29.12.2010 · Strukturen, auf denen sich poetischer Klang entfaltet: Arbeiten von Rolf Kissel in der Frankfurter Galerie „Das Bilderhaus“.
Von Christoph SchütteKonstruktiv mag man das nicht mehr nennen. Auch wenn das Vokabular der neuen Collagen von Rolf Kissel noch immer inspiriert ist von der geometrischen Abstraktion und namentlich von Mondrian. Doch die den Blättern eingeschriebenen Zitate („Und sie stachen in See per Sieb“ oder „Isn't a lovely day“) und keineswegs zuletzt der deutlich auf landschaftliche Impressionen verweisende Einsatz der Aquarellfarbe lassen die konkreten Formen schon der „Lettera Biglietti“ von 1998 vornehmlich als Raster erscheinen. Als eine Struktur, auf der sich der poetische Klang, der die Arbeiten des 1929 geborenen Künstlers immer schon grundiert, unvermittelt heiter und unbeschwert entfaltet.
Das ist die eigentliche Überraschung der Schau in der Frankfurter Galerie „Das Bilderhaus“ (Hermannstraße 41) mit Arbeiten aus verschiedenen Werkphasen seit den frühen sechziger Jahren. Eine Überraschung freilich, die man eingedenk seiner so stillen konzentrierten Reliefs, mit denen die kleine Schau chronologisch einsetzt, mit gemischten Gefühlen zur Kenntnis nimmt. Auch die mag man zwar ohne zu zögern poetisch nennen. Doch der Ton, das Versmaß, ist man geneigt zu sagen, gehorcht einem gänzlich anderen Rhythmus. Erweist sich Kissel, der seine erste Einzelausstellung 1961 in der legendären Zimmergalerie Franck hatte, doch in diesen Holzreliefs als ein Meister der Reduktion.
Vergleichsweise verspielt und heiter
Nichts zeigen diese Arbeiten als ein paar präzise gesetzte, mal mehr, mal weniger in den Raum sich wagende weiße Holzleisten auf weißer, seit Mitte der sechziger Jahre stets quadratischer Fläche. Und sind doch, je nach Lichteinfall und Standpunkt des Betrachters, gleichsam vor der Wand schwebende, aus kaum mehr als positiven und negativen Formen, aus Licht und Schatten gewebte dreidimensionale Bilder. Einen vergleichbar nachhaltigen Eindruck hinterlassen in der Schau einzig die in den siebziger Jahren hinzukommenden Aluminiumreliefs, wie sie Kissel dann auch zahlreich als Kunst am Bau – etwa in der Frankfurter Alten Oper oder am Mannheimer „Rosengarten“ – realisiert hat sowie zwei bezaubernde Bleistiftzeichnungen.
Dagegen spart die Ausstellung Kissels in den achtziger und neunziger Jahren wachsendes politisches Engagement, wie es in zahlreichen Collagen etwa zum Börneplatzkonflikt oder in den „Briefen aus Weimar“ künstlerisch zum Ausdruck kommt, weitgehend aus. Das mag man bedauern, ist aber angesichts der begrenzten Raumverhältnisse im Bilderhaus eine nachvollziehbare Entscheidung. Zu sehen sind zwei Zeichnungsobjekte zum Börneplatz, seit kurzem als Leihgaben im Museum Judengasse.
Der Ausklang der Schau im Bilderhaus mit dem Alterswerk freilich und den meist auf oder in Erinnerung an Reisen des Künstlers entstandenen Blättern erscheint im Vergleich zu jenen Arbeiten – und von den Reliefs zu schweigen – vergleichsweise verspielt und heiter, künstlerisch nicht im selben Maße überzeugend.