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Bockenheimer Depot Das Beste aus zwei Welten

 ·  Bald hat „Neunzehnhundert“ im Bockenheimer Depot Premiere: Elisabeth Stöppler und Yuval Zorn erarbeiten in Frankfurt ein Opernprojekt mit Musik von Mahler, Schönberg und Zemlinsky.

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„Habe Ehrfurcht vor dem Alten und Mut, das Neue frisch zu wagen“ – der Wahlspruch des hessischen Großherzogs Ernst Ludwig, der noch heute auf der Darmstädter Mathildenhöhe zu lesen ist, passt auch zu dem Projekt, an dem Elisabeth Stöppler und Yuval Zorn derzeit arbeiten. Das Motto stammt aus derselben Zeit wie die Musik, mit der die beiden sich im Augenblick befassen, genauso wie das Gebäude, in dem am 9. Januar ihre szenische Installation „Neunzehnhundert – Ein ewiges Lied“ Premiere, im Grunde sogar Uraufführung haben wird.

Es ist eine Premiere auch in der Biographie der Regisseurin Stöppler und des Dirigenten Zorn. Noch nie haben sie sich an ein solches Vorhaben gewagt, das ihnen ebenso schwebend und komplex verbunden erscheinen muss wie die Holzkonstruktion des Bockenheimer Depots, Baujahr 1900. Zemlinsky, Schönberg und Mahler, die drei Sterne der Wiener Komponistenschule am Beginn der Moderne, in einem Musikabend zu vereinen, ist nicht neu. Aus Werken der drei aber, mit Kammerbesetzung, zwei Sängern – Ensemblemitglied Tanja Ariane Baumgartner (Alt) und Gast Shawn Mathey (Tenor) – sowie einer Handvoll Tänzer und Darsteller ein Opernprojekt zu machen, dafür gibt es keine Vorbilder. „Das ist ungeheuer aufregend“, befinden die beiden, die, obwohl in ihren Berufen sehr erfolgreich, durchaus noch am Anfang ihrer Karrieren stehen. Bewusst haben sie in den vergangenen, intensiven Probenwochen erlebt, wie sie selbst und ihr Team an dem Projekt gewachsen sind. Das gute Dutzend äußerst unterschiedlicher Protagonisten musste sich zu einem Kollektiv zusammenfinden, dennoch sollten die Unterschiede, das Bunte, Individuelle erhalten bleiben. Genau wie um 1900, als die Werke von Zemlinsky, Mahler und Schönberg entstanden.

Individualismus und Kollektiv, Phantasien neuer Lebensformen

Den Titel „Neunzehnhundert – Ein ewiges Lied“ hat sich Stöppler ausgedacht. Zum einen, weil mit Mahlers „Lied von der Erde“ der Abend mit dem Ruf nach dem Ewigen endet. Vor allem aber, weil das Jahr 1900 oder eine kurze Zeitspanne um diese Jahrhundertwende herum zu einem „Kulminationspunkt“ geworden sei, an dem auch die drei Werke entstanden: „Ein Lichtstrahl“, das skurrile Mimodram zu Klavierbegleitung von Alexander Zemlinsky, war 1901 fertig geworden – erst mehr als 90 Jahre später wurde es szenisch uraufgeführt. Schon 1899 hatte Schönberg seine „Verklärte Nacht“ geschrieben; Mahler, der älteste der drei, komponierte sein „Lied von der Erde“ 1908/09. Zugrunde liegen den Werken Gedichte, bei Zemlinsky ein szenischer Text – wie bei Schönberg geht es um ein Liebes-Dreiecksverhältnis. Eine interessante Konstellation, hat doch zur selben Zeit Zemlinskys Schwester Mathilde Schönberg geheiratet, während Alma Schindler dem Geliebten und Lehrer Zemlinsky zugunsten Mahlers den Laufpass gab.

Individualismus und Kollektiv, Phantasien neuer Lebensformen prägten die drei Stücke, so Stöppler. Ein Abbild des 19. Jahrhunderts, das auf seinem Gipfel eine „ideenreiche und gleichzeitig depressive Zeit“ gewesen sei, rückwärtsgewandt und doch vorwärtsstrebend, mit neuem Mut, Kollektivität auszuprobieren und doch extrem subjektiv und individualistisch zu sein. „Es geht um die Geburt der Modernität, des modernen Menschen“, ergänzt Zorn, „das Wunderbare an dieser Zeit ist, dass sie alle Ideale, all das Pathos des 19. Jahrhunderts, versammelt und zugleich die Ideen und die Energie einer neuen Zeit, die Faszination von Technologie und Geschwindigkeit“. Darüber, dass das viel mit unserer heutigen Zeit zu tun hat, haben die beiden in den vergangenen Wochen oft diskutiert.

