06.10.2009 · Mit „Mazel Tov“ setzen die Frankfurter Dokumentarfilmer Mischka Popp und Thomas Bergmann ihre Spurensuche unter Fremden fort – den Nachbarn.
Von Eva-Maria MagelAls die geladenen Gäste ins Frankfurter Kino Metropolis einzogen, hat mancher Passant erstaunt zweimal hingeschaut. Es kommt schließlich nicht oft vor, dass mit Aberdutzenden von Orden geschmückte Uniformträger, allesamt hochbetagt, in einem Kino zu beobachten sind. Sie alle sind auch in dem Film zu sehen, der dort für diejenigen, die an ihm mitgearbeitet haben, nun gezeigt wurde.
„Mazel Tov“, die jüngste Arbeit des Frankfurter Filmer- und Autorenpaares Mischka Popp und Thomas Bergmann, nimmt seinen Ausgang bei den Geschichten dieser Veteranen, die in Frankfurt eine neue Heimat gefunden haben. „Mazel Tov“, „Glückwunsch!“, wird ihnen zugerufen, wenn am 9. Mai in der Jüdischen Gemeinde Frankfurt der Tag der Befreiung gefeiert wird. Jeder der alten Herren wird namentlich aufgerufen und bekommt eine rote Rose. Dafür, dass er als russischer Jude in der Roten Armee gekämpft hat, um Europa von den deutschen Nationalsozialisten zu befreien.
Immer Optimist geblieben
Das Fest und die Bräuche haben die alten Herren und ihre Familien aus Russland mitgebracht: Seit 1990 die Ausreise möglich wurde, sind viele von ihnen nach Deutschland gekommen – ein großer Teil nach Frankfurt. Die Jüdische Gemeinde hat den enormen Zuwachs neuer Mitglieder bewältigen müssen, vom Zusammenwachsen verschiedener religiöser Traditionen bis zu Fragen nach Wohnung, Papieren, Versorgung und Sozialkontakten. Nun wird auch der 9. Mai gefeiert.
Ihre Erinnerungen aber bleiben den Veteranen und ihren Familien auch an den anderen 364 Tagen. Daran, dass viele tausend jüdische Soldaten kämpften, viele von ihnen als offizielle Helden in der Militärgeschichte für kurze Zeit geführt und dann verschwiegen wurden, weil sie Juden waren. In Popps und Bergmanns Film erzählen die Veteranen von ihren Erlebnissen, von Tod, Leid und Diskriminierung. Ein vergessenes Stück deutsch-russischer Geschichte, aber dort bleibt „Mazel Tov“ nicht stehen. Der Film erzählt vielmehr vom Fremdsein und Ankommen. Fertige Antworten erwartet man von „Mazel Tov“ vergeblich, obwohl der Satz eines der Veteranen, beinahe hundert Jahre alt ist er, den Betrachter so tief berührt, als handele es sich doch um eine Art Antwort: Er sei immer ein Optimist geblieben, sagt er – und er rate jedem, sich einen optimistischen Charakter zuzulegen.
Sinn für das Groteske
Dieser Satz und das Brüchige, Zersplitterte, aus dem das Menschliche hervorbricht, passen zu den Fragen, denen Popp und Bergmann seit gut 25 Jahren in ihren Dokumentarfilmen nachgehen. Es sind immer Fragen, die sie selbst sich stellen, Sachverhalte, denen sie auf die Spur kommen wollen und die unsere Gesellschaft, wiewohl oft unbemerkt, prägen. Nach all den Jahren fragten sie einander doch zuweilen „Wieso nimmt deine Neugier auf die Welt nicht ab?“, sagen sie. In dem Film „Augenlied“ (2002), der den Hessischen Filmpreis erhielt, zeigten sie die Welt der Blinden, in „Kopfleuchten“, für den sie unter anderem 1998 den Hessischen Kulturpreis und im Jahr 2000 den Grimme-Preis bekamen, ging es um die Wahrnehmung von Menschen, deren Hirn krank oder verletzt ist.
