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„One Day in Life“ in Frankfurt : Telemann in der Großküche, Beethoven im Boxring

Beethoven im Boxcamp: Pierre-Laurant Aimard spielt die Klaviersonate Nr. 31 in einem Ring im Gallus. Bild: Wonge Bergmann

75 Konzerte an 18 Orten, über 24 Stunden verteilt in ganz Frankfurt: Wer das Projekt „One Day in Life“ des Star-Architekten Daniel Libeskind für einen reinen Kraftakt hält, staunt über das feine Zusammenspiel von Musik, Ort und Umgebung.

          Daniel Libeskind strahlt. Er tritt aus einer Halle im Gallusviertel, wo sonst Jugendliche, gerade auch solche mit Integrations- und anderen Schwierigkeiten, trainieren, in den sonnig-warmen Sonntagmorgen. Die Konzertbesucher verspüren nicht den Drang, das Gelände gleich wieder zu verlassen. Ein solches Publikum hat sich vermutlich dort noch nie aufgehalten. „This is very internet“, sagt Libeskind. Viele Leute treffen sich, tauschen sich aus, sprechen über Musik und die Orte, an denen die meisten zum ersten Mal sind.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          „Großartig“ und „einzigartig“ sei das Ganze, schwärmt der New Yorker Star-Architekt, der vor zwei Jahren die Idee zu „One Day in Life“ hatte. Er hat die Stücke, darunter auch kaum bekannte, aber zum jeweiligen Aufführungsort oft frappierend passende, selbst ausgesucht und ist noch ganz hingerissen ist von der Darbietung Pierre-Laurent Aimards, einem der großen Pianisten der Gegenwart. Im Boxcamp Gallus spielte er soeben die Klaviersonate Nr. 31 von Beethoven. Der Flügel steht mitten im Boxring, Jungs, sie sich sonst hier sportliche Wettkämpfe liefern, heben die Seile für den Klavierspieler hoch, Sandsäcke hängen von der Holzbalken-Decke. Als Zugabe setzt es das sehr kurze Stück „The young boxer’s lighter Moments“ von György Kurtág.

          Eine Küchensinfonie in Edelstahl

          Wie überall während der 24 Stunden, in denen 75 Konzerte an 18 Orten stattfinden, läuft auch im Boxcamp alles reibungslos ab. Und hier wie an den anderen Stationen empfangen einen freundliche Mitarbeiter, die sichtlich Spaß daran haben, dass ihre Einrichtung an dem Konzertprojekt teilnimmt. Die Atmosphäre ist entspannt. Die Häufigkeit, mit der Smartphones zum Fotografieren gezückt werden, lässt darauf schließen, dass das Interesse an den einzelnen Räumlichkeiten groß ist. Die Musik erlaubt Assoziationen, die sich nahezu mühelos einstellen.

          In der ehemaligen Großküche des Römers beispielsweise. Es geht hinab in die Labyrinthe des Rathauses, vorbei an einem Schild, auf dem die „Grundregeln der Küchenhygiene“ erläutert werden. Hier wird Georg Philipp Telemanns „Tafelmusik“ gespielt. Der Tisch ist gedeckt, auf einer weißen Tischdecke stehen die Notenständer für das Kammermusikensemble „Il Quadro Animato“. Die Besucher stehen zwischen weißgekachelten Wänden unter Neonbeleuchtung, alles wirkt blitzsauber, riesige Herde und Öfen, Spülen und Pfannen bestimmen das Bild, eine Küchensinfonie in Edelstahl, kühl und funktionell. Irgendwo brummt die Elektrik.

          In den „Vier Jahreszeiten“ geht es auch um die Natur

          Herumlaufen während der musikalischen Darbietung ist nicht nur erlaubt, sondern erwünscht, auch wenn der eine oder die andere auf Konzertsaalverhalten Wert legt und tuschelnde Mithörer zurechtweist. Aber hier geht es ja gerade um das Beiläufige. Das sich dann aber doch als so stark erweist, dass es die Konzentration auf sich zieht. Das ist nicht nur barockes Geplänkel. Das hat musikalische Kraft. Nach Telemann werden 100 Metronome in Gang gesetzt, die ein Maschinengeräusch erzeugen: Eine Großküche ist schließlich eine Maschinerie, die dazu dient, ein menschliches Grundbedürfnis zu befriedigen. „Notwendigkeit“ ist denn auch die Lebensdimension, die Libeskind der Großküche zugeordnet hat. An anderen Stationen geht es etwa um Wissen, Körper, Willen, Stillstand, Begegnung.

          „Natur“ ist das Thema, wie sollte es anders sein, im Senckenberg-Museum. Im Dinosaurier-Saal lassen die Besucher den Blick über die Skelette von Urzeitmonstern wie dem Triceratops oder dem Tyrannosaurus Rex schweifen. Über ihren Köpfen segelt ein Flugsaurier. „Das ist schon abgefahren“, sagt jemand. Nicht nur das klassische Konzertpublikum hat sich hier versammelt. Viele tragen Turnschuhe. Einige Tattoos. Sowohl Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ als auch Kaija Saariahos „Terrestre“ sind musikalische Auseinandersetzungen mit der Natur, ein Ensemble unten im Saal und eines oben auf der Empore verknüpfen kunstvoll beide Stücke.

          Soli für Trompete und Straßenbahn

          Derweil tanzen auf der erhöhten Fläche vor der Alten Oper, einer Installation, für die Libeskinds erste Zeichnung zu dem Projekt ins Überdimensionale vergrößert wurde, Paare Salsa. Eine spontane Aktion. Jemand hat ein Abspielgerät mitgemacht. Die Dämmerung liegt über dem frühsommerlichen Abend, sehr viele Leute sind unterwegs. Zum Beispiel in Richtung Opern-Turm, von dessen 38.Stock aus sich zu dieser Stunde ein atemberaubender Blick über die Stadt mit ihren flackernden Lichtern und auf einen vollen Mond bietet. Die Stühle sind so aufgestellt, dass die Besucher nach draußen schauen. Dazu liefert zunächst ein Vokalensemble den Soundtrack, danach Mitglieder des IEMA-Ensembles mit Salvatore Sciarrinos „Stimmen unter Glas“. Er würde, wenn so etwas im Radio gespielt werde, gleich abschalten, sagt ein Mann. Es komme auf die Atmosphäre an.

          Um Mitternacht setzt sich am Westbahnhof die Straßenbahn in Bewegung. Sitz an Sitz mit ihrem Publikum spielen ein Flötist, ein Trompeter und ein Akkordeonspieler moderne, sehr moderne Solostücke für ihre Instrumente. Das Ruckeln und Zuckeln der Tram, das Geräusch der Fahrerkurbel und der Räder auf den Schienen grundieren die Werke. Die Fenster sind offen. Es zieht. Zwei massive Herren mit Westen, auf denen „Service und Sicherheit“ steht, verziehen keine Miene. Häuser und Schicksale ziehen vorbei. Im Bahnhofsviertel ist die Hölle los. Eine Stadt, so zerrissen, vielfältig, spannend, poetisch, brutal wie die Töne in der Straßenbahn.

          Quelle: F.A.Z.

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