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Büchner-Preisträger Überblenden der Erinnerung

Durs Grünbein liest im Frankfurter Literaturhaus. Eben ist „Koloss im Nebel“ erschienen.

© Jockisch, Anna Büchner-Preisträger von 1995: Durs Grünbein.

Sein Dichten hat einen visuellen Kern. Was aber, wenn ihm etwas den Blick verstellt? Dann erscheint bei Suhrkamp eben wie jüngst ein „Koloss im Nebel“. Im Frankfurter Literaturhaus sprach Durs Grünbein  mit der Literaturkritikerin Insa Wilke über seinen neuen Lyrik-, nein, Gedichtband, denn: „Die Lyra ist zerbrochen, die Lyrik ist gestern gestorben.“ Der Prosa prophezeite der Dichter aus Berlin eine große Zukunft als Ergründerin der menschlichen Psyche - vor allem dem gängigen Familienroman, nach dem ihn Hausherr Hauke Hückstädt gefragt hatte. Für ihn aber sei der Vers die Vertiefungsform schlechthin. Wohin auch immer er sich bewege, habe er ein Versbuch dabei. „Ich muss Verse machen, begründungslos“, lautet sein Credo.

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„Ich bin ein bildender Künstler“, lautet ein weiteres. Deshalb hat Grünbein die Gedichte in seinem neuen Buch nach dem Plan einer Ausstellung angeordnet: In sieben Abteilungen präsentiert er Reisebilder, Alltagsembleme, Selbstporträts, Historien sowie Studien zu Liebe und Sexualität. Es ist nicht leicht, ihm zuzuhören. Schon nach kurzer Zeit fühlt man sich selbst benebelt und begreift, warum dieser Abend mit dem Büchner-Preisträger von 1995 weder im Großen Saal noch im Kabinett, sondern im kleinen „Salon“ vor einem intimen Kreis von Liebhabern stattfand. Auch war man der Moderatorin dankbar, dass sie ihren Gast immer wieder ins Gespräch verwickelte, bis er das Lesen fast vergaß. Er holte es aber nach anderthalb Stunden nach.

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„Ohne Konventionen geht es nicht“

Bis dahin hatte Insa Wilke bewiesen, dass sie eine Meisterin des Insistierens ist, und Grünbein, dass er ein Kavalier der alten Schule des Taktgefühls ist. Nur einmal ließ er sich in Verlegenheit bringen: Wie er malen würde? In welchen Farben? Abstrakt oder figürlich? „Das ist schwierig zu beantworten“, fand der Dichter und entgegnete: „Mit Überblendungen von Erinnerungen.“ Eingedenk seines Debüts vor 24 Jahren („Grauzone morgens“) könnte man vermuten, er bevorzuge Grautöne, in denen sich nur Athenes Eule noch zurechtfindet. Tatsächlich hat er einige Gedichte dem Totemtier des wankenden Europa gewidmet. Von Endzeitstimmung will er aber nichts wissen: „Das ist nur eine Krise.“ Auch wenn die Konturen unscharf werden, Zeitbilder verschwimmen und die Nationen im Nebel verschwinden.

Was muss man alles wissen, um ein Gedicht von Grünbein verstehen zu können? Das hätte Insa Wilke gerne von ihm, dem „poeta doctus“, erfahren. Grünbein aber hat einen sehr eigenen Begriff von Allgemeinbildung: „Ich gehe nicht von Vorwissen aus, sondern von einem Allgemeinwissen, das immer da ist, in allen Schichten. Nur dass es manchmal absinkt.“ Der Leser muss also weder Paul Klee noch Erich Heckel kennen, um die „Radiolarien in Öl“ genießen zu können. Kennt er sie doch, könnte er sie verwechseln wie Insa Wilke. Doch Grünbein setzt nach eigenen Worten nichts voraus, „was sich nicht einfach googeln ließe“. Er will also doch verstanden werden? „Ohne Konventionen geht es nicht“, gibt er zu. Aber: „Schon Catull war ein Neuerer aus Ciceros Sicht.“ Die Kunst bestehe eben darin, auf Basis der Konventionen gegen diese verstoßen zu können.

Quelle: F.A.Z.

 
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