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Felix Semmelroth zum Wegzug Suhrkamps „Die Entscheidung, nach Berlin zu gehen, war nicht notwendig“

08.02.2009 ·  Mit dem Nimbus der Hauptstadt und Geld, das zum Teil aus dem Länderfinanzausgleich stammt, wirbt der Berliner Senat Unternehmen ab. Eine bedenkliche Entwicklung, findet Frankfurts Kulturdezernent Felix Semmelroth.

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Der Suhrkamp Verlag zieht nach Berlin. Das hat Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz am vergangenen Freitag auf einer Mitarbeiterversammlung bekanntgegeben. In Frankfurt soll eine Dependance eingerichtet werden, in der alle drei Stiftungen des Verlags verbleiben. Um Suhrkamp in Frankfurt zu halten, hatte die Stadt der Geschäftsführung angeboten, dem Verlag den derzeitigen Sitz des Börsenvereins am Großen Hirschgraben zu überlassen. Im Interview spricht Frankfurts Kulturdezernent Felix Semmelroth über den Wegzug und über die Konkurrenz mit der Hauptstadt.

Sind Sie sauer auf Suhrkamp-Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz?

Ich bin nicht sauer, ich bin wehmütig. Die Entscheidung, nach Berlin zu gehen, war, wie ich meine, nicht notwendig, aber sie ist natürlich legitim.

Sie haben versucht, das Abwandern des Verlags nach Berlin noch abzuwenden. Frankfurt hat weitreichende Unterstützung bei einem möglichen Umzug in den Großen Hirschgraben zugesagt. Hat es Sie überrascht, dass man sich keine Bedenkzeit nehmen wollte, um das Angebot der Stadt eingehender zu prüfen?

Mich hat das nicht überrascht. Mir war schon seit Tagen klar, dass die Entscheidung für Berlin gefallen war. Gleichwohl haben wir alles getan und entsprechende Vorschläge gemacht, die ein Verbleiben des Verlags in Frankfurt als einleuchtend hätten erscheinen lassen müssen – wirtschaftlich, kulturpolitisch und auch städtebaulich. Das Goethehaus ist eine durchaus gute Adresse in der Nachbarschaft.

Was hat in Ihren Augen den Verlag veranlasst, nach Berlin umzuziehen?

Ganz sicher sind es die wirtschaftlichen Verlockungen aus Berlin, und dann kommen gewiss auch persönliche Motive hinzu. Denn die Lage Frankfurts, der wirtschaftliche Stellenwert der Stadt und ihre kulturelle Vielfalt wären Gründe gewesen, hier zu bleiben.

Suhrkamp hat in die Stadt hineingewirkt. Kann der Verlust kompensiert werden?

Ich glaube, dass man keinen Ersatz braucht. Wenn Sie die Veranstaltungsseiten der Zeitungen anschauen, haben Sie die Qual der Wahl, auch wenn es um Literatur geht. Und wir verstärken das Angebot ja noch. Ein Beispiel ist „Goethe ffm“. Und an Verlagen haben wir auch keinen Mangel.

Immerhin hat S. Fischer seinen Hauptsitz in Frankfurt.

Ein ganz, ganz wichtiger Verlag, der Verlag von Thomas Mann und Franz Kafka. Von Bedeutung und intellektuellem Rang steht er Suhrkamp in nichts nach. Das muss man auch einmal ganz deutlich sagen. Aber wir haben ja auch viele kleinere Verlage in Frankfurt, mit denen die Stadt regelmäßig in Kontakt ist.

Müssen Sie denn jetzt nicht befürchten, dass auch andere Frankfurter Verlage von dem Sog erfasst werden, den die Hauptstadt ausübt?

Ich glaube nicht, dass es diesen Sog so gibt. Es sind einfach die wirtschaftlichen Verlockungen, das ist das Entscheidende. Nach wie vor ist die Deutsche Nationalbibliothek in Frankfurt, es gibt hier ein außerordentlich reges, in seiner Qualität kaum noch zu steigerndes Kulturleben. Aber wenn finanzielle Anreize geboten werden, kann man den Unternehmen auch nicht vorwerfen, darauf zu reagieren. Ob es immer klug ist, Wurzeln zu kappen, ist eine andere Frage. Das gilt ja nicht nur für Verlage.

