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Charles Hallgarten Eine Art Beichtvater der Zeitsorgen

 ·  An das Lebenswerk eines lange vergessenen Frankfurter Menschenfreunds und Wohltäters, der viele Spuren in der Stadt hinterlassen hat, erinnert die Ausstellung über Charles Hallgarten. Die Universitätsbibliothek zeigt sie zu seinem 100. Todestag.

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Als Thomas Mann in seinem Roman „Königliche Hoheit“ einen amerikanischen Millionär und Wohltäter namens Samuel Spoelmann schilderte, soll ihm der Frankfurter Charles Hallgarten als Vorbild gedient haben. Wahr oder nur gut erfunden? Für die literarischen Ehren spricht jedenfalls, dass Hallgartens Sohn Robert, der als Privatgelehrter in München lebte, den Dichter über eine Kulturzeitschrift kannte. Freundschaftliche Beziehungen zwischen beiden Familien, besonders zwischen Erika Mann und Richard Hallgarten, entstanden später durch ihre Nachbarschaft.

Ähnlich waren sich Charles Hallgarten, dem jetzt die Universitätsbibliothek eine Ausstellung widmet, und die Romanfigur Spoelmann auch darin, dass beide Amerikaner waren, die aus gesundheitlichen Gründen in Deutschland lebten - Hallgarten in Frankfurt, der fiktive Spoelmann in einer ebenso fiktiven Residenz -, zwei steinreiche Kapitalrentner, die mit ihren üppigen Ressourcen die Armen in großzügiger Weise unterstützten.

Die Phantasiegestalt Spoelmann verteilte zudem „gewaltige Schenkungen an Kollegien, Konservatorien, Bibliotheken, Wohltätigkeitsanstalten“ - genau wie es Hallgarten in der Realität tat: „Es haben sich in seiner Stube vielerlei Leute getroffen, Minister, Kirchenräte, Rabbiner, Abgeordnete, Finanzleute, Künstler, Männer, Frauen, Projektemacher und Notleidende, viele, die etwas von ihm haben wollten, auch solche, die sein Geld haben wollten und sonst nichts von ihm“, erinnerte sich der evangelische Theologe und liberale Politiker Friedrích Naumann. „Und in der Mitte dieser vielen Anforderungen sahen wir ihn immer ruhig, geduldig, klar im Zuhören und Antworten, ein Mann des Pflichtbewußtseins gegenüber den Aufgaben, die er sich selbst stellte.“

Täglich erreichten ihn Bittgesuche

Absurd adressierte Bettelbriefe an Mr. Spoelmann, wie Thomas Mann sie im Roman beschreibt, hat Hallgarten tatsächlich erhalten. Als Baron, Fürst, Ehr- oder Hochwürden wurde er auf den unzähligen Bittgesuchen bezeichnet, die ihn tagtäglich erreichten. Robert Hallgarten beschreibt das in der Biographie, die er über das Leben seines Vaters verfasste. Eine Frau habe ihren Bittbrief sogar mit dem Angebot beendet: „Würde Ihnen, sehr geehrter Herr, auf Verlangen die Füsse küssen.“ Als eine Sachsenhäuserin schriftlich um ein Almosen bat, da sie elf unmündige Kinder habe und ihr Mann „luftkrank“ sei, hat ihr Charles Hallgarten natürlich geholfen, sagte im Hinblick auf die hohe Kinderzahl aber trocken zu seinem Privatsekretär: „Was würde der Mann erst tun, wenn er Luft hätte?“

„Ein Amerikaner in Frankfurt am Main. Der Mäzen und Sozialreformer Charles Hallgarten“ heißt die kleine Ausstellung, die zu seinem 100. Todestag in der Universitätsbibliothek in Zusammenarbeit mit dem Jüdischen Museum präsentiert wird: ein verdienstvoller Schritt, um an einen großen Frankfurter zu erinnern, dessen fast vergessenes Leben und Wirken mit Dokumenten und Fotografien nun anschaulich wird.

Wenn Hallgarten im Gedächtnis der Stadt heute endlich den ihm gebührenden Platz einzunehmen beginnt, so ist das auch Arno Lustiger zu verdanken. Schon in den frühen achtziger Jahren hielt er Vorträge über ihn, wies die Stadt - leider vergeblich - auf den 75. Todestag des bedeutenden Philanthropen hin und würdigte ihn 1985 in dieser Zeitung. Aber noch 2001, als man das Jubiläum der FAAG und der „Aktienbaugesellschaft für kleine Wohnungen“ feierte, wurde Hallgarten nicht einmal erwähnt. Er war es aber, der angesichts des Mangels an Wohnungen für die rasch wachsende Bevölkerung 1890 mit Georg Speyer und Carl Becker die Initiative zur Gründung der „Aktienbaugesellschaft für kleine Wohnungen“ ergriff, die als Erstes den Burgstraßenblock baute.

Im November 1838 in Mainz geboren - als Karl Hallgarten

Mittlerweile schließt sich die kollektive Erinnerungslücke: Vor fünf Jahren gab Arno Lustiger die im Societäts-Verlag erschienene Hallgarten-Biographie heraus, mit eigenen Beiträgen und Texten des Historikers Hans-Otto Schembs - beide gehören auch zu den Autoren des Begleitbuchs zur jetzigen Ausstellung, die noch bis zum 6. Juni läuft.

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