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Veröffentlicht: 02.01.2004, 18:30 Uhr

Die Perlen auf ein Tape

Selbstaufgenommene Musikkassetten sind besser als Fotografien: Hört man eine alte Kassette an, sind die Erinnerungen schlagartig wieder da. Höchstens Gerüche können noch so starke Assoziationen freisetzen.

Selbstaufgenommene Musikkassetten sind besser als Fotografien: Hört man eine alte Kassette an, sind die Erinnerungen schlagartig wieder da. Höchstens Gerüche können noch so starke Assoziationen freisetzen. Immer wieder wurden die Kassetten ja abgespielt, viele Male am Tag, viele Tage, manchmal Wochen, bis das nächste Tape folgte. Kassetten, die an den Juli 1987 erinnern oder an den Interrail-Urlaub im Sommer 1988. Kassetten, die zum Tagebuch wurden.

Wie für den 39 Jahre alten Ben, der seit 1975 jede Woche seine Lieblingslieder aufgeschrieben hat. In der Ausstellung "Kassettengeschichten" im Frankfurter Museum für Kommunikation wird der Mixtaper jetzt gemeinsam mit einigen anderen vorgestellt. Seit zwölf Jahren nimmt er sich "Jahreskassetten" mit seinen Favoriten auf, immer an Silvester, seinen "Jahresrückblick" nennt er dies Ritual. Aber auch "Monatskassetten" hatte der Grafiker früher, denen er bevorzugt lauschte, bevor er ins Bett ging. Heute schmelze er aber nicht mehr so dahin, wenn er seine Songs höre, bedauert Ben: "Das beängstigt mich auch ein wenig. Ich merke, daß meine Leidenschaft schon weniger geworden ist."

Überwiegend die heute Zwanzig- bis Vierzigjährigen schätzen die Mixtapes so hingebungsvoll wie auch Ben noch immer. Das zumindest ist bei einem Seminar des Instituts für Volkskunde der Universität Hamburg herausgekommen. Vor zwei Jahren haben dort Studenten unter Leitung von Gerrit Herlyn und Thomas Overdick 80 Personen interviewt. Im Mittelpunkt standen die Menschen und jene Geschichten, die mit den individuell gemischten Tapes verbunden sind und die jetzt in der Schau präsentiert werden - auch anhand der gelungenen Fotografien von Stefan Malzkorn.

Vieles, was der Besucher zu sehen kriegt, kommt ihm ziemlich bekannt vor. Die säuberlich beschrifteten, liebevoll bemalten Kassettenhüllen genauso wie die Erzählung von Frauke, einer 29 Jahre alten Lehramtsstudentin, sie habe "grottenschlechte Home-Aufnahmen" von Freunden besessen, die in einer eigenen Band spielten. Oder von der 24 Jahre alten Raphaela, einer Studentin, die berichtet, daß sie mit elf, zwölf Jahren aus Versehen auch schon mal die Staumeldungen mitaufnahm, was ihr jedoch nichts ausmachte: "Schon ein kleines Stück meines Wunschliedes stellte mich zufrieden." Noch heute hält Raphaela aber um so vehementer die "richtige" Reihenfolge der Lieder für entscheidend, die nur ein selbstaufgenommenes Tape zu bieten vermag: "Jedes Mixtape ist einmalig." Und Ferenc, 31, beschreibt den Vorteil des Kassetten-selbst-Aufnehmens so: "Die Perlen auf ein Tape, ohne Schrott dazwischen."

Auch als Liebeserklärung wird die Kassette oftmals verwendet, wenn der Verehrer zu schüchtern ist, seine Gefühle anders zum Ausdruck zu bringen. Steven, 33, stellte Kassetten für "süße Frauen" zusammen: "Klar, ich hätte auch einen Brief schreiben können. Aber die Musik kann sehr viel ausdrücken." Und als Schülerin gestand Nina Andy mit einer Mischung aus Talking Heads, Tom Jones und Midnight Oil ihre Liebe - oder hatte es zumindest vor. Denn die Kassette hat Andy dann doch nicht erhalten, Nina, heute 24 Jahre alt und Studentin, verließ der Mut.

Nicht zuletzt bringt die Tatsache, daß die alten beschrifteten Kassetten - viele Jahre einfach nur ein ganz normaler Gebrauchsgegenstand - nun in Ausstellungsvitrinen präsentiert werden, aber auch ins Gedächtnis, daß die Zeit dieses Tonträgers unwiederbringlich vorbei ist - längst wurde er von rauschfreien Konkurrenten abgelöst. Und das ruft ein bißchen Wehmut hervor. (Bis 8. Februar; Dienstag bis Freitag von 9 bis 17 Uhr, Samstag und Sonntag von 11 bis 19 Uhr.) katharina deschka-hoeck

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