24.06.2010 · „Carmen“ ist in der Stiftsruine Bad Hersfeld keine Opéra comique, sondern ein deutsches Musical.
Von Hans RiebsamenCarmen, die verführende Heldin, stürzt nicht den Sergeanten José ins Unglück, sondern den Beamtenanwärter Jo. Die Handlung spielt nicht im Spanien des beginnenden 19. Jahrhunderts, sondern im Hamburg oder Berlin der Nachkriegszeit. In ihren Grundzügen hat Musical-Autorin Judith Kuckart indes die alte Geschichte des Prosper Mérimée von der gefährlich freien Frau, die in der Vertonung Georges Bizets zur weltweit populärsten Opernheldin wurde, beibehalten.
Welcher Wagemut. Holk Freytag, der neue Intendant der Bad Hersfelder Festspiele, hat sich für seine erste Saison kein Erfolgsmusical von Lloyd-Webber oder einem anderen Komponistenstar ausgesucht, sondern er hat ein Musical schreiben lassen. Und „Carmen“, dessen Text und Songs die Berliner Schriftstellerin Kuckart und dessen Musik der Wuppertaler Komponist Wolfgang Schmidtke verfasst haben, ist keineswegs ein miserables Werk geworden.
Eine Wucht
Die auf Bigband-Jazz beruhende Musik, die an einigen wenigen zentralen Stellen auf die bekannten Bizet-Melodien zurückgreift, bietet zwar keine Ohrwürmer, kommt aber durchaus schmissig daher. Und der deutsche Bilderbogen der Trümmerzeit und der Aufbaujahre als politischer Hintergrund dürfte einen intelligenten Menschen allemal mehr interessieren als die bekannten albernen Musicalgeschichten, in denen eitle Katzen und tanzende Teekannen die Hauptrolle spielen. Gewiss sind die Charaktere auch in „Carmen“ etwas grob gestrickt. Und das eine oder andere Lied von Liebe und Leid wirkt zuweilen doch lächerlich sentimental. Aber das liegt wohl in der Natur jedes Musicals. Derartige Singspiele bestechen mit anderen Qualitäten, etwa mit der flotten Verbindung von Tanz, Gesang und Spiel.
Zumindest der Hersfelder Carmen gelingt diese Verbindung glänzend. Anna Montanaro, Deutschlands bester Musical-Export seit Hildegard Knef und Ute Lemper, ist eine Wucht. Sie, die gut genug für das Londoner Westend und den Broadway ist, besitzt eine ausdrucksstarke Stimme, sie kann tanzen und sie vermag ihrer Figur jene Zweideutigkeit zu geben, die Carmen zu einem ewigen Rätsel macht. Aus dem Ensemble ragt die Montanaro heraus; mit Ausnahme von Gaines Hall in der Rolle eines amerikanischen Sängerstars, dem „Torero“ dieser Carmen-Version, kann ihr keiner das Wasser reichen.
Schwarzmarkthändler und Displaced Persons
Für einen solchen internationalen Star baut man natürlich eine ordentliche Treppe, damit er imposant schreiten kann. Schwarz-rot-golden zieht sie sich in die Tiefe der Spielstätte, hinter ihre oberste Stufe hat Bühnenbildner Roy Spahn einen Siegeskranz aus riesigen Eichenblättern aufgebaut, der zuerst ein zerbrochenes Hakenkreuz, dann die neue Deutsche Mark und zuletzt die amerikanische Flagge umrundet. Zu Füßen dieser Treppe lässt Regisseur Nico Rabenald die Schwarzmarkthändler aus dem Camp für Displaced Persons wuseln, Gestrandete aus den zerstörten Ländern des Ostens und den Lagern der Nazis.
Am Ende sind diese Verlorenen, die anfangs nichts zu verlieren haben, die Gewinner des deutschen Aufbaus. Die tüchtige Kati etwa, der Maaike Schuurmans eine unverwechselbare Gestalt gibt, betreibt jetzt eine Bar und nimmt Carmen auf in ihre Truppe leichter Mädchen. Ihr Lover Karlemann (Paul Kribbe) und seine Gang haben ebenfalls den Sprung in die Bürgerlichkeit geschafft, wenn auch nicht in die Gutbürgerlichkeit, sondern nur in die Besitzbürgerlichkeit. Einzig Jo, verkörpert von dem wenig auffälligen Christian Alexander Müller, ist vom Weg, der alle nach oben führt, abgekommen, die Leidenschaft zu Carmen hat ihn Marie, seine erste Liebe, verraten lassen und ihn in ein Ludenleben geführt.
Zu deutsch für das internationale Publikum
Diese verlassene Marie, mittlerweile eine alte Frau geworden, erzählt die Geschichte von Carmen, von der niemand weiß, woher sie kommt, und von Jo, der ihr in die Fänge gerät. Franziska Weber gibt die alte Hutmacherin, an der das Glück vorbeigegangen ist, Kristin Hölck spielt die Marie einfühlsam als junge, verlassene Frau. Wegen der Rückblendentechnik kann das Stück freilich nicht dramatisch mit Carmens Tod enden, niedergestreckt von einem Messerstich des verzweifelt eifersüchtigen Jo. Es muss noch einmal ins Gefühlvolle gehen, in den traurigen Song der armen Marie.
Ob in der Stiftsruine in Bad Hersfeld jetzt ein deutsches Musical seinen Siegeszug durch die Welt begonnen hat, muss man bezweifeln. Für das internationale Publikum ist der Stoff vermutlich zu deutsch und nicht marktgängig genug. Für das Hersfelder Theaterfestival dagegen stellt das Stück einen Trumpf dar. „Carmen“ als Musical – ist nur hier und sonst nirgendwo zu sehen. Und dies in einer recht unterhaltsamen Version.