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Film über Iran Ehe für eine halbe Stunde

08.08.2011 ·  Die Regisseurin Sudabeh Mortezai zeigt in ihrem Film „Im Bazar der Geschlechter“ eine unbekannte Seite der iranischen Gesellschaft. Im Frankfurter Kino Mal sehn spricht sie über ihre Arbeit.

Von Claudia Schülke
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Die Weissagung war positiv. Deshalb willigte der junge Mullah ein. Eigentlich hatte er nämlich Bedenken, sich als Kommentator für die Filmarbeiten zur Verfügung zu stellen. Also ersuchte er seinen Lehrer um Rat – ohne freilich seine Fragen und Zweifel auszusprechen. So ist das üblich in Iran. Der Ayatollah sagte Ja zu der zweiten, verschwiegenen Frage: Der Mullah sollte sich der Regisseurin Sudabeh Mortezai anvertrauen. Als geistliche Autorität und Stifter sogenannter Zeitehen leitete er das deutsch-österreichische Filmteam von „Im Bazar der Geschlechter“ mit unbekümmerter Offenheit und Humor über die sexualpolitischen Abgründe der schiitischen Gesellschaft hinweg: „Zeitehen“, so erläutert er die skurril anmutende Praxis legalisierter Prostitution, seien ein probates Mittel gegen die Strafdelikte Unzucht und Prostitution.

Über diese „Schlupflöcher für die Freiheit“ hat Sudabeh Mortezai einen Dokumentarfilm gedreht, den sie jetzt im Frankfurter Programmkino Mal sehn vorstellte. Hier schlugen der iranisch-österreichischen Regisseurin mit dem aparten Wiener Akzent viele erstaunte Fragen der begeisterten Zuschauer entgegen. Dass ein Mullah so freimütig und direkt über Sex redete, verblüffte die meisten.

Erstaunt von der Komplexität des Themas

Aber gerade die muslimischen Geistlichen hätten sich um die Mitwirkung in dem Film gerissen, erfuhr man von der Regisseurin, die sich für den einzig Zögerlichen entschieden hatte. Schwieriger sei es gewesen, das Vertrauen der Frauen zu gewinnen, denn die „Zeitehe“ sei ihrer Legalität zum Trotz gesellschaftlich verpönt, weil wohlhabende Männer und arme Frauen dieses Ventil einer repressiven Gesellschaft missbrauchten.

Mortezai, 1968 in Ludwigsburg geboren und zwölf Jahre in Iran aufgewachsen, bevor sie mit ihren Eltern nach Wien übersiedelte, war während der Dreharbeiten vor drei Jahren selbst erstaunt, wie komplex das Thema war, das sie recherchierte. Iranisch sozialisiert, gelang es ihr zwar, auch die Frauen vor die Kamera zu bekommen, aber nur in den Räumen eines privaten Kosmetiksalons. Unter der Bedingung, dass der Film nicht in iranischen Kinos gezeigt werde, öffneten sich ihr zwei geschiedene alleinerziehende Frauen im Kreise ihrer lebenslustigen Freundinnen. Sie zeigten die Narben von den Schlägen ihrer Ehemänner, führten das Team zu einer Anwältin, die bestätigte, dass geschiedene Frauen in Iran „Freiwild“ seien, und suchten schließlich den Wohltätigkeitsverein des heiteren Mullah auf.

Immer wieder kam spontanes Lachen im Publikum auf

Finanzielle Unterstützung hatte dieser allerdings nicht zu bieten, sondern zwei Kandidaten vom Bazar für eine Ehe auf Zeit, die Männer befriedigt und Frauen das „Brautgeld“ einbringt, das ihnen seit Mohammeds Einführung der „Zeitehe“ zusteht. Die befristete Beischlaf-Gemeinschaft sollte die sexuell ausgehungerten Mekka-Pilger von dazumal befriedigen, heute können sich viele Männer einfach nicht mehr leisten als ein paar Goldmünzen für eine halbe Stunde oder 99 Jahre. Oder sie wollen die Frau fürs Leben mittels einer „Zeitehe“ kennenlernen. Oder sich neben ihren vier erlaubten Ehefrauen noch eine Mätresse halten – sofern sie betucht genug sind. Oder ihr Leben von einer „Zeitehe“ zur nächsten vertrödeln, wie jener Taxifahrer, der im tristen Esfahan vergeblich nach einer Wohnung für Singles sucht.

Immer wieder kam spontanes Lachen im Publikum auf, als „Im Bazar der Geschlechter“ nun vor dem offiziellen Start gezeigt wurde. Mit trockenem Humor und sachlicher Nüchternheit zeigt die Regisseurin, wie beide Geschlechter leiden, um nicht noch mehr unter der Scharia leiden zu müssen, die Ehebruch mit Steinigung und „Unzucht“ vor der Ehe mit hundert Peitschenhieben bestraft. „Was Frauen schadet, schadet auch den Männern“, kontert ein zwanzig Jahre alter Blogger im Gespräch mit dem Mullah. Dieser junge Mann, der eine Website über „Zeitehen“ eingerichtet hat, sei repräsentativ für die neue Generation in Iran, bestätigte Mortezai nach der Filmvorführung. Die Studentenrevolte von 2009 habe sich schon während ihrer Dreharbeiten angekündigt. Ihr Schlussbild beglaubigt dies: Der Mullah weicht im Restaurant einer Gruppe Frauen, die sich über ihn lustig machen. Aber er hat auch diese Szene erlaubt.

Vom 18. August an im Frankfurter Kino Mal sehn. Der Film wird in der persischen Originalfassung mit deutschen Untertiteln gezeigt.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1958, feste freie Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

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