13.05.2007 · „Laughing Wild“ von Christopher Durang hatte im English Theatre Premiere: Ein Stück, das so handlunglos ist wie die Zeitgenossen, die es vorführt, handlungsunfähig sind.
Von Michael HierholzerEs gibt Zeiten, in denen es einem durchschnittlichen Stadtneurotiker nicht einmal gelingt, im Supermarkt eine Dose Thunfisch zu kaufen. Der eine überlegt so lange, ob er das „Hühnchen des Meers“ im eigenen Saft oder doch lieber in Öl erstehen soll, bis er von einer erbosten Kundin, die seinetwegen nicht ans Regal kommt, auf den Kopf geschlagen wird. Die andere ergreift, weil sie einen Mann, der sich nicht für diese oder jene Packung Fisch entscheiden kann, niedergeschlagen hat, die Flucht aus dem Laden.
Diese Szene steht im Mittelpunkt von Christopher Durangs Stück „Laughing Wild“, das jetzt unter der Regie von Heather Davies im English Theatre in Frankfurt Premiere hatte. Das Bühnenwerk für zwei Personen besteht aus den Monologen der „Frau“ und des „Mannes“ im ersten Teil sowie einer Aneinanderreihung turbulenter Traumsequenzen im zweiten Teil, in denen sich ebenjene Frau und jener Mann im Unbewussten begegnen.
Single-Sein als Daseinsweise Nummer eins
Tatsächlich allerdings kommen sie nie zusammen. Dergleichen hält der Alltag in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, in denen sich das Leben noch einmal radikal beschleunigt hat und die Single-Existenz zur gewollt-ungewollten urbanen Daseinsweise Nummer eins geworden ist, nicht bereit.
Die dramatische Form des ersten Akts ist die hysterische Ansprache. Zunächst wendet sich die „Frau“ (Sarah Mennell) ans Publikum. Es sprudelt aus ihr heraus, sie stellt ihre verkorkste Psyche aus, sie erzählt, wie es ihr nicht einmal gelingt, in New York ein Taxi zu bekommen. Sie ist ein Nervenbündel. Ohne Job. Ohne Mann. Ohne Thunfischdose. Von Minderwertigkeitskomplexen geplagt und durchdrungen vom Hass auf gewisse Medienpersönlichkeiten. Der postmoderne Großstadtmensch ist schließlich nicht nur dem real existierenden Flimmern der Metropole ausgesetzt, sondern auch noch den Bildern und Meinungen aus Fernsehen und anderen Massenmedien.
Die Talkshow avancierte in den achtziger Jahren zum universellen Mittel, alles mit allem zu verbinden, dabei aber nichts Essentielles zu sagen. Damit entspricht sie dem Ideal der Postmoderne, die zu interessanten architektonischen Entwürfen geführt hat, aber nicht eben dazu angetan ist, das individuelle Wohlgefühl zu steigern. Der real existierende Mensch verliert sich.
Wahnsinn in der Metropole
Dies hat Durang trefflich herausgearbeitet. Hinter der komischen Hysterie, hinter der absurden Talkshow der Akteure mit sich selber klafft der Abgrund. Die Klapsmühlen-Metapher spielt daher nicht ohne Grund ebenfalls eine wichtige Rolle im Monolog der Frau. Beim Mann (Tim Beckmann) dagegen steht das Esoterische im Mittelpunkt. Verzweifelt versucht er es mit „positive thinking“. Er hat sich dem „New Age“ verschrieben. Aber das alte traurige Ich kann sich nie lange verstecken. Trotz aller Workshops, in denen man lernen soll, das Glas halb voll und nicht halb leer zu sehen.
Vollends zur Groteske wird das Stück, wenn der Mann als „Infant of Prague“, als Prager Jesulein, in den Träumen der Frau herumgeistert, die für die Talkshow-Gastgeberin Sally Jessy Raphael eingesprungen ist. Nun geht es auch noch um Religion und Sex. Aber die Personen haben weder das eine noch das andere. Ebenso wenig hat dieses Stück eine Handlung. Es ist so handlungslos, wie die Gegenwartsmenschen, die es vorführt, handlungsunfähig sind. Dabei bleibt das Stück pragmatisch: Dass es sich im zweiten Akt um Träume handelt, wird klar ausgesprochen.
Und auch am Titel wird kein Zweifel gelassen: „Laughing Wild“ bezieht sich auf Becketts Stück „Happy Days“, in dem die zur Hälfte eingegrabene Winnie sich Thomas Grays Verse bruchstückhaft in Erinnerung ruft: „Something laughing wild amidst severest woe.“ Das „something“ bei Gray aber ist „moody madness“. Heather Davies bringt den Wahnsinn, der in der Metropole lauert, brillant zum Ausdruck, wenn sie ihr gekünsteltes Lachen zum Besten gibt, das eigentlich zum Weinen ist. Dieser Abend bietet angelsächsisches Theater in Bestform. Und keine Achtziger-Jahre-Nostalgie.