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Dokumentarfilm über Jon Hendricks : Seine eigene Kriegserklärung

Blüten der Erinnerung: Malte Rauch (links) mit Jon Hendricks am Strand der Landung in der Normandie 1944 Bild: Esther Zeschky

Ein Sänger als Soldat: Der Frankfurter Malte Rauch erzählt in seinem Film „Blues March“ die Geschichte der Jazz-Legende Jon Hendricks.

          Diesem Schwur ist Jon Hendricks seit 1946 treu geblieben: nie wieder ein Mensch zweiter Klasse zu sein. Das ist, wenn man ein schwarzer Amerikaner ist, auch nach Aufhebung der Rassentrennung nicht leicht. Vielleicht ist es etwas leichter, wenn man selbst erstklassig ist, wie Hendricks als Jazz-Sänger. Und so sieht man ihn, in einem Anzug zwischen Exzentrik und Eleganz – weiße Hose, weißes Jackett, rosa Hemd, schwarzweiße Schuhe und Kapitänsmütze – auf einem französischen Platz sitzen.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Es ist einer der vielen Schauplätze, die aus dem Soldaten Jon Hendricks den Star Jon Hendricks gemacht haben, den man im New Yorker Jazzclub Birdland mit standing ovations empfängt. Es gibt wohl kaum einen der ganz Großen des Jazz, mit dem Hendricks nicht gearbeitet hätte – von Art Tatum, seinem Vorbild und Nachbarn in Toledo, Ohio, über Charlie Parker, Count Basie, Duke Ellington und Miles Davis bis Wynton Marsalis. Als Texter und Komponist, im Vokalensemble und als Solist hat Jon Hendricks eine Weltkarriere gemacht, bekannt wurde er in den fünfziger Jahren mit dem Trio Lambert, Hendricks & Ross, das einst zum besten Jazz-Vokalensemble der Welt gekürt wurde. Bis heute steht der 1921 geborene Sänger auf der Bühne.

          Eine schier unglaubliche Geschichte

          Wie es dazu kam, ist eine schier unglaubliche Geschichte, die ein paar Mal auch ungeheuer böse hätte ausgehen können. Hendricks scheint sie zuweilen wegzulachen wie vieles andere auch. Doch sie steckt ihm beim Lachen in den unzähligen kleinen Falten, in dem intensiven Blick, den er bekommt, wenn er sich erinnert, wie er „seine eigene Kriegserklärung“ abgegeben hat. Eine gegen die amerikanische Armee und den amerikanischen Staat, der ihn, wie so viele andere, als „Negro Soldier“ 1944 in die Normandie brachte. Als Soldat zweiter Klasse diente Hendricks, bis er mit einigen Kameraden nach einem rassistischen Angriff gegen sie desertierte – unter Mitnahme einiger Armeevorräte. Das war seine „Kriegserklärung“. Als Schwarzhändler zum Straflager in Frankreich verurteilt, kam er nach Kriegsende in die Vereinigten Staaten zurück, um wie viele schwarze Soldaten festzustellen: „Der große Kampf war zu Hause. Es hatte sich nichts verändert.“

          Wie die Geschichte Hendricks’, die des Jazz, der Rassentrennung und des Zweiten Weltkriegs miteinander verknüpft sind, zeigt Malte Rauch. Der Frankfurter Filmemacher, ebenso wie Hendricks ein Unermüdlicher, hat an seinem neuen Dokumentarfilm „Blues March – der Soldat Jon Hendricks“ mehr als vier Jahre lang gearbeitet. Er zeigt jenen Teil von Hendricks’ Lebensgeschichte, den dieser jahrzehntelang verschwiegen hat.

          Zeitungsartikel als Ideengeber

          Wie schon oft in Malte Rauchs Laufbahn war es ein Zeitungsartikel, der ihn auf die Idee brachte. Als Hendricks das Kreuz der Ehrenlegion verliehen bekam, berichtete „Le Monde“ über ihn. Rauchs Film kommt Hendricks so nah, wie der zwischen Ernst und Schalk wechselnde Künstler es nur zulässt. Rauch begleitete ihn nach Frankreich, später nach Deutschland, streift durch New Yorker Jazzclubs, zeigt ihn in Gesprächen mit französischen Bauern, ehemaligen Schwarzmarktkunden und Veteranen.

          Wie stets in Rauchs Filmen, zuletzt in „Die Rollbahn“ über jüdische Zwangsarbeiterinnen am Frankfurter Flughafen, arbeitet er mit historischem Material; Fotos und Filmausschnitte sind mit Hendricks’ Geschichte verbunden. Akribie, die Zeit kostet und die zu finanzieren mühevoll und langwierig war. Anschub kam von der Hessischen Filmförderung, nun kommt der Film ins Kino, danach läuft er im WDR. Dass er nur 76 Minuten lang ist, liegt an einigen Szenen, die entfernt werden mussten, da die Musikrechte zu teuer waren. Die nämlich gehören nicht Hendricks selbst. Seine Geschichte aber gehört ihm – und die ist nun eindrucksvoll zu sehen.

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