Home
http://www.faz.net/-gzg-74bij
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

English Theatre Die Hoffnung stirbt immer zuletzt

Fester Glaube an den perfekten Mann: Das Erfolgsmusical „Sweet Charity“ hatte im English Theatre Frankfurt Premiere.

© Bobby Anders Wo steckt hier der richtige Mann? Szene aus „Sweet Charity“ im English Theatre in Frankfurt

Süße Charity. Arme Charity. Dumme Charity. Könnte sie ihre Weisheiten statt aus romantischen Filmschnulzen nicht aus zeitgenössischen Popsongs beziehen? Etwa von diesen vier Typen aus Liverpool, die Mitte der sechziger Jahre auch Amerika längst im Sturm genommen hatten. „For money can’t buy me love“ sangen diese Beatles, doch Charity hat es in New York nicht gehört. Also füttert sie einen Kerl wie Charlie, dessen Name sie sich sogar hat auf den Oberarm tätowieren lässt, erst durch, umsorgt und pflegt ihn, um dann von ihm im Central Park nicht nur um ihre Ersparnisse gebracht, sondern auch noch in den See gestoßen zu werden. Aber die reizende, fürsorgliche und so naive Charity glaubt weiter an den richtigen, den perfekten Mann, der ihr gewiss einmal über den Weg laufen wird. Nachteilig nur, dass Charity gerade bei ihrer Arbeit als Animiermädchen und Tänzerin in einem Amüsierschuppen solch einem Mann zu begegnen hofft.

1966 hatte der später mit „Cabaret“ zu Weltruhm gelangte Choreograph und Regisseur Bob Fosse den Plot von Federico Fellinis preisgekröntem Film „Die Nächte der Cabiria“ als Grundlage für das Musical „Sweet Charity“ gewählt, zu dem Neil Simon das Buch, Cy Coleman die Musik und Dorothy Fields die Texte beisteuerten. Aus Fellinis naiver Prostituierter Cabiria wurde die Tanzhostess Charity Hope Valentine, die eine unverbrüchliche Hoffnung nicht nur im Namen trägt, sondern sich trotz aller Enttäuschungen den Glauben an bessere Zeiten bewahrt. Obwohl das Musical auch von der Vereinsamung des Menschen in der Stadt, schlechtbezahlten Jobs und weiblicher Erniedrigung handelt, überwiegt doch ein optimistischer Grundton, der letztlich auch den großen Erfolg des Stücks erklären dürfte, das allein am Broadway zwei Neuauflagen erlebte, von den zahlreichen internationalen Inszenierungen ganz zu schweigen. Diese Liste wird nun in Frankfurt fortgeschrieben, wo „Sweet Charity“ in einer Inszenierung von Ryan McBryde am English Theatre zu sehen ist.

Großes Herz statt Laszivität

McBryde hat in den vergangenen Jahren mit „Hair“, „Spring Awakening“ und „The Who’s Tommy“ schon mehrfach am English Theatre sein großes Talent für kraftvolle, mitunter sogar grimmige Musical-Umsetzungen gezeigt, die nie nur Vehikel für berühmte Songs waren, sondern die Geschichten und ihre Darsteller in den Mittelpunkt rückten. Dieser Maxime folgt McBryde auch bei „Sweet Charity“, das insgesamt aber leichter, beschwingter und vor allem humorvoller als die vorherigen Musicals daherkommt. Das ist zum einen den eher an Jazz und Swing als der Popmusik der sechziger Jahre orientierten Kompositionen Cy Colemans mit Klassikern wie „Hey Big Spender“ geschuldet. Zum anderen setzt die Inszenierung eindeutig auf die wie eine austrainierte Tänzerin wirkende und beachtlich singende, vor allem aber mit einem natürlichen komödiantischen Talent gesegnete Hauptdarstellerin Kate Millest, die besonders herausstellt, dass Charity nicht mit Laszivität, sondern mit einem großen Herzen ihren Traumprinzen finden will.

Mehr zum Thema

Als solcher entpuppt sich allerdings weder Charlie noch der italienische Filmstar Vittorio Vidal noch der Versicherungsangestellte Oscar Lindquist, die in Frankfurt allesamt von einem tatsächlichen Filmstar dargestellt werden. Ian Virgo spielte unter anderem in Ridley Scotts „Black Hawk Down“ wie auch in Steven Spielbergs Fernsehserie „Band of Brothers“ mit, darf nun aber die Uniform im Schrank lassen und dafür seine komödiantische Seite zeigen. In diesen Szenen, für die Diego Pitarchs gelungenes Set mit wenigen Handgriffen stets das passende Bühnenbild liefert, funktioniert „Sweet Charity“ wie Neil Simons berühmte Komödien à la „The Odd Couple“.

“Sweet Charity“ wird bis 17. Februar Dienstag bis Samstag um 19.30 Uhr, Sonntag um 18 Uhr gezeigt.

Quelle: F.A.Z.

 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Zur Lage des Theaters Zum Teufel mit dem Realismus!

Auf der Bühne ist die letzte Provokation zur Konvention geworden, die Avantgarde ist anderswo. Aber noch immer kann das Theater Momente schaffen, die einem Herz und Verstand umdrehen. Ein Plädoyer für mehr Mut zu Fremdheit und Verstörung Mehr Von Simon Strauß

01.08.2015, 13:23 Uhr | Feuilleton
Vorher/Nachher-Animation Checkpoint Charlie nach Kriegsende und heute

Animation des Blicks auf Checkpoint Charlie vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis heute. Mehr

30.04.2015, 17:21 Uhr | Aktuell
Sommerwerft in Frankfurt Feuerspuren und nächtliche Theaterkunst

Spektakuläre Feuershows und Kunst im Beduinenzelt: Unter dem Leitspruch Kreativität statt Konsum bietet das Theaterfestival Sommerwerft noch bis zum 2. August Programm für warme Abende. Mehr Von Jürgen Richter, Frankfurt

23.07.2015, 18:01 Uhr | Rhein-Main
Tatort-Trailer Frohe Ostern, Falke

Eine österliche Charity-Gala in Sachen Flüchtlingshilfe wird von der Aktivistengruppe Bad Easter Bunnies überfallen. Bald spitzt sich die Lage zu und der Anführer der Entführer tötet eine – nur scheinbar – beliebige Geisel. Mehr

02.04.2015, 15:07 Uhr | Feuilleton
Udo Lindenberg in Frankfurt Wassfürn gigantischaempfang

Udo feiert Udo, wie er swingt und kracht: Der nimmermüde über die Bühne hastende Rockopa ist der Motor der Deutschrockmaschine, der so viele entdeckt und gefördert hat. Auch beim Tourfinale in Frankfurt blieb er nicht allein auf der Bühne. Mehr Von Oliver Maria Schmitt

20.07.2015, 09:08 Uhr | Feuilleton

Veröffentlicht: 12.11.2012, 23:23 Uhr

Schweigen und preisen

Von Matthias Alexander

Mit seinen Vorgängern im Amt zurechtzukommen ist so eine Sache. Bei Frankfurts Oberbürgermeister Feldmann läuft das besser als bei Wiesbadens Stadtoberhaupt Sven Gerich. Mehr 0