„Demokratie der Töne“

Die „Demokratie der Töne“, wie Zorn das musikalische Material beschreibt, solle nun, so Stöppler, in ein Aneignen der Musik durch die Körper münden, die Klang und Raum erforschen und erwandern sollen. Für diese „Form von Tanz“, in der Musiker, Darsteller, Sänger und Tänzer sich in die Produktion einbringen, hat Stöppler erstmals mit einer Choreographin, Dorothea Ratzler, gearbeitet. Für die Musiker sei es „ungeheuer aufregend“, direkt ein Teil des Dramas zu sein, sagt Zorn, der bei „Ein Lichtstrahl“ auch Klavier spielen wird.

In Elisabeth Stöppler hat Opernintendant Bernd Loebe eine Regisseurin gefunden, die mit Klassikern wie „Traviata“ und „Zauberflöte“ ebenso der „extremen Kraft der Oper“ vertraut wie jüngst in Dresden mit Hans Werner Henzes „Gisela“ oder in Gelsenkirchen mit ihrem vielgelobten Britten-Zyklus, den sie nun mit „War Requiem“ fortsetzen wird. Britten und zeitgenössische Musik sind auch Schwerpunkte im Schaffen von Yuval Zorn, der seit 2008 Kapellmeister an der Frankfurter Oper ist. Der 1976 geborene Israeli und die 1977 geborene Deutsche teilen nicht nur die Faszination für die Kunstform Oper, der sie entgegen landläufiger Vorurteile zutrauen, auch in Zukunft die großen Fragen zu stellen. Beide haben ihre Laufbahn auch am Klavier begonnen, beide konnten zudem von Förderprogrammen profitieren, mit denen junge Talente für die Oper gewonnen werden.

„Wir konnten sofort etwas damit anfangen“

Zorn war im Jahr 2002 Mitglied des Young Artists Programme am Royal Opera House in London, er dirigierte dort mehrere Uraufführungen und arbeitete neben anderen mit Antonio Pappano und Daniel Harding zusammen. Stöppler, die in Hamburg Musiktheater-Regie bei Götz Friedrich und Peter Konwitschny studierte, gehörte im Jahr 2001 dem ersten Jahrgang der „Akademie Musiktheater heute“ der Deutsche-Bank-Stiftung an. Dass bei derartigen Förderprogrammen der intensive Dialog der künstlerischen Disziplinen geschärft wird, dürfte es Zorn und Stöppler zumindest nicht erschwert haben, sich jetzt einem so ungewöhnlichen Projekt wie dem ihren intensiv zu widmen.

Gipfeln soll die szenische Installation in der Uraufführung einer neuen Fassung von Mahlers „Lied von der Erde“. Jens Joneleit, dessen Musiktheater-Hörstück „Piero – Ende der Nacht“ von Zorn vor zwei Jahren im Bockenheimer Depot musikalisch geleitet wurde, hat sie für Kammerensemble geschrieben. Mit der auf ewig liebes- und lebenstrunkenen Welt von Mahlers „Abschied“, dem sechsten und letzten Teil des „Lieds von der Erde“, mag der Abend in Richtung Ewigkeit und Transzendenz enden – für Stöppler und Zorn aber sind ihr Musiktheaterprojekt und dessen buntgemischtes Darstellerteam, zu dem auch die Musiker zählen, „ein Teil unserer Welt und aus der Welt“. Musik und Texte würden befragt „wie Menschen“, in der Hoffnung, sie zu den Akteuren und zum Publikum sprechen zu lassen.

Seit anderthalb Jahren schon befassen sie sich immer wieder mit dem Projekt, das auf einer Idee von Intendant Bernd Loebe beruht, wie Stöppler sagt: Er habe die drei Werke zu einem szenischen Abend verketten wollen – „und wir konnten sofort etwas damit anfangen“.

Die Premiere beginnt am 9. Januar um 19.30 Uhr im Bockenheimer Depot, weitere Vorstellungen folgen zwischen dem 12. und 23. Januar.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1970, Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

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