„Cool!" Mehr gibt es im Grunde auch nicht zu sagen. Dabei ist Tommys Welt von Max' Erfahrungshorizont doch auf den ersten Blick unendlich weit entfernt. Das Album von The Who ist vor mehr als 40 Jahren erschienen, Ken Russells Verfilmung ist auch schon gut und gerne 35 Jahre her, und selbst Pete Townshends mit Des McAnuff realisierte Musicalfassung des Stoffes hat lange vor Max' Geburt den Broadway, das Londoner Westend und schließlich, Mitte der neunziger Jahre, auch Deutschland und das Capitol in Offenbach erobert.
Vor allem aber ist die Geschichte des durch den Mord seines Vaters an dem Liebhaber seiner Mutter traumatisierten, taub, stumm und blind gewordenen Tommy Walker im Vergleich zu vielen anderen Produktionen des Genres kein leichter Stoff. Vielmehr ist "Tommy" für Townshend gerade wie für den Regisseur Ryan Mc Bryde gleichsam ein Spiegel des englischen Kriegstraumas, das von Generation zu Generation weitergegeben worden sei. Und im Grunde folge alles, Beat und Mods und selbst der Punk, daraus. Das alles freilich ist Geschichte, Zeit- und Rock- und Popgeschichte gleichermaßen.
Max und Moritz ohne Scheu
Und doch findet der zehn Jahre alte Max Schwarzkopff, der bei der Premiere des vom Frankfurter English Theatre derzeit in London produzierten Rockmusicals den sechs Jahre alten Tommy spielen wird und soeben eine Woche seiner Herbstferien bei den Proben mit dem Ensemble verbracht hat, die Story gerade wie die Musik und Songs wie "Pinball Wizard" einfach klasse. "Cool" eben. "Sonst hätte ich gar nicht mitgemacht."
Da ist er für sein Alter erstaunlich konsequent. Denn ganz so theaterverrückt wie Moritz Florschütz, der den größeren, zwölf Jahre alten Tommy spielt, ist Max bei aller Begeisterung dann doch nicht. Moritz spielt seit Jahren bei der Bad Homburger Volksbühne mit und will Schauspieler werden. Doch auch Max merkt man die fehlende Bühnenerfahrung bei den Proben im Bloomsbury Theatre im Zentrum Londons kein bisschen an, im Gegenteil. Beide, Max und Moritz, zeigen keinerlei Scheu in dieser dichten, schweißgetränkten Atmosphäre, wo Ryan McBryde und Choreograph Drew McOnie, die gemeinsam schon "The Full Monty" und "Spring Awakening" für die größte englischsprachige Bühne des europäischen Kontinents inszeniert haben, gerade mit den vierzehn Profidarstellern "Tommy" einstudieren. Vor allem in den Ensembleszenen scheinen sie ganz offensichtlich ihren Spaß zu haben.
Doch der Blick hinter die Kulissen zeigt auch, dass das, was bei der Premiere leicht und selbstverständlich ineinandergreifen und nach drei Monaten in Frankfurt sogar auf Tournee gehen soll, erst einmal vor allem Arbeit ist. "Das waren die härtesten ,Auditions', die wie für Frankfurt je gemacht haben", sagt McOnie beim gemeinsamen Mittagessen. "Schließlich wollen wir, dass die Darsteller alles können: singen, tanzen, schauspielern." Und in der Tat, in den Proben hinterlassen Natalie Langston und Mark Powell, die schon für "Evita" gemeinsam auf der Bühne gestanden haben und hier das Ehepaar Walker spielen, hinterlassen der "Tommy"-Darsteller Leo Miles oder auch Giovanni Spanó als Kevin nicht nur stimmlich einen starken Eindruck.
Wie das freilich einmal genau aussehen soll, wenn am 12. November in Frankfurt der Vorhang hochgeht, kann man als Probenzuschauer an diesem Nachmittag zunächst allenfalls erahnen. Die Bühne mit den gewaltigen ruinösen Kulissen einer zerbombten Stadt wird in Frankfurt gerade erst gebaut, als Flipper für den zum "Pinball Wizard" aufsteigenden Tommy dient ein schlichter Tisch, und die mit Bändern abgeklebte Spielfläche füllt den kleinen Raum beinahe zur Gänze aus: Präzision ist hier schon in den Proben alles. Und statt der sechs Mann starken Band, die in Frankfurt für den rockigen Sound sorgen soll, begleitet der musikalische Leiter Thomas Lorey die Gesangsproben allein an einem leicht verstimmten Klavier.
Und doch ist man schon bei den ersten Takten mittendrin. Sind Rhythmus, Texte, Melodien der längst zu Klassikern avancierten und für Frankfurt teils neu arrangierten Songs gleich wieder präsent, und sieht man die barfuß und in Trainingskleidung ausgeführten Schritte, Hebungen und Figuren sich zu komplexen, temporeichen Choreographien und immer neuen Bildern fügen. Wie intensiv sich das Ensemble seit Beginn der Proben für die gemeinsame Stückentwicklung mit dem Stoff beschäftigt hat, verraten derweil nicht zuletzt die gezeichneten Storyboards, historische Fotos und Produktionsnotizen an der Wand.
Gilt doch für die jungen Profis gerade wie für die Kinder Max und Moritz, dass Tommys Welt, das London der vierziger bis sechziger Jahre also, ja selbst ein Flipper, wie er noch vor 20 Jahren in bald jeder Kneipe stand, ihren persönlichen Erfahrungshorizont nicht einmal entfernt berühren. Als Musical, das mit Krieg, Traumata und Missbrauch schwierige Themen behandle, so Mark Powell, sei "Tommy" denn auch "eine große Herausforderung". Schließlich geht es zugleich um Unterhaltung. Und darum, den jungen Zuschauern gerade wie den Fans der ersten Stunde einen, wie Max wohl sagen würde, "coolen" Abend zu bereiten. Und keineswegs zuletzt darum, wie schon Pete Townshend und The Who vor 40 Jahren, das Publikum zu rocken.

