracht. Im Fall der Offenbacher Filmstudenten und der Frankfurter Schauspielschüler sind daraus Kurzfilme geworden.
Von Jürgen Richter„Dreams are my reality“, versichert der Schlagersänger, während der verliebte Spaziergänger sich vor einem vom Horizont heranschwebenden U-Boot in den Schnee wirft. Seine geliebte Begleiterin hat derweil aber andere Träume und ist sauer. Sie verläßt ihn, und ein Arbeiter nimmt die Szene ein: Das Schild, das er in den Boden rammt, warnt vor übenden U-Booten. Die abgedrehte Phantasie des Spaziergängers wird damit quasi amtlich zur Realität erklärt.
Gedreht, und zwar auf 16-Millimeter-Material, hat die verrückte Episode ein Filmstudent an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung (HfG) im Rahmen der Filmreise 2006. Die führte die HfG-Filmstudenten Yehonatan Richter-Levin, Arne Wallmann, Andrew Meyer, Tania Felske, Matthias Winkelmann, Marko Russo, Michael Herber, Luana Knipfer, Tobias Hornig, Rene Petit, Cornelia Schendel und die Schauspielstudenten Varia Linnea Sjöström, Dorothee Lochner, Marian Funk, Michael Klein von der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt (HMDK) mit Tobias Herrmann und Bahman Kormi von der HfG im Winter in ein nahes Mittelgebirge.
Skurrile Sketche
Während des Aufenthalts in der vorlesungsfreien Zeit entstanden meist skurrile Sketche, die zu einer Rolle von 35 Minuten unter dem Titel „Illusion“ montiert wurden. Jetzt wurde sie im Cinestar Metropolis uraufgeführt, zusammen mit den beiden Kooperationsprojekten der Vorjahre.
Die insgesamt zwölf Fingerübungen leben von den äußeren Bedingungen. Das Hotel zwischen Wäldern und der damals reichlich verfügbare Schnee dominieren die Bilder. Mal rumort im holzverkleideten Dachgeschoß ein clownesk aufgemachtes Phantom, das einer Frau vor dem Ausgehen absurde Bekleidungsempfehlungen gibt. Mal flüchtet zwischen verschneiten Fichten ein junger Bursche vor einer unbekannten Gefahr und vor allem vor dem ungemütlichen Wetter, bis er in der Realität der warmen Stube wieder zu sich kommt. Ebenso sieht sich ein Paar bei der Schneeballschlacht vor dem Haus, lebt einen reizvollen, aber auch unangenehmen Traum, um ihn sich lieber doch aus der beheizten Geborgenheit heraus anzusehen.
Tragische Fiktion
Daß die Träume gerade in einer profanen Umgebung gedeihen können, haben die Filmemacher möglicherweise unterm Zwang der Verhältnisse erfahren und dabei das Beste daraus gemacht. Da wird eine Wohnung mit einem Elternpaar und allen denkbaren Hinweisen auf Kinderglück besetzt, bis das zu Boden gefallene leere Bündel die tragische Fiktion offenbart. Die mittelbare Erzähltechnik wird auch praktiziert, wenn eine Akteurin mit glattgestrichenen Tischdecken und penibel ausgerichteten Sofakissen das Geschehen auf einen ankommenden Besucher ausrichtet. Direkt wird die Umsetzung unsichtbarer Dramen dagegen, wenn die neben dem schüchternen Gast aufkreuzende Dame bedrohliche Projektionen von der peitschenden Domina und dem gefesselten Männlein auslöst.
Voraussetzung für solche kleinen Filme ist, daß jeder von ihnen einen Witz erzählen oder einen Konflikt vermitteln kann. Bei den Arbeitsproben waren ganz individuelle Ausgangslagen erkennbar. Die komische oder die tragische Pointe als Brücke zum Publikum haben alle gefunden.
Die Filmreisen der Jahre 2004 und 2005 mit den Titeln „10“ und „Wunder“ versammeln Geschichten wie „Der Fechter“, „Duell“, „Ich-Wippe“ oder „Erdbeeren aus Argentinien“. Bei der an diesem Abend gebotenen Fülle, stets gespielt von den Schauspielstudenten, kann sich zwar kaum eine Arbeit einprägen. Doch zeigen die von Rotraut Pape und Fritz Groß betreuten Studenten, daß sie Erlebnisse und Eindrücke affektiv oder auch distanziert umsetzen können.