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„European Youth Circus“ in Wiesbaden Junge Stars in der Manege

Bis Sonntag ist Wiesbaden nicht nur hessische Landeshauptstadt, sondern auch europäische Hauptstadt - die Kapitale des Zirkus. Für das „European Youth Circus“-Festival treffen sich hier die besten Jung-Artisten Europas.

© Kretzer, Michael Vergrößern Verkreuzt: Doch der junge Diabolo-Star Georgio aus Tschechien behält die Fäden in der Hand.

Nicht Zirkusfestival der Jugend, sondern „European Youth Circus“ heißt das Festival, das am Donnerstag mit einer ersten Vorstellung im Zelt auf dem Dernschen Gelände mitten in Wiesbaden begonnen hat. Der englische Titel ist deswegen notwendig, weil es sich um ein Treffen der besten Jung-Artisten aus ganz Europa handelt. Und unter diesen ist Englisch die Verkehrssprache.

Ihre Kunst verstehen freilich alle. Selbst die Schüler diverser Wiesbadener Grundschulen, die gestern Morgen den überwiegenden Teil des Publikums bildeten, erkannten sofort, welche Tricks besonders schwierig und welche Darbietungen ungewöhnlich mitreißend waren. Gleich vom ersten Artisten im Programm, dem 23 Jahre alten furiosen Diabolo-Künstler Georgio aus der Tschechischen Republik, erzwang die tosende Menge eine Zugabe. Die Zirkusdarbietungen könnten im Übrigen durchaus eine positive pädagogische Wirkung auf die Kinder besitzen. Am Beispiel der jungen Artisten lernen Schüler, dass es einer unendlich großen Mühe und eifrigen Trainings bedarf, um eine besondere Leistung zu erbringen.

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Zuschauen ist fast ein Privileg

Dem Festival als Zuschauer beiwohnen zu können ist mittlerweile fast ein Privileg. Alle sechs Vorstellungen sind seit langem ausverkauft - die Macher treffen mit ihrem Programm offenbar den Nerv der Besucher. Wer auch ohne Ticket etwas vom Geist der Zirkuswelt mitbekommen möchte, kann am Sonntag um 11Uhr den ökumenischen Gottesdienst im Zelt vor dem Rathaus besuchen, der ob der Auftritte der Artisten eine ungewöhnliche Form besitzen wird.

Fast vergessen ist, dass alles 1987 klein angefangen hatte mit einem Treffen von Artistenschülern in einer Wiesbadener Turnhalle. Niemand sah damals wohl die Entwicklung zu einem weltweit beachtetes Festival voraus. Mittlerweile kann sich das professionell organisierte Spektakel mit jedem anderen Zirkus-Festivals in Europa messen. Sogar Monte Carlo macht es mittlerweile den Wiesbadenern nach und organisiert im Anschluss an sein berühmtes Festival im Januar, das als eine Art Weltmeisterschaft der Zirkuskunst gilt, ein spezielles Festival für junge Artisten.

Charme, Selbstsicherheit und viel Talent

Diese können, wie der gerade elf Jahre alte Svaytoslav Rasshivkin aus dem Moskauer Nikulin-Zirkus gestern bewiesen hat, zuweilen auch in jungen Jahren schon sensationelle Leistungen bieten. Mit welchem Charme und welcher Selbstsicherheit der Junge vor das Publikum trat, erregte Bewunderung. Gar nicht zu sprechen von seinen artistischen Leistungen an den Strapaten. An zwei Bändern rollte sich Svaytoslav in den Himmel über der Manege hoch und demonstrierte mit unglaublicher Sicherheit seine Tricks. In der Altersgruppe von zehn bis 17 Jahren dürfte dieser kleine Russe gewiss einen Preis gewinnen. Johnny Klinke, der Direktor des Varietés Tigerpalast in Frankfurt, hätte ihn gestern am liebsten sofort unter Vertrag genommen.

Klinke ist Sprecher der mit sechs Fachleuten besetzten Jury. Sie vergeben Gold, Silber und Bronze in der besagten Altersgruppe der Jüngeren und jener mit Artisten von 18 bis 25 Jahren. Die 1500 Euro beziehungsweise 2000 Euro für die Sieger machen nicht die Hauptattraktivität des Festivals aus. Wer nach Wiesbaden eingeladen wird, bekommt die Chance, sich mit seiner Nummer Zirkus- und Varieté-Größen vorzustellen. Elisabeth Schmidt aus Weimar etwa hofft darauf, mit ihrer Darbietung am Schwebetuch einem Zirkusfachmann aufzufallen und ein Engagement zu bekommen. Die Neunzehnjährige hat vor einigen Monaten die Zirkusschule in Berlin mit Abitur und Artistendiplom abgeschlossen. Sie wurde mit dem Titel „Newcomer des Jahres“ ausgezeichnet und durfte bei den Olympischen Spielen in London bei der Eröffnung des Deutschen Hauses auftreten.

Alles, was ein richtiges Festival auszeichnet

Die zierliche blonde Frau verblüfft mit einer trickreichen, schwierigen Nummer an einem Tuch, das von einem breiten Trapez „herunterschlappt“. Elisabeth, wie sie in Wiesbaden alle nennen, denkt nicht an Gold und nicht an den Vertrag im Tigerpalast, der als Belohnung winkt. Sie sei überhaupt schon froh, nach Wiesbaden eingeladen worden zu sein, sagt sie, die als Vierzehnjährige in die Hauptstadt gezogen war, um eine Artistenausbildung zu machen. Begeistert waren ihre Eltern über den Entschluss nicht, doch jetzt, da ihre Tochter den Abschluss geschafft hat, sind sie stolz.

Wiesbadens Zirkusfestival besitzt mittlerweile alles, was ein richtiges Festival auszeichnet. Sogar einen Regisseur. Sebastiano Toma könnte sich als Glücksgriff erweisen, er hat mit den Artisten aus 14 Ländern doch eine hinreißende Eröffnungsszene einstudiert. Die jungen Leute sitzen hinter Schulbänken und werden von einer strengen Lehrerin gestriezt. Mitten im Unterricht schlafen sie ein und träumen von artistischen Auftritten.

Musikalisch begleitet wird das Festival von einer Band, die sich eigens für dieses Ereignis zusammengefunden hat. Das Kulturamt mit Jörg-Uwe Funk und seinem engagierten Team hat alles sorgfältig vorbereitet. Die Macher des Monte-Carlo-Festivals hätten es nicht besser machen können.

Quelle: F.A.Z.

 
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