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Eichborn-Verlag Von Fliegen, Manieren und Aktien

 ·  Vor 14 Tagen hat Eichborn Insolvenz angemeldet. In der Krise steckt der Verlag schon lange. Ein Rückblick auf die Geschichte des Unternehmens, das vor dreißig Jahren sein erstes Programm vorlegte.

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Dass Eichborn in einer existenzbedrohenden Krise steckt, hat auch etwas mit Harry Potter zu tun. Während J. K. Rowling die Potter-E-Books von Oktober an über ihre neue Internetseite verkauft, vorbei am Buchhandel, und auf diese Weise die nächste Gelddruckmaschine anwirft, brachten die Merchandising-Produkte für den ersten Potter-Film zu Beginn des neuen Jahrtausends neben Eichborn gleich noch einen Verlag in Schwierigkeiten: die Achterbahn AG aus Kiel, die zu dieser Zeit Anteile an dem Verlag aus der Frankfurter Kaiserstraße hielt. Im Gefolge von Achterbahn hatte Eichborn teure Lizenzgebühren für Produkte rund um Rowlings Zauberlehrling bezahlt, die sich danach weit schlechter verkauften als erwartet.

Dabei wusste man bei Eichborn seit dem Erfolg des „Kleinen Arschlochs“ von Walter Moers ziemlich gut, wie man Bücher vermarktet und sie anschließend in anderer Darreichungsform weiter zu Geld macht. Für die Lizenz zur Verfilmung des Comics hatte Eichborn eine Summe erhalten, von der es damals hieß, sie sei die höchste, die in Deutschland bis dahin für eine Filmlizenz gezahlt worden sei. Das Vorbild von Achterbahn erwies sich in diesen Jahren aber in mehrfacher Hinsicht als zu verführerisch. Der Verlag aus Schleswig-Holstein, der mit „Werner“ und den Comics von Ralf König sowie ihren Verfilmungen zu Geld gekommen war, machte Eichborn 1997 auch den Gang an die Börse vor, den man an der Kaiserstraße drei Jahre später ebenfalls wagte. Achterbahn ging dann allerdings schon 2002 pleite, bei Eichborn hat man etwas länger durchgehalten und mit der Beantragung des Insolvenzverfahrens bis Mitte Juni dieses Jahres gewartet.

Sponti-Sprüche von Frankfurter Bauzäunen und Hauswänden

Als Achterbahn Eichborn in Schwierigkeiten brachte, hatte Vito von Eichborn, der den Verlag im Jahr 1980 in Frankfurt in das Handelsregister hatte eintragen lassen, das Unternehmen schon längere Zeit verlassen. Unter seiner Führung hatte alles ähnlich und doch anders begonnen, durchaus mit Comics und Geschäftssinn, aber noch ohne den Drang zur Vervielfachung des Kapitals durch Börsenspekulation. Während Suhrkamp die alte Bundesrepublik von Frankfurt aus mit dem Leitkultur-Ernst der Achtundsechziger versorgte, war Eichborn der Verlag für jene Angehörigen der Linken, die über den Einsatz für die Revolution den Kampf gegen den Ernst nicht vernachlässigen wollten.

Als Eichborn 1981 erstmals mit einem Programm herauskam, war der erste Titel eine Sammlung von Sponti-Sprüchen, die der Verleger auf Frankfurter Bauzäunen und Hauswänden aufgespürt hatte. Sie kostete ihn kein Honorar, verkaufte sich aber in einer Auflage von mehr als einer halben Million Exemplaren. Der geschäftliche Erfolg mit verlegerischen Experimenten dieser Art blieb Vito von Eichborn auch in den nächsten Jahren treu. Um sein Unternehmen zu finanzieren, hatte der 1943 geborene Taschenbuchlektor des Fischer-Verlags für 200 000 Mark ein einige Jahre zuvor erworbenes Haus in Sachsenhausen verkauft.

„Ratten und Schmeißfliegen“

Neben Wagemut dieser Art besaß Eichborn ein Gespür für das Geschäft mit der Qualität. Der größte finanzielle Erfolg des Verlages begann mit einem Manuskript, das ein junger Zeichner 1984 unverlangt eingesandt hatte. Zu Vito von Eichborns sechzigstem Geburtstag erinnerte Walter Moers sich in dieser Zeitung daran, wie der Verlagsleiter ihn eines heißen Sommertages in einer stickigen Dachgeschosswohnung empfing, der Hitze wegen nur mit Shorts bekleidet. „Dann wurde ich auf einen wackligen Flohmarktstuhl gesetzt, in Gitanequalm gehüllt, in Grund und Boden gequatscht, anschließend in eine Kneipe verschleppt und unter den Tisch getrunken.“

