Home
http://www.faz.net/-gzg-6lla6
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Bockenheimer Depot Das Beste aus zwei Welten

Bald hat „Neunzehnhundert“ im Bockenheimer Depot Premiere: Elisabeth Stöppler und Yuval Zorn erarbeiten in Frankfurt ein Opernprojekt mit Musik von Mahler, Schönberg und Zemlinsky.

© Wonge Bergmann Vergrößern Im Team: Yuval Zorn und Elisabeth Stöppler.

„Habe Ehrfurcht vor dem Alten und Mut, das Neue frisch zu wagen“ – der Wahlspruch des hessischen Großherzogs Ernst Ludwig, der noch heute auf der Darmstädter Mathildenhöhe zu lesen ist, passt auch zu dem Projekt, an dem Elisabeth Stöppler und Yuval Zorn derzeit arbeiten. Das Motto stammt aus derselben Zeit wie die Musik, mit der die beiden sich im Augenblick befassen, genauso wie das Gebäude, in dem am 9. Januar ihre szenische Installation „Neunzehnhundert – Ein ewiges Lied“ Premiere, im Grunde sogar Uraufführung haben wird.

Eva-Maria Magel Folgen:  

Es ist eine Premiere auch in der Biographie der Regisseurin Stöppler und des Dirigenten Zorn. Noch nie haben sie sich an ein solches Vorhaben gewagt, das ihnen ebenso schwebend und komplex verbunden erscheinen muss wie die Holzkonstruktion des Bockenheimer Depots, Baujahr 1900. Zemlinsky, Schönberg und Mahler, die drei Sterne der Wiener Komponistenschule am Beginn der Moderne, in einem Musikabend zu vereinen, ist nicht neu. Aus Werken der drei aber, mit Kammerbesetzung, zwei Sängern – Ensemblemitglied Tanja Ariane Baumgartner (Alt) und Gast Shawn Mathey (Tenor) – sowie einer Handvoll Tänzer und Darsteller ein Opernprojekt zu machen, dafür gibt es keine Vorbilder. „Das ist ungeheuer aufregend“, befinden die beiden, die, obwohl in ihren Berufen sehr erfolgreich, durchaus noch am Anfang ihrer Karrieren stehen. Bewusst haben sie in den vergangenen, intensiven Probenwochen erlebt, wie sie selbst und ihr Team an dem Projekt gewachsen sind. Das gute Dutzend äußerst unterschiedlicher Protagonisten musste sich zu einem Kollektiv zusammenfinden, dennoