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Deutsches Kunstlied : Mit Liszt und Tücke

Noch mal mit Gefühl: Georgette Dee liebt Brahms – und singt ihn auch. Bild: Nora Klein

Es gibt sie noch, die guten alten Dinge: Georgette Dee pflegt in ihrem neuen Programm das deutsche Kunstlied, begleitet von Terry Truck. Eine Premiere im Frankfurter Mousonturm.

          „Es muss ein Wunderbares sein / Ums Lieben zweier Seelen“. Nicht zu verwechseln mit „Es muss was Wunderbares sein, von dir geliebt zu werden“. Die Nummer aus dem „Weißen Rössl“, lustvoll durch den Wolf des Spießerschrecks gedreht, das wäre es gewesen. Vor 15, 20 Jahren. Nun aber singt die Dee in einer ungewohnt opulenten lila-roten Robe Franz Liszt. Im Ernst. Und ganz am Ende eines Programms, mit dem sich Georgette Dee nach 30 Jahren Karriere etwas ganz Neues traut: ganz Altes zu singen. Zuweilen sogar extrem Altes, wie „Dido’s Lament – When I’m laid in earth“ aus Purcells Oper „Dido and Aeneas“.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der Titel ihres neuen Programms, das jetzt im Frankfurter Mousonturm Premiere hatte, ist wortwörtlich zu verstehen: „Lieben Sie Brahms?“ ist, bis auf zwei eigene und beinahe auch schon zu Klassikern gewordenen Chansons, ein reines Klassik-Programm. 18 deutsche Kunstlieder von Brahms’ „Oh wüsst’ ich doch den Weg zurück“ und Schuberts „Lindenbaum“ über Schumanns „Wenn ich in deine Augen seh’“ bis Hugo Wolfs „Spanisches Liederbuch“ und eben Liszt in einen Abend zu packen ist stimmlich und dramaturgisch auch ein enormes Risiko für versierte Lied-Sänger. Mit der androgynen Diseusenstimme Dees, im Kontext der wenn auch nur vermeintlich „kleinen“ Kunst, mit einem Publikum, das die Chansons der Kunstfigur Dee seit Jahren auswendig kann und in jedes ihrer Konzerte pilgert, ist die Fallhöhe noch extremer. Auch für den Pianisten Terry Truck, lange Jahre Dees kongenialer Begleiter und Komponist, bis sie sich 2001 trennten. Nun ist er wieder dabei und begleitet die Diva so versiert und verlässlich wie eh und je. Die Klavierstimme allerdings ist ebenso stark bearbeitet wie die Lieder selbst – notwendigerweise.

          Zunächst sehr bemüht

          Denn es ist keineswegs so, dass Georgette Dee und Terry Truck einen klassischen Liederabend zum Besten gäben. Vielmehr verwandelt sich die Dee Schubert und Brahms an, als wären sie Benatzky, Brecht/Weill oder eben Dee/Truck. Sie flüstert, säuselt und gurrt die Texte, ändert hier und da ein Wort; Truck belässt charakteristische Merkmale der Klavierstimmen und verbindet sie mit Chansonbegleitung, was allerdings zuweilen recht basslastig und hart wirkt zu der Melodieführung. Zumal Dee die dramatischen Höhen aussparen und mit den leisen, brüchigen Klängen der Diseuse versehen muss.

          Verbunden sind die Perlen des 18. und 19. Jahrhunderts durch Conférencen, in denen Anekdoten aus dem Kunst- und Liebesleben mal von Schubert oder Beethoven stammen, meist aber aus dem reichen Fundus Dees: heiter funkelnd bis rasend komisch, mal klug, mal zerfranst, und immer ein wenig in Moll. Kein Wunder, dass die Dee sich zwischen Brahms und Schubert so wohl fühlt. Es ist ihr, ganz offensichtlich, ein Anliegen, diese Verbindung für das Publikum sichtbar und fruchtbar zu machen: dass Brahms klingen kann wie Brecht, dass manches Volkslied ein „Klassiker“ ist und dass Gefühl und Verstand sich doch stets gleichen, überzeitlich geborgen in der Musik.

          Das wirkt im ersten Teil des Abends sehr bemüht, zumal dort mit dem „Ständchen“ oder „An die Musik“ auch Ohrwürmer vertreten sind, die Dee früher, bei aller Liebe, die sie stets für die Klassiker hatte, in die Satire gewendet hätte. Im Ernst aber, und wohl, weil sie sich des Risikos bewusst ist, dauert es diesmal eine ganze Weile, bis das Eis gebrochen ist. Bis die Diseuse ganz frei ist, die Kunst-Lieder ganz nach ihrer Art zu singen, das Glas Wodka auf dem Flügel, die Kippe in der Hand, die andere in der blonden Mähne. Singen und trinken, sagt sie, habe ja auch Schubert prima verbunden. Da passen sie dann doch wieder zusammen, das Liedgut und die Dee. Insofern ist ihr dringend zu wünschen, dass jener Unhold, der mitten in das gehauchte „Remember me“ der Dido einen impertinenten digitalen Mozart-Handy-Ton erklingen ließ, ihr die geforderte Flasche Champagner in die Garderobe geschickt hat.

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