Derselbe Geist, aus dem heraus der Vertrag mit dem späteren Erfinder des „Kleinen Arschlochs“ geschlossen wurde, war dafür verantwortlich, dass die Fliege in das Signet des Verlages kam. Sie soll auf eine Bemerkung Edmund Stoibers zurückgehen. Von ihm, damals Generalsekretär der CSU, hatten Redakteure des Süddeutschen Rundfunks Anfang 1980 berichtet, er habe Schriftsteller ihnen gegenüber als „Ratten und Schmeißfliegen“ bezeichnet. In einer Eichborn-Werbung hieß es bald nach Gründung des Unternehmens, die Fliege steche nicht, beiße nicht, mache keinen Krach und sei auch sonst ganz harmlos. Dass sie ihre menschlichen Mitgeschöpfe auch sehr nervös machen kann, dürfte dem Verleger, der sich selbst einen „Zeitgenossen mit Subversionsinteresse“ nannte, jedoch ebenfalls bewusst gewesen sein.

„erfolgreichste Neugründung seit den fünfziger Jahren“

Von Anfang an mischte das Eichborn-Programm respektlos die Gattungen. Literarisch Anspruchsvolles stand neben Unterhaltsamem und der Verlagsspezialität, frechen Ratgebern. Allein der seinerzeit recht bekannte, Anfang dieses Jahres gestorbene Frankfurter Schriftsteller Wolfgang Fienhold versorgte Eichborn zwischen 1988 und 1991 mit vier solcher Titel: „Geld zurück! Die Kunst, erfolgreich zu reklamieren“, „Wie man Beamte ärgert: ein freches Gesellschaftsspiel“, „Wie man dem Staat in die Tasche langt“ und „Geld machen – aber richtig!“

Zu Geld kam in diesen Jahren mit Moers auch der Verlag. Von sieben Millionen Mark im Jahr 1988 stieg der Umsatz auf 23,5 Millionen Mark im Jahr 1992. Vito von Eichborn bezeichnete das Unternehmen zu dieser Zeit als „erfolgreichste unabhängige Neugründung im Publikumsbereich seit den fünfziger Jahren“. Das Geld, das er mit dem „Kleinen Arschloch“ und den dazugehörigen T-Shirts, Badehosen und Schlüsselanhängern verdiente, steckte er in die „Andere Bibliothek“, mit der er Jahr für Jahr Geld verlor.

Mit dem Kauf dieser Reihe hatte er sich 1989 als ernstzunehmender Literaturverleger etabliert. Ein Jahr vor der Übernahme der 1984 von Franz Greno und Hans Magnus Enzensberger begründeten Reihe war Christoph Ransmayrs Roman „Die letzte Welt“ zum Bestseller geworden. Auch in den Eichborn-Jahren gab es Publikumserfolge wie Prinz Asfa-Wossen Asserates „Manieren“ oder Reinhard Kaisers Übertragung des „Abenteuerlichen Simplicissimus“. Hatte Greno sämtliche Bände der Reihe noch im Bleisatz erstellt, wurde nun nur noch die erste Auflage neuer Titel auf derart aufwendige Weise gedruckt. Bis 2004 gab Enzensberger die „Andere Bibliothek“ in dieser Form bei Eichborn heraus, ihm folgten Michael Naumann und Klaus Harpprecht, bis der Verlag im vorigen Jahr entschied, aus Kostengründen ganz auf Herausgeber zu verzichten.

Der Börsengang schwemmte Geld in die Kasse

Während Anfang der neunziger Jahre alle Verlagszahlen auf Wachstum zu deuten schienen, waren bald darauf Krisensignale wie die rasche Einstellung eines kaum begonnenen Kinderbuchprogramms und ein kurzfristiger Liquiditätsengpass nicht zu übersehen. 1995 wurde es Vito von Eichborn zu viel. Er stieg aus und übergab seine Anteile am Verlag an seinen Mitgesellschafter Matthias Kierzek. Der Fuldaer Verleger und Druckereibesitzer hatte von Anfang an eine Hälfte von Eichborn gehalten und sich 1987 darüber hinaus die Hälfte an dem von Daniel Cohn-Bendit herausgegebenen „Pflasterstrand“ gesichert. Dass er das Stadtmagazin schon drei Jahre später verkaufte, nimmt sich im Nachhinein wie eine Vorwegnahme der Turbulenzen aus, in die Eichborn unter seiner Führung geriet. Während Kierzek den Verlag weiterführte und Moers im Frankfurter Zoo die Patenschaft für den Eselspinguin „Egon“ übernahm, versuchte Vito von Eichborn sich eine Zeit lang als Hotelier in der Dominikanischen Republik.

