27.03.2011 · Ein buntes Treiben um eine leere Mitte: Ricarda Beilharz inszeniert Bertolt Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“ am Hessischen Staatstheater Wiesbaden.
Von Matthias BischoffBertolt Brechts großes Parabelstück „Der gute Mensch von Sezuan“ ist ohne Zweifel ein Klassiker, den es jenseits von schulischer Pflichtlektüre auf der Bühne lebendig zu machen gilt und den man, ein Menschenalter nach seiner Entstehung kurz vor dem Zweiten Weltkrieg, auf seine theatralische und weltanschauliche Tauglichkeit befragen muss. Das Theater als Ort der Traditionspflege hat die Pflicht, von Zeit zu Zeit bei den Klassikern vorbeizuschauen, selbst auf die Gefahr hin, dass sie uns nichts mehr zu sagen haben. Trotz scheinbarer Umschiffung aller musealer Fallen ist im Endergebnis genau dies bei Ricarda Beilharz’ Wiesbadener Inszenierung der Fall.
Für ihr bis auf ein wenig Schlitzaugenschminke angenehm unchinesisches Sezuan hat sich Ricarda Beilharz im kleinen Haus des Staatstheaters Wiesbaden eine von ungehobelten Brettern umzingelte Drehbühne geschaffen, auf der es eher nach der Kulisse eines Western aussieht. Der kleine Tabakladen, die Stadt, das Gericht, alles wird mit Brettern angedeutet, alles setzt sich vor unseren Augen zusammen, ebenso wie die Verkleidung der von den Göttern als guter Mensch erkannten ehemaligen Prostituierten Shen Te in ihren hartherzigen Vetter Shui Ta auf offener Bühne stattfindet.
Ohne Zeigefinger und Schulstaub
Da Ricarda Beilharz auf neckische Chinoiserien, auf plump vorgeführte Verfremdungseffekte und infolge der hier fehlenden Musik Paul Dessaus auch auf den typischen Brecht-Sound verzichtet, gelingt ihr ein ungemein frisch wirkender, mit leichthin blubbernder elektronischer Unterhaltungsmusik boulevardesk untermalter Brecht-Abend, der mit vielen sehr gelungenen Bildern und witzig herausgespielten Einzelszenen staubfrei und zeitgemäß daherkommt. Dazu trägt auch bei, dass Doreen Nixdorf in der Doppelrolle Shen Te / Shui Ta eine Psychologisierung der Figur wagt und ihre Verzweiflung über das Nicht-gut-sein-Können in einer Welt der brutalen Egoismen ganz unbrechtisch, undialektisch, menschlich spürbar wird. Konterkariert wird dieser Ernst von den köstlich dekadenten Göttern in Stehparty-Look, die das Gute fordern, in Wirklichkeit aber herzlich desinteressiert am menschlichen Schicksal sind.
Diese drei und das bis in die kleinen Nebenrollen glänzend aufgestellte übrige Ensemble, allen voran Michael von Burg als quirliger Underdog Wang, machen aus diesem „Guten Menschen von Sezuan“ einen unterhaltsamen Theaterabend, der beweist, dass Brecht ohne Zeigefinger und Schulstaub funktionieren kann.
Buntes Treiben um eine leere Mitte
Was man aber in den zweieinhalb Stunden doch nie ganz aus dem Kopf kriegt und worüber Ricarda Beilharz mit Munterkeit und Komik gerne hinwegsegeln möchte, ist der schwache Kern der ganzen Sache. Während man der armen Shen Te bei ihren vergeblichen Bemühungen, ein gerechter und guter Mensch zu bleiben, zuschaut, möchte man Brecht und viele andere in seiner Epoche fast um ihr simples dualistisches Weltbild beneiden, das angesichts der unüberschaubaren Komplexität heutiger Verhältnisse geradezu idyllisch wirkt.
Natürlich war dergleichen auch schon Ende der dreißiger Jahre eine kinderbuchhafte Vereinfachung, aber heute zuckt man erst recht zusammen, wenn die ganze Weltgeschichte, die Abgründe im Menschen, die Unfähigkeit, das allgemeine Weltglück herbeizuführen, auf den einen und einzigen Grund der kapitalistischen Wirtschaftsweise zusammenschnurrt. Das kann man nicht weginszenieren, doch man könnte das Stück zu einer Reflexion auch über seine Beschränktheiten machen. Wer dies, wie Ricarda Beilharz in Wiesbaden, unterlässt, bekommt ein buntes Treiben um eine leere Mitte. Nicht weniger, nicht mehr.