http://www.faz.net/-gzg-om06

: Die Perlen auf ein Tape

  • Aktualisiert am

Selbstaufgenommene Musikkassetten sind besser als Fotografien: Hört man eine alte Kassette an, sind die Erinnerungen schlagartig wieder da. Höchstens Gerüche können noch so starke Assoziationen freisetzen.

          Selbstaufgenommene Musikkassetten sind besser als Fotografien: Hört man eine alte Kassette an, sind die Erinnerungen schlagartig wieder da. Höchstens Gerüche können noch so starke Assoziationen freisetzen. Immer wieder wurden die Kassetten ja abgespielt, viele Male am Tag, viele Tage, manchmal Wochen, bis das nächste Tape folgte. Kassetten, die an den Juli 1987 erinnern oder an den Interrail-Urlaub im Sommer 1988. Kassetten, die zum Tagebuch wurden.

          Wie für den 39 Jahre alten Ben, der seit 1975 jede Woche seine Lieblingslieder aufgeschrieben hat. In der Ausstellung "Kassettengeschichten" im Frankfurter Museum für Kommunikation wird der Mixtaper jetzt gemeinsam mit einigen anderen vorgestellt. Seit zwölf Jahren nimmt er sich "Jahreskassetten" mit seinen Favoriten auf, immer an Silvester, seinen "Jahresrückblick" nennt er dies Ritual. Aber auch "Monatskassetten" hatte der Grafiker früher, denen er bevorzugt lauschte, bevor er ins Bett ging. Heute schmelze er aber nicht mehr so dahin, wenn er seine Songs höre, bedauert Ben: "Das beängstigt mich auch ein wenig. Ich merke, daß meine Leidenschaft schon weniger geworden ist."

          Überwiegend die heute Zwanzig- bis Vierzigjährigen schätzen die Mixtapes so hingebungsvoll wie auch Ben noch immer. Das zumindest ist bei einem Seminar des Instituts für Volkskunde der Universität Hamburg herausgekommen. Vor zwei Jahren haben dort Studenten unter Leitung von Gerrit Herlyn und Thomas Overdick 80 Personen interviewt. Im Mittelpunkt standen die Menschen und jene Geschichten, die mit den individuell gemischten Tapes verbunden sind und die jetzt in der Schau präsentiert werden - auch anhand der gelungenen Fotografien von Stefan Malzkorn.

          Vieles, was der Besucher zu sehen kriegt, kommt ihm ziemlich bekannt vor. Die säuberlich beschrifteten, liebevoll bemalten Kassettenhüllen genauso wie die Erzählung von Frauke, einer 29 Jahre alten Lehramtsstudentin, sie habe "grottenschlechte Home-Aufnahmen" von Freunden besessen, die in einer eigenen Band spielten. Oder von der 24 Jahre alten Raphaela, einer Studentin, die berichtet, daß sie mit elf, zwölf Jahren aus Versehen auch schon mal die Staumeldungen mitaufnahm, was ihr jedoch nichts ausmachte: "Schon ein kleines Stück meines Wunschliedes stellte mich zufrieden." Noch heute hält Raphaela aber um so vehementer die "richtige" Reihenfolge der Lieder für entscheidend, die nur ein selbstaufgenommenes Tape zu bieten vermag: "Jedes Mixtape ist einmalig." Und Ferenc, 31, beschreibt den Vorteil des Kassetten-selbst-Aufnehmens so: "Die Perlen auf ein Tape, ohne Schrott dazwischen."

          Auch als Liebeserklärung wird die Kassette oftmals verwendet, wenn der Verehrer zu schüchtern ist, seine Gefühle anders zum Ausdruck zu bringen. Steven, 33, stellte Kassetten für "süße Frauen" zusammen: "Klar, ich hätte auch einen Brief schreiben können. Aber die Musik kann sehr viel ausdrücken." Und als Schülerin gestand Nina Andy mit einer Mischung aus Talking Heads, Tom Jones und Midnight Oil ihre Liebe - oder hatte es zumindest vor. Denn die Kassette hat Andy dann doch nicht erhalten, Nina, heute 24 Jahre alt und Studentin, verließ der Mut.

          Nicht zuletzt bringt die Tatsache, daß die alten beschrifteten Kassetten - viele Jahre einfach nur ein ganz normaler Gebrauchsgegenstand - nun in Ausstellungsvitrinen präsentiert werden, aber auch ins Gedächtnis, daß die Zeit dieses Tonträgers unwiederbringlich vorbei ist - längst wurde er von rauschfreien Konkurrenten abgelöst. Und das ruft ein bißchen Wehmut hervor. (Bis 8. Februar; Dienstag bis Freitag von 9 bis 17 Uhr, Samstag und Sonntag von 11 bis 19 Uhr.) katharina deschka-hoeck

          Weitere Themen

          Und sagen das Wahre und Rechte laut

          Wartburgfest : Und sagen das Wahre und Rechte laut

          Vor 200 Jahren kamen auf der Wartburg Hunderte Studenten zu einem Fest zusammen und forderten den modernen Nationalstaat. Einer von ihnen war Wilhelm Olshausen aus Holstein. Eine Entdeckungsreise.

          Auf Tuchfühlung mit Haien Video-Seite öffnen

          Gefährliche Fotografie : Auf Tuchfühlung mit Haien

          Er gilt als Haiflüsterer. Dabei hatte Jean-Marie Ghislain sein Leben lang Angst vor dem Meer. Der Belgier stellte sich seiner Angst, lernte Tauchen und schafft faszinierende Aufnahmen von Haien, Walen und Delfinen.

          Durch die Zeit Video-Seite öffnen

          Der Osten damals und heute : Durch die Zeit

          Die Berliner Mauer war gerade gefallen, da zog Matthias Lüdecke mit einer alten Kamera durch den Osten Deutschlands. Nun war der Fotograf wieder dort – mit dem Handy.

          Topmeldungen

          Bringen die SPD wieder voran? Martin Schulz (vorne), Stephan Weil und Thorsten Schäfer-Gümbel.

          SPD : Der wahre Sieger der Bundestagswahl

          So ein bisschen freuen sich die Sozialdemokraten über das katastrophale Ergebnis der Bundestagswahl. Endlich sind sie die Union los. In der Opposition soll alles besser werden.

          Weinstein und die Folgen : Man sagte mir, keiner würde mir glauben

          Warum schweigen Frauen, wenn sie sexuell belästigt wurden? Sie täten es nicht, wenn sie daran glauben würden, dass es einen anderen Weg gäbe, den Launen der Männer ohne Beschädigung zu entgehen. Ein Gastbeitrag.
          Christine Hohmann-Dennhardt, ehemals Daimler und VW.

          Absprachen-Verdacht : Die doppelte Kronzeugin im Autokartell

          Hinter den Selbstanzeigen von Daimler und VW steckt offenbar ein und dieselbe Person: Christine Hohmann-Dennhardt war an beiden Tatorten. Der Gelackmeierte im Spiel ist BMW.
          Im Alter jeden Cent umdrehen zu müssen - das befürchten viele Arbeitnehmer.

          Sinkendes Rentenniveau : Vorsorgen kann jeder

          Mit der gesetzlichen Rente kommen Pensionäre nicht mehr weit. Jeder zweite Single in Deutschland sorgt sich, seinen Lebensstandard im Alter nicht halten zu können. Dabei ist das gar nicht so schwer.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.