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Veröffentlicht: 18.05.2017, 11:28 Uhr

Frankfurter Villa Kennedy Vom Wohnhaus zum Luxushotel

Dieter Wesp hat die wechselhafte Geschichte der Villa Kennedy im Buch „Villa Kennedy: Wohnhaus. Forschungslabor. Luxushotel“ aufgeschrieben. Sie ist auch ein Lehrstück über NS-Unrecht.

von Konstanze Crüwell, Frankfurt
© Wilhelm Kick Heute ein Hotel, einst Wohnhaus einer jüdischen Familie: Die Villa Beit von Speyer, jetzt Villa Kennedy genannt, im Jahr 1902

Kaum bekannt war bisher die Vergangenheit des 2006 eröffneten Luxushotels Villa Kennedy in Sachsenhausen. Dort stand einst, von außen heute noch erkennbar, ein prachtvolles historistisches Wohnhaus, das Eduard Beit von Speyer 1901 gebaut hatte. Die Erben des jüdischen Bankiers emigrierten 1933 in die Schweiz. Infolge der nationalsozialistischen „Arisierung“ mussten sie zwangsweise das 8600 Quadratmeter große Grundstück mit dem Wohnhaus bald darauf weit unter Wert an die Stadt verkaufen. 1949 wurden die Erben mit 150000 Mark dafür entschädigt. Im Jahr 2000 verkaufte die Stadt für 18Millionen Mark das Anwesen an einen Investor, worauf das Innere des Gebäudes zu einem Hotel der Gruppe Rocco Forte gestaltet und im alten Stil enorm erweitert wurde.

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Diese Geschichte hat Dieter Wesp nach grundlegenden Forschungen in seinem Buch „Villa Kennedy: Wohnhaus. Forschungslabor. Luxushotel“ beschrieben. Es ist eine anschauliche und lohnende Lektüre, die mit Rückblicken auf die seit 1644 in Frankfurt ansässige Bankiersfamilie Speyer und die 1907 gegründete, heute noch lobenswerte Georg-und-Franziska-Speyer-Stiftung beginnt. Die Nachfahrin der beiden Namensgeber, Lucie Speyer, heiratete 1892 Eduard Beit, Sohn einer Hamburger Unternehmerfamilie und ein Neffe des berühmten „Diamantenkönigs“ Alfred Beit. Eduard Beit hatte mit James Speyer in Oxford studiert und dort dessen Schwester Hannah Louise, genannt Lucie, kennen- und offensichtlich auch lieben gelernt. Eduard Beit von Speyer, wie er später hieß, führte mit seinen Verwandten bis 1914 das Bankhaus Lazard Speyer Ellissen in Frankfurt, New York und London und beteiligte sich nach 1918 an der New Yorker Bank Speyer&Co.

1933 begann für die Villa eine neue Zeit

Doch zurück zum Jahr 1901, als das Ehepaar Eduard und Lucie Beit von Speyer sein schönes, an der Forsthausstraße, der heutigen Kennedyallee, gelegene Haus bezog, das Alfred Günther, ein heute kaum noch bekannter Architekt, entworfen hatte. Ihre vier Kinder Erwin (der im Ersten Weltkrieg mit 21Jahren fiel), Herbert, Hedwig und Ellin sind in Wesps Buch auf einem Foto abgebildet, das ein amerikanischer Gast 2016 dem Hotel Villa Kennedy überließ. Auch Aufnahmen der vollständig im Stil des Historismus eingerichteten repräsentativen Räume sind in dem Buch zu sehen.

Nach 1933 begann für die nun leerstehende Villa der Familie Beit von Speyer eine neue Zeit. Oberbürgermeister Friedrich Krebs, Mitglied der NSDAP, wollte in Frankfurt eine Dependance des Kaiser-Wilhelm-Instituts haben. So überließ die Stadt dem Institut die Villa und das Grundstück und trug die Kosten für den Umbau in ein Forschungslabor. Das Institut ernannte, vielleicht als Dank, das von Friedrich Dessauer gegründete Vorgängerinstitut für physikalische Grundlagen der Medizin nunmehr zum Kaiser-Wilhelm-Institut für Biophysik. Leiter wurde Boris Rajewsky, seit 1937 NSDAP-Mitglied, der 1942 unter anderem die Wirkung von Strahlung als Kampfmittel des Heeres untersuchte. Überhaupt bekamen die Forschungen an dem Institut, auch durch Rajewskys Besprechungen mit Rüstungsminister Albert Speer, eine zunehmende, ziemlich üble militärische Bedeutung. Nachdem er die für Mäuse tödliche Strahlendosis „geklärt“ hatte, wie es hieß, würden nun „Versuche eingeleitet (in der Außenstelle Oberschlemma), um die gefundenen Reaktionen unmittelbar am Menschen zu überprüfen“, wie Rajewsky schrieb.

170 „arisierte“ Grundstücke und Immobilien

Nach 1945 wurde er von den amerikanischen Militärbehörden acht Monate inhaftiert. Nach den Entnazifizierungsakten, die Wesp zitiert, wurde Rajewsky im ersten Verfahren der Spruchkammer zu den „Mitläufern“ gerechnet, in der letzten Verhandlung von der Berufungskammer Darmstadt aber vollständig entlastet. Und so wurde er 1948 neuer Direktor der Forschungseinrichtung, die seit 1948 Max-Planck-Institut für Biophysik heißt, und setzte dort seine Karriere fort. 1951 erhielt er die Goethe-Plakette der Stadt und 1958 die gleichnamige Auszeichnung des Landes Hessen, 1963 auch das Bundesverdienstkreuz höchster Stufe.

Ein ähnlich erfolgreicher Opportunist schlimmer Sorte war Adolf Miersch, dessen wechselnde Rollen in Frankfurt der Autor ebenfalls recherchiert und in seinem Buch geschildert hat. Denn Miersch arbeitete in leitender Stellung in der Ära Ernst May, organisierte nach Darstellung des Autors dann im Nationalsozialismus mehrfach die Enteignungen jüdischer Eigentümer und war nach 1945 wieder im städtischen Bauamt tätig. Bis heute trägt eine Siedlung in Niederrad seinen Namen.

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Eine weitere Erkenntnis, die ihm besonders wichtig ist, führt der Erziehungswissenschaftler Wesp, Teilnehmer des „Stadtteil-Historiker-Projekts“ der Polytechnischen Gesellschaft, im Anhang seines Buches auf: Es handelt sich um die im Institut für Stadtgeschichte Frankfurt verwahrte Liste der 170 „arisierten“ Grundstücke und Immobilien, die zwischen 1933 und 1945 in den Besitz der Stadt gelangten. Es ist unverständlich, warum in Frankfurt diese Liste eines vielfachen schändlichen Unrechts noch nie veröffentlicht wurde, im Gegensatz zu der Praxis in Berlin, München, Leipzig, Köln, Düsseldorf und vielen anderen Städten. In Frankfurt bestand also dringender Nachholbedarf.

„Villa Kennedy“

Dieter Wesp, Epubli-Verlag, Berlin 2017. 239 Seiten, 24,80 Euro.

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Von Eva-Maria Magel

Außer Beiträgen in Social Media werden auch E-Mails mit reichlich Interpunktion garniert. Der Einsatz von Frage- und Ausrufungszeichen erhöht sich jährlich um grob geschätzt 1000 Prozent. Mehr 1 2

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