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Veröffentlicht: 05.05.2017, 18:34 Uhr

Christenverfolgung im Irak „Ich muss doch meinen Leuten helfen“

Eine Schülerin aus Rodgau reist in den Irak und dokumentiert die Verfolgung christlicher Minderheiten. Nicht jeder versteht, warum sie das Wagnis eingeht.

von Elena Witzeck, Rodgau
© dpa Irakische Christen im Libanon: Tausende von ihnen sind aus dem Irak und Syrien vor der Gewalt in ihren Ländern geflohen.

Als Ninve Ermagan nach den Osterferien wieder in die Schule kommt, fragen die Klassenkameraden, wie es war. Ninve überlegt ein wenig und sagt dann, dass sie Lebensfreude und Gastfreundschaft der Menschen beeindruckend fand. Die Antwort klingt, als käme sie gerade von einem Schüleraustausch in Frankreich oder einem Sprachkurs auf Malta. Dabei meint Ermagan die Vororte von Mossul und die Flüchtlingscamps, wo sie vor allem Not, Wut und Zerstörung gesehen hatte. Aber so etwas lässt sich auf einem Schulhof eben schwer in Worte fassen.

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Ninve Ermagan ist eine zierliche Achtzehnjährige mit langen dunklen Haaren, noch mehr Mädchen als Frau. Sie ist in Rodgau aufgewachsen, liest gern und interessiert sich für Politik. In einem Jahr will sie ihr Abitur machen. Ihre Eltern sind Assyrer, syrisch-orthodoxe Christen, die vor ihrer Geburt aus der Türkei nach Deutschland flohen. Sie haben der Tochter davon erzählt, wie ihre Vorfahren im Ursprungsgebiet des alten Christentums verfolgt und ihre Siedlungen zerstört wurden. Seit einigen Jahren kann Ermagan es selbst im Fernsehen und im Internet sehen, denn die Verbrechen geschehen wieder, in Syrien und im Irak.

In den Trümmern von Baghdeda

Die Idee kam ihr vor einem Jahr. Im Rhein-Main-Gebiet leben einige Assyrer, die meisten von ihnen in Wiesbaden und Mainz. Seit Beginn des Syrien-Kriegs organisieren sie Spendenaktionen und Mahnwachen, aber viel Aufmerksamkeit wird ihnen nicht zuteil. Ermagan ist Mitglied der Aktionsgruppe „Save Our Souls“, die auf die Verfolgung und Ermordung von Christen im Irak und in Syrien aufmerksam macht. Vor zwei Jahren, als die Bilder der Verwüstung in Syrien und im Irak noch ständig zu sehen waren, berührten sie die junge Frau. „Jetzt sieht man davon nichts mehr. Und wenn doch, ist man abgestumpft.“ Sie wollte wieder etwas spüren, etwas von den Erfahrungen der Minderheiten in den Krisengebieten mit nach Deutschland bringen.

Anfang April steht Ermagan in den Trümmern von Baghdeda und sieht, wie an einem Gerüst ein 20 Meter hohes Kreuz wiederaufgerichtet wird. Sie ist mit einer Organisation namens Gishru (die Brücke) in den Irak geflogen. Gishru bringt junge Assyrer an unterschiedlichen Orten auf der Welt miteinander in Kontakt, um Kultur und Identität der Glaubensgemeinschaft zu stärken, und liefert Spenden in die Krisenregionen.

Um Ermagan herum sind amerikanische, schwedische, Schweizer Assyrer, aber so jung wie sie ist niemand. Vor ihrer Reise musste sie unterschreiben, dass sie allein für ihre Sicherheit verantwortlich sei. Und ihre Eltern überreden, denn sie waren nicht begeistert, als sie erfuhren, dass ihre Tochter ohne Begleitung aus Deutschland aufbrechen wollte.

Baghdeda liegt südöstlich von Mossul in der Ninive-Ebene und heißt auf Arabisch Al-Hamdaniya. Im August 2014 eroberte die Terrorgruppe IS die assyrische Stadt und zwang die Bewohner, vorwiegend Christen, zur Flucht. Als 2016 die irakische Armee einmarschierte, flohen die IS-Kämpfer.

„Wie kann man nur die ganze Zeit alles zerstören?“

Die Gruppe, mit der Ninve Ermagan unterwegs ist, kommt an niedergebrannten Kirchen, zerstörten Schulgebäuden, verwüsteten Wohnungen vorbei, wie sie schildert. Begleitet von Soldaten der NPU, einer 2014 zur Verteidigung gegen den IS gegründeten Kampftruppe assyrischer Christen im Irak, bewegen sich die Teilnehmer dort, wo vor wenigen Monaten noch geschossen wurde. Einer der Bewaffneten in Uniform erzählt der jungen Deutschen, dass er eigentlich Lehrer ist. Der NPU-General gibt jedem der Besucher aus der anderen Welt die Hand, Ninve macht ein Selfie mit ihm.

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