Dann, im Jahr 1999, kündigte der Verlag das an, was wirkte wie der Einstieg in eine schöne neue Welt, sich aber innerhalb kurzer Zeit als Schritt an den Rand des Abgrunds erweisen sollte. Eichborn ging an die Börse, aus der GmbH wurde eine Aktiengesellschaft. Eine Million Aktien wurde ausgegeben, zum Emissionspreis von bis zu zwölf Euro. Der Börsengang schwemmte Geld in die Kasse, das für Beteiligungen aufgewandt wurde. Da man in der Verlagsführung vom Aufbau einer lukrativen Rechteverwertungskette schwärmte, besaß der Verlag plötzlich Anteile an der für diesen Zweck gegründeten Agentur ATL Books, der Filmproduktionsfirma Classic Film, der Musikmarketing-Firma Double Fun GmbH, dem Zürcher Publikumsverlag Pendo und einem Büro für Berufsstrategie.

Verlust von 4,7 Millionen Euro

Bald nach diesem Einkaufsbummel war klar, dass der Verlag viel Geld in den laufenden Betrieb der soeben erworbenen Unternehmen steckte, die Firmen ihm aber kaum etwas einbrachten. Schon drei Jahre nach dem Börsengang waren alle Beteiligungen wieder rückgängig gemacht. Das Geld aus dem Börsengang war allerdings auch weg. Rund 40 von damals etwa 100 Mitarbeitern mussten entlassen werden.

Auch um den Kurs der Aktie stand es schlecht. Schon wenige Wochen nach ihrer Emission hatten Analysten vom Kauf abgeraten, ein paar Wochen später hatte sich ihr Kurs in etwa halbiert, zwei Jahre später lag er bei weniger als einem Euro, wo er seitdem verharrt. Erhalten blieb dem stark verkatert aus dem Börsentraum erwachenden Verlag nur die Verfassung als Aktiengesellschaft, die in den folgenden Jahren dafür sorgte, dass Auseinandersetzungen zwischen Mehrheitseignern, Aufsichtsrat und Vorstand wiederholt das Geschäft des Unternehmens beeinträchtigten.

Unter Kierzeks Führung verzeichnete der Verlag 2002 einen Verlust von 4,7 Millionen Euro. Ein weiterer Schlag kam hinzu. Zusammen mit Verlagsleiter Wolfgang Ferchl wandte sich in diesem Jahr auch Walter Moers von Eichborn ab und wechselte zu Piper. Es war das Jahr, in dem Hans Magnus Enzensberger Krisengerüchte mit den Worten zu zerstreuen suchte, er könne sich an mindestens drei Situationen erinnern, in denen es geheißen habe, Eichborn stehe vor dem Abgrund. Zwei Jahre später kündigte er seinen Vertrag. Wie nach dem Weggang von Moers war zu hören, das Ende der Zusammenarbeit hänge mit der Führungsspitze des Verlags zusammen.

Höchster Jahresüberschuss der Verlagsgeschichte im Jahr 2004

Moers verkaufte die von ihm gehaltenen zehn Prozent der Eichborn-Aktien derweil an Kierzeks Fuldaer Verlagsanstalt. Diese war von ihrem Eigentümer in der Zwischenzeit allerdings mehrheitlich an Investoren um den Unternehmer Ludwig Fresenius verkauft worden. In den folgenden Jahren wurde Fresenius nach und nach auch Mehrheitseigentümer bei Eichborn. Erst zu Beginn dieses Jahres verkaufte er an Aufbau-Chef Matthias Koch, der den Verlag nach Berlin holen und 35 von 48 Mitarbeitern entlassen wollte.

Kierzek blieb, bis der von Fresenius umbesetzte Aufsichtsrat ihn 2007 durch Stephan Gallenkamp ablöste. Er agierte glücklos; ein Jahr nach seinem Amtsantritt verlor der Verlag Wolfgang Hörner, den Leiter des erfolgreichen Programms Eichborn Berlin. Mit ihm ging Sven Regener, dessen Bestseller „Neue Vahr Süd“ dazu beigetragen hatte, dass der Verlag 2004 den höchsten Jahresüberschuss seiner Geschichte erzielte.

Nach einem weiteren Gewinn 2005 begann der Sinkflug. 2006 und 2007 gab es Verluste und Umsatzrückgänge, 2009 war sogar ein zweistelliger Absturz des Umsatzes auf 13 Millionen Euro zu verzeichnen. Zu dieser Zeit waren auch die legendären Buchmessenpartys des Verlages nur noch ferne Erinnerung. Erst hatte es kein Freibier mehr gegeben, dann waren die Feste aus Kostengründen mehrfach ganz ausgefallen. Die Miete für den Messestand auf der diesjährigen Bücherschau hat Eichborn schon vor der Beantragung des Insolvenzverfahrens gezahlt. Ob es den Verlag im Oktober aber wirklich noch gibt, weiß vermutlich nur der kaufkräftigste der Investoren, auf die man im Verlag nun setzt.

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Jahrgang 1972, Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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