Home
http://www.faz.net/-gzk-73x33
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Büchner-Preise Auch ohne Anhänger für die Zukunft schreiben

Friedrich Christian Delius spricht in Darmstadt über Wolfgang Koeppen. Er lobt ihn als bescheidenen, oft verkannten und doch beeindruckenden Autoren.

© dpa Vergrößern Wolfgang Koeppen diente ihm als starkes literarisches Vorbild: Friedrich C. Delius, Büchnerpreisträger 2011.

Seinen Verleger Siegfried Unseld trieb er mit Vorschusswünschen und Schreibhemmungen fast zur Verzweiflung, einen seiner Nachfolger als Träger des Büchnerpreises aber hat Wolfgang Koeppen zum Schreiben gebracht. Friedrich Christian Delius, Büchnerpreisträger des Jahres 2011, erinnerte als Gast des von Martin Schneider organisierten „Literarischen Herbstes“ in der Darmstädter Stadtkirche an den Schriftsteller, dem die Auszeichnung, die am Samstag an Felicitas Hoppe vergeben wird, vor genau 50 Jahren zugesprochen wurde.

Damals, im Jahr 1962, war der 56 Jahre alte Koeppen erst seit kurzem Suhrkamp-Autor. Mit seiner zu Beginn der fünfziger Jahre erschienenen „Trilogie des Scheiterns“, bestehend aus den Romanen „Tauben im Gras“, „Das Treibhaus“ und „Der Tod in Rom“, hatte er sich zu einem der bedeutendsten deutschen Autoren der Nachkriegszeit entwickelt, überforderte die Mehrzahl der Leser jedoch mit seiner Anknüpfung an die Verfahren der internationalen literarischen Moderne der Vorkriegszeit. „Koeppen“, sagte Andreas Müller, einer der ehemaligen Leiter des Literaturhauses Darmstadt, „hat nicht nur in die Gegenwart geguckt, sondern auch in die Zukunft hineingeschrieben.“

Er durchschaute „die Bräuche der Eile und der Verwertung“

Delius, der Koeppen als junger Leser nach eigenem Bekunden zu seinen Vorbildern zählte, sah es schärfer und fügte hinzu, Koeppen habe vielen Zeitgenossen nicht gepasst. In seinem Nachruf auf den 1996 gestorbenen Autor, den er ebenso vortrug wie Koeppens Dankrede auf den Erhalt des Büchnerpreises, hatte Delius geschrieben, Koeppen habe „keine Gemeinde unter den eher konservativen Lesern und Denkern“ gehabt, denen er zu radikal gewesen, und über „keine Gemeinde unter den Linken“ verfügt, „denen er zu preußisch oder zu dunkel“ erschienen sei. Auch keine Gemeinde der von ihm ohnehin zutiefst verachteten „Mitte“ habe es für Koeppen geben können: „Kein Dechiffriersyndikat, weil er zu klar schreibt.“

Koeppen selbst hatte in seinem Büchnerpreis-Dank resümiert, er habe seine Generation „bekämpft“. Die Auszeichnung empfand er sehr bescheiden nicht als „Krönung“, sondern „als Förderung“ seiner Karriere. Delius sah in seinem Nachruf, in dem er mit der Vorstellung spielt, wie Rundfunkredakteure ihm nur vier Minuten Sendezeit geben, den „lieben Alten“ ob des Zeitzwangs „verschmitzt lächeln“. Koeppen, der - trotz Büchnerpreis - lange vor seinem Tod literarisch verstummte, habe „die Bräuche der Eile und der Verwertung“ erkannt. „Er hat sie beschrieben, er hat sie durchschaut.“ Nicht das Schlechteste, auch wenn es Stummheit heißt.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Georg-Büchner-Preis Am besten ist es dort, wo man nicht hinsoll

Schau genau hin, geh noch näher heran, und sprich darüber: Jürgen Becker erhält im Staatstheater Darmstadt den Georg-Büchner-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Mehr Von Florian Balke

27.10.2014, 16:34 Uhr | Rhein-Main
Siegfried Lenz verstorben

Eine große literarische Stimme der deutschen Nachkriegsliteratur und ein Bürger, der sich für die Aussöhnung mit Polen und Israel engagierte. So würdigen Politiker und Literaten Siegfried Lenz. Nun ist er im Alter von 88 Jahren verstorben. Der weltberühmte deutsche Schriftsteller wurde 88 Jahre alt. Mehr

07.10.2014, 17:01 Uhr | Feuilleton
Suhrkamp Verlag Genehmigter Sanierungsplan soll Ruhe bringen

Seit acht Jahren liefern sich die beiden Gesellschafter des Suhrkamp Verlags einen erbitterten Machtkampf. Die Umsetzung des jetzt endgültig gebilligten Insolvenzplans soll für Ruhe sorgen. Mehr

24.10.2014, 16:44 Uhr | Rhein-Main
Video-Filmkritik Am Sonntag bist du tot

Am Sonntag bist du tot ist die Geschichte eines Paters, der seinen potentiellen Mörder unter den Mitgliedern seiner verschrobenen irischen Gemeinde vermutet. Mehr

22.10.2014, 08:54 Uhr | Feuilleton
Michel Houellebecq Die Blumen des Zerfalls

Im kalten Sonnenlicht der Sinnlosigkeit: Die neuen Gedichte von Michel Houellebecq sind überwiegend rabenschwarz. Witz und Selbstironie des Originals sind in der deutschen Übersetzung kaum zu vermitteln. Mehr Von Michael Krüger

28.10.2014, 17:10 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 26.10.2012, 18:51 Uhr

In Grund und Boden

Von Tobias Rösmann

Kommunalpolitiker versuchen durch drastische Erhöhungen der Grundsteuer ihre Haushalte zu sanieren. Mit solider, berechenbarer Finanzpolitik hat das nichts zu tun. Mehr