"Ich bin frei! Der König rudert!" Anfang und Ende liegen in diesem Satz, den der Narr jubelnd, mit hochgerissenen Armen, hervorstößt. Ist er selbst den garstigen Herrn los, oder befinden wir uns immer noch in seinem verzwickten Märchen, das fast anderthalb Stunden durch Schlösser, Wälder und die Hölle mäandert?
"Kwast oder Der Narr des Königs", mit dem der Schauspieler Michael Quast den ersten Teil seiner bis 23.November dauernden Werkschau im Frankfurter Mousonturm eröffnet, ist ein großes Spiel im Spiel. Märchenfreund F.K.Waechter hat es Michael Quast auf den Leib geschrieben, und das maßgeschneiderte Stück paßt wie angegossen - ganz im Gegensatz zu der unförmigen leuchtendrosa Hose, die Quast sich über einen enormen Schaumgummi-Bauch und -Hintern gezogen hat.
Aus den geräumigen Hosentaschen zaubert er das wichtigste Requisit seiner Geschichte: einen Galgenstrick, der mit seinem kunstvollen Knoten Gewehr, Kind, Zopf oder Peitsche vorstellt - je nachdem, in welche der mehrere Dutzend Rollen seiner Geschichte Quast gerade schlüpft. Kwast, so bedeutet es der Strick, erzählt um sein Leben. Er erzählt dem bösen König von einem bösen König, von dem Knaben mit der Glückshaut, der dessen Tochter heiraten wird und den der König auf vielerlei Weisen zu beseitigen versucht - bis er ihn schließlich zum Teufel schickt, drei goldene Haare zu bringen.
Es ist das Grimmsche Märchen vom Teufel mit den drei goldenen Haaren, das Waechter für Quast ein wenig angereichert hat, um diesem den größtmöglichen Raum für sein Spiel zu geben. Quast nützt das weidlich aus: Händereibend gibt er den schmierigen Minister, der für seinen König über Leichen geht. Flugs wendet er sich auf die andere Seite und wird, mit säuselnder Stimme und gefalteten Händen, zum devoten Hofgeistlichen. Kichernd und mit Piepsstimme imitiert Quast/Kwast die Königstochter, die den Jungen mit der Glückshaut vor allem sexuell interessant findet, und gibt gar eine ganze Hofgesellschaft, die sich splitterfasernackt dekadenten Spielchen hingibt, während die Hochzeit des ungleichen Paares gefeiert wird. Quast hat Gelegenheit, seine schon in zahlreichen Bühnenprogrammen belegte vielseitige Begabung vorzuführen. Auf der leeren Bühne, nur gegen Ende kommen eine Leinwand und ein wenig buntes Licht hinzu, läßt er in seiner absurden Kostümierung alle Figuren erstehen. Wenige Gesten, wechselnde Stimmlagen und Dialekte reichen, um das zum Teil recht merkwürdige Personal von Waechters Märchenfassung zu charakterisieren. Quasts anerkannte Meisterschaft in der Erzeugung von Geräuschen, sein Geschick, völlig ohne Requisiten den Eindruck zu erwecken, sich in opulenten Kulissen zu bewegen, machen "Kwast" zu einer Augen- und Ohrenweide.
Der Tyrann jedoch, der unterhalten werden muß, ist letztlich nicht der unwirsche König, sondern das Publikum selbst. Kwast wird so zum Alter ego des Schauspielers, der sich verbiegt und entblößt, seine Späße treibt und versucht, ein Monster bei Laune zu halten, das Überraschungen verlangt. Sogar dann, wenn Klassiker gegeben werden, deren Ende niemanden mehr überraschen kann. Das ein oder andere Mal geht dieses Entertainment auch zu weit - vor allem, wenn Quast abrupt vom schönsten Erzählen aus in rockigen Gesang am Mikrophon verfällt. In diesen Momenten sieht es so aus, als wolle er das Altbekannte gewaltsam interessant machen. Das aber ist bei einem so begnadeten Märchenspieler wie Quast gar nicht nötig. (Weitere Vorstellungen von "Kwast" heute bis Sonntag jeweils um 20 Uhr. Am 20. November wird die Quast-Werkschau mit "Faust I" fortgesetzt.) EVA-MARIA MAGEL

