13.11.2009 · Im Frankfurter Städelmuseum wird derzeit eine Ausstellung gezeigt, wie es sie in Deutschland bisher nicht gegeben hat. Nie zuvor waren hierzulande so viele Bilder von Sandro Botticelli versammelt. Die Leihgaben kommen aus großen öffentlichen Sammlungen.
Von Michael HierholzerSie ähneln sich. Die Madonnen, die antiken Liebesgöttinnen, die Verkörperungen des Frühlings oder der Mutter Erde, die weiblichen Idealfiguren. Sie sind so sinnlich wie unnahbar, so sanft wie selbstbewusst, blond zumeist, oft mit wallendem, vielfach geschmücktem und in Teilen kunstvoll geflochtenem Haar. Sie besitzen harmonische Gesichtszüge und, ob nackt oder bekleidet, eine edle und in keinem Fall herausfordernde Gestalt.
Häufig aber tragen sie das Antlitz einer konkreten historischen Person, einer Frau, die seinerzeit als die schönste Florentinerin galt, von Dichtern besungen wurde und auch auf dem seit 1849 im Städel beheimateten Porträt einer vornehmen jungen Dame dargestellt sein soll: Simonetta Vespucci. In der Ausstellung mit Werken des wenn nicht bedeutendsten, so doch beliebtesten Malers der italienischen Frührenaissance hängt das Bildnis, das wie so viele Werke Botticellis (1444/45 bis 1510) nicht nur einen realen Menschen, sondern auch ein Ideal vor Augen führt, neben dem des Giuliano de’ Medici. Simonetta war, heißt es, seine Turnierdame. Vielleicht auch seine Geliebte.
Das tyrannische Herrscherhaus
Die beiden Gemälde bilden den Auftakt einer Schau, wie es sie in Deutschland bisher nicht gegeben hat. Nie zuvor waren hierzulande so viele Bilder von Sandro Botticelli versammelt. Aus großen öffentlichen Sammlungen kommen die Leihgaben, so „Minerva und Kentaur“ aus den Uffizien in Florenz oder zwei „Venus“-Darstellungen aus Berlin und Turin, und aus einigen Privatkollektionen. Das Giuliano-Porträt beispielsweise ist eines der Meisterwerke aus der National Gallery in Washington. Wie in allen Ausstellungshäusern, die Arbeiten von Botticelli ihr Eigen nennen, gehört auch dieses Bild zu den Besucherattraktionen im wichtigsten Museum der amerikanischen Hauptstadt. Der gesenkte Blick, der wächserne Teint, die geöffnete Tür, der verdorrte Zweig weisen wohl darauf hin, dass das Gemälde erst nach dem Tod von Giuliano entstanden ist: Der an den Regierungsgeschäften beteiligte Bruder von Lorenzo il Magnifico wurde 1478 bei der Verschwörung der Pazzi während der Ostermesse im Dom Santa Maria del Fiore ermordet.
Wie das Verhältnis zwischen Simonetta und Giuliano tatsächlich war, weiß die Wissenschaft nicht zu sagen, ins Reich der Sage gehört aber wohl, dass Botticellis Porträts der beiden ursprünglich in einem formalen Zusammenhang standen. Auch über die Verbindung von Maler und Modell ist nicht wirklich etwas bekannt. Wie von dem Künstler überhaupt wenig Biographisches gesichert ist. Um so mehr Klischees, Halbwahrheiten, Legenden ranken sich um ihn. So war er wohl nie ein Parteigänger des Bußpredigers Savonarola, wie Vasari behauptete. Klar jedoch ist: Botticelli war zu seiner Zeit ein äußerst begehrter Porträtist. Er genoss die Gunst der kunstsinnigen Medici. Sein einziger Auftraggeber war das tyrannische Herrscherhaus, das gleichwohl das „goldene Zeitalter“ von Florenz ermöglichte, freilich nicht. Dennoch wird mitunter übersehen, dass das Œuvre des florentinischen Meisters einen starken politischen Bezug hat und repräsentative Aufgaben im Stadtstaat der Medici erfüllte. Auch über derlei Zusammenhänge informiert die Schau.
In drei Kapitel eingeteilt
Kulturhistorisch weitaus schwerer wiegt allerdings, dass Botticelli eine Malweise entwickelte, die heutige Betrachter intuitiv als gegenwärtig empfinden. Der von ihm bevorzugte Frauentypus entspricht ohnehin Vorstellungen von weiblicher Schönheit, die zeitlos zu sein scheinen. Was sie, auch davon unterrichtet die Ausstellung auf zwei Ebenen im Peichl-Bau des Städel, nicht waren. Vielmehr entsprachen sie zeitgenössischen Idealen wie dem der zwischen Geist und Sinnlichkeit changierenden Nymphe oder aber der Muttergottes als auserwählter makelloser Frau, der auch das Attribut der vollkommenen Schönheit zukommen muss.
Die Städel-Schau in einer dezenten, in tiefem Dunkelrot gehaltenen Ausstellungsarchitektur ist in drei Kapitel eingeteilt: Bildnis, Mythos, Andacht. Sie befassen sich mit den Porträts, mit der auf die griechisch-römische Mythologie bezogenen Kunst, mit den religiösen Werken Botticellis. 40 Bilder und Zeichnungen, die ihm oder seiner Werkstatt zugeschrieben sind, sowie 40 Arbeiten von Zeitgenossen, die einen Vergleich zulassen und so das Einzigartige der Botticelli-Schönheit erkennen lassen, sind in dieser von Andreas Schumacher kuratierten Präsentation bis 28. Februar zu besichtigen.