Auch Udo Kittelmann, bis vor kurzem Leiter des Museums für Moderne Kunst, ist nach Berlin abgewandert. Muss Frankfurt fürchten, in der Konkurrenz mit der Hauptstadt immer mehr an Attraktivität für Kulturleute zu verlieren?

Aber es kommen ja auch Künstler von Berlin nach Frankfurt. Ich erinnere daran, dass Oliver Reese, der ein bedeutendes Theater in Berlin, das Deutsche Theater, leitet, im September Intendant des Frankfurter Schauspiels wird. Und ich könnte Ihnen eine Reihe von Namen hervorragender Institutsleiter nennen, die alle in Frankfurt geblieben sind, obwohl es immer wieder vorzügliche Angebote gegeben hat. Man darf doch die Augen vor den Berliner Verhältnissen nicht verschließen: Denken Sie daran, dass soeben an der Deutschen Oper eine Haushaltssperre verhängt wurde. Der rot-rote Senat setzt offenkundig alles daran, um das Image zu verbessern. Einerseits wird abgeworben, werden Arbeitsplätze aus anderen Städten abgezogen mit Fördermitteln und Geld aus dem Länderfinanzausgleich, andererseits werden Haushaltssperren verhängt.

Bisher haben wir in Deutschland mit der Verteilung der Kultur auf viele große Städte gute Erfahrungen gemacht. Ändert sich die Situation in Richtung auf einen kulturellen Zentralismus?

Das ist eine ganz grundsätzliche Frage: Wie ist das Verhältnis eines föderalistisch aufgebauten Staates zu seiner Hauptstadt? Kann es angehen, dass die Hauptstadt ihren Nimbus und ihre Fördermittel nutzt, um den anderen großen Städten zu schaden und sich selbst aufzuwerten? Frankfurt ist ohne Zweifel wirtschaftlich wesentlich stärker als Berlin. Darum haben wir auch, obwohl man das ordnungspolitisch durchaus kritisch betrachten kann, dem Berliner Angebot etwas entgegengesetzt, das zweifellos hochattraktiv war. Und wir hätten nicht fremdes Geld eingesetzt, sondern unser eigenes, das Geld unserer Steuerzahler.

Nun war Berlin immer auch eine der großen europäischen Verlagsstädte.

Keine Frage. Aber das gilt auch für München, Hamburg, und es galt und gilt für Frankfurt.

Wobei kein anderer Verlag mit irgendeiner anderen Stadt so eng verbunden ist wie Suhrkamp mit Frankfurt.

Ich denke, er hat hier eine vorzügliche Stellung eingenommen und ist in der Tat ganz eng mit der Geistesgeschichte der Stadt verbunden, wenn man etwa bedenkt, dass das Institut für Sozialforschung 1924 in Frankfurt gegründet wurde. Autoren wie Adorno, Habermas, Benjamin haben bei Suhrkamp veröffentlicht. Da gibt es eine ganz enge Verbindung mit der intellektuellen Auseinandersetzung in den sechziger und siebziger Jahren. Und in den achtziger Jahren hat es sich fortgesetzt zum Beispiel in der Diskussion über die Systemtheorie von Niklas Luhmann oder über den Poststrukturalismus. Derrida war Suhrkamp-Autor, er hat den Adorno-Preis der Stadt bekommen. Das ist nur eines von vielen Beispielen für die enge Verbindung von Stadt und Verlag.

Das ist Geschichte. Wenn jetzt die Rede davon ist, dass Suhrkamp eine Dependance behält, womöglich finanziell unterstützt von der Stadt, hat man den Eindruck, hier gehe es im Wesentlichen ums Archiv, um eine Art musealer Erinnerung. Wird Suhrkamp zur städtisch subventionierten Briefkastenfirma?

Auf keinen Fall. Die Geistesgeschichte, mit der der Verlag verbunden ist, muss in Frankfurt auch durch entsprechende verlegerische Aktivitäten erkennbar sein. Darüber werden wir zu sprechen haben. Es kommt darauf an, dass wesentliche Verlagsbestandteile hier bleiben. Sonst gäbe es keinen Grund für ein irgendwie geartetes städtisches Engagement.

Die Fragen stellte Michael Hierholzer.

Quelle: F.A.Z.
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