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„Das Wesen im Ding“ Kugeln, Pilze und andere merkwürdige Objekte

05.02.2010 ·  Die künstlerische Moderne hat sich zwar redlich bemüht. Aber sie hat das Wesen der Dinge nicht wirklich aufgedeckt. Es bleibt ein Geheimnis. Gleichwohl: Im Frankfurter Kunstverein ist „Das Wesen im Ding“ zu besichtigen.

Von Michael Hierholzer
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Die künstlerische Moderne hat sich zwar redlich bemüht. Aber sie hat das Wesen der Dinge nicht wirklich aufgedeckt. Es bleibt ein Geheimnis. Ein endloses Feld der Forschung. Eine immerwährende Herausforderung. Ein ewiges Rätsel. Für nachhaltige Verwirrung haben die Avantgardisten immerhin gesorgt. Den Pop-Artisten etwa gelang das Zauberkunststück, gewöhnliche Objekte zu Kunstwerken zu adeln, somit die Seinsordnung umzukrempeln, indem sie aus Alltäglichem Außergewöhnliches machten. Das Vorgefundene, Vorgeprägte, Vervielfältigte wurde, wie schon bei Duchamp und Dada, ästhetisch aufgewertet, ja: zum einzig und wahrhaftig Schönen erklärt. Was der ersten Avantgarde in den zehner Jahren des 20. Jahrhunderts noch nicht gelang, schaffte die zweite in den Sechzigern, nämlich zumindest in der Kunstwelt die Erkenntnis durchzusetzen, dass die Dinge an sich ihren eigenen Reiz haben.

Angesichts der andauernden Unklarheiten, der bleibenden Unfassbarkeit der Gegenstände, der ausstehenden Klärung, was sie im Innersten zusammenhält, wird man es nachavantgardistischen, spätestmodernen, kurz: zeitgenössischen Künstlern nicht verübeln können, abermals das Sein des Seienden zu ihrem Thema zu machen. Und sich an den Avantgarde-Bewegungen abzuarbeiten. Diese allerdings glaubten noch an den Fortschritt, an eine Entwicklung und die prinzipielle Lösbarkeit von seinstheoretischen Problemen. Die Heutigen haben sich da den Philosophen angeglichen, deren Ontologen-Fraktion sich irgendwann im 20. Jahrhundert von der Idee verabschiedet hat, Antworten auf die Seins- und damit die Dingfrage zu finden, zumal endgültige. Es geht vielmehr darum, sie überhaupt zu stellen, die Horizonte offenzuhalten und vor den Fallen zu warnen, in die das alltägliche Bewusstsein allzu gerne tappt. Man kann gar nicht oft genug davor warnen. Insofern trägt auch die Ausstellung „Das Wesen im Ding“ im Steinernen Haus des Frankfurter Kunstvereins zur Aufklärung bei.

Sie führen ein Eigenleben

Aber auch zur Verrätselung. Die Dinge sind nicht das, was sie zu sein scheinen. Sie haben ein koboldhaftes Wesen. Sie führen ein Eigenleben. Sie machen sich auf merkwürdige Weise bemerkbar. So weist der Titel der Schau darauf hin, dass der moderne Ernst bei der Beschäftigung mit dem Dinglichen einem spielerischen Zugang gewichen ist. Die Tücke der Objekte interessiert die hier versammelten Künstler mehr als die Substanz, das Allgemeine hinter den Erscheinungen, der tiefe dunkle Grund der gegenständlichen Welt, dem beispielsweise einst die Abstrakten auf die Schliche kommen wollten. Die Kugeln etwa in Nina Canells Arbeit „Temporary Encampment (Five Blue Solids)“ aus dem Jahr 2009 schweben über ihren Sockeln, als stammten sie aus einem magischen Kabinett und nicht aus einem Künstleratelier. Und die Steine in Till Krauses Fotoarbeiten sind gar keine, sondern unterschiedliche Ansichten eines aus weichem Material geschnitzten kleinen Objekts.

Der junge Isländer Egill Saebjörnsson inszeniert Dinge aus dem Alltag in einer Weise, dass sie sich diesem gänzlich entfremden: Putzeimer, ein Besen, Reinigungsutensilien werden beispielsweise zusammengestellt, um sie einer Videoprojektion auszusetzen, die ihnen eine seltsam der Realität enthobene Anmutung verleiht, während sie im Schein des Projektors wiederum auf eine Leinwand und über diese hinaus Licht, Schatten, farbige Formen werfen. Dieses Werk ist Teil eines Dunkelraums mit einer Reihe derartiger Installationen dieses Künstlers, in denen sich Realität und phantastische Formenträume mischen. Auch in kosmische Weiten geht es, wobei man von manchem Objekt, das dreidimensional wirkt, annimmt, es sei eine Projektion, nur um dann doch festzustellen, dass es tatsächlich aufgeklebt wurde.

„Sexy Speitäubling“

Am Anfang aller Ding-Betrachtung stand kunsthistorisch das Stillleben. Bettina Lauck nimmt das Genre in ihren Fotografien auf, fügt freilich Irritationen hinzu wie ein kleines Staniolkügelchen, das mit dem natürlichen Verfall der verderblichen Dinge und der damit verbundenen Vanitas-Symbolik nichts mehr zu tun hat. Im Gefolge der Bechers bildet Yoon Jean Lee die Dinge ab, wie sie sind, wobei es die Perspektive ist, die ihnen einen besonderen Charakter verleiht. Florian Haas haben es die Pilze angetan, die er mit einer archivarischen Sorgfalt malt und mittels der Bildtitel mit einen persönlichen Charakter versieht: der „Sexy Speitäubling“ begegnet etwa dem „Trittbrettfahrer (Zapfen-Rübling)“ oder der „Alleinerziehenden (Hallimasch)“. Pilze schauen einen an. Man wird danach im Wald nicht mehr achtlos an ihnen vorübergehen können.

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Jahrgang 1955, Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

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