Die Filme „Murks“, „Giftzwerge“ und „Heimwerker“, alle in den neunziger Jahren entstanden, sind eine köstliche Trilogie deutscher „Innereien“ – von falsch geplanten Brücken bis zu Nachbarschaftsprozessen. Leichtigkeit – ein taktvoller Sinn für das Groteske – ist geradezu ein Markenzeichen der beiden, bei allem Ernst: Es ist immer auch ein Lachen über sich selbst, auch bei „Mazel Tov“, der Ende Oktober zu den Hofer Filmtagen eingeladen ist.
Sprachlicher Rhythmus im Vordergrund
Vor der leisen, zuweilen fast kindlich-erstaunten, zuweilen ironischen Heiterkeit inmitten des Ernstes steht immer ein Berg Arbeit. Etwas fällt Popp und Bergmann auf, will erkundet werden, wächst sich aus – die akribische Recherche liegt ihnen. Ihre Arbeitsweise sei ein Sammeln von Bausteinen, die erst im Schnitt verbunden würden, beschreibt Popp diesen Prozess. Das Prinzip erfordert hohen Einsatz und Disziplin: „Man muss immer viel mehr wissen, als im Film selbst zum Tragen kommt“, sagt sie. Anhand vieler langer Interviews versuchen beide, zum Wesentlichen einer Person vorzustoßen, aus Recherche und Drehmaterial wird vieles, zuweilen ungern, wieder weggelassen, bis die Essenz zum Vorschein kommt. „Wir versuchen so etwas wie die Kunst des Fragmentarischen“, erklärt Bergmann und sieht so aus, als sei ihm der Satz dann doch wieder zu pathetisch.
Sie verlassen sich bei Kamera und Schnitt auf erfahrene, langjährige Vertraute; mit guten Leuten, sagt Popp, „kann man fliegen“. Da die beiden außer Bildermenschen auch Wortleute und Buchautoren sind, stehen die Sprache und der sprachliche Rhythmus dabei im Vordergrund. Für den Zuschauer sei das „eine Anstrengung“, sagt Bergmann, „das wissen wir auch“.
Wirklichkeit verrückt und abenteuerlich genug
Kleinere Filmaufträge für das Fernsehen haben die beiden Mittsechziger immer wieder gemacht. Ihr Herz aber gehört den durchkomponierten Dokumentarfilmen, die auch im Kino laufen. Schließlich verstehen sie sich nicht als Nachrichtenlieferanten, sondern als Kunstproduzenten, deren Herangehensweise journalistisch und auch ethnologisch ist – denn sie, ursprünglich Schauspielerin, und er, ursprünglich Ethnologe, haben seit den sechziger Jahren tief die Luft der Frankfurter Schule, des Theaters am Turm, der politischen Debatten eingeatmet. Unterm Dach im Frankfurter Nordend ist eine Lebens- und Arbeitsgemeinschaft entstanden, 24 Stunden am Tag, mehr als 30 Jahre lang. Bis heute „quatschen sie sich die Köpfe heiß“, denn so unterschiedlich sie ticken, das zierliche Organisationsgenie Popp und der assoziative Formulierer Bergmann – bei ihren Filmen, die sie mit ihrer Firma Pilotfilm auch selbst produzieren, haben sie dasselbe Ziel; mittlerweile teilen sie sich die Aufgaben je nach Neigung und Begabung auf.
Seit den achtziger Jahren, nach Anfängen im Hörfunk, haben Popp und Bergmann in ihrer filmischen Entdeckung der Welt beharrlich Stein auf Stein gesetzt. Obwohl es immer wieder Rückschläge gab, obwohl sie sagen, die Bedingungen seien härter geworden, Zeit und Geld knapp – und Filme wie ihre liefen im Fernsehen allenfalls um Mitternacht. Spielfilme zu machen hat die beiden nie interessiert: Ihnen ist die Wirklichkeit verrückt und abenteuerlich genug. „Eigentlich sind wir immer unterwegs zu fremden Sphären – dem Nachbarn“, sagt Bergmann lächelnd. Im besten Fall geschieht es auch den Betrachtern ihrer Filme, dass sie gewahr werden, selbst ein wenig schief zu sein, sonderbar, merkwürdig: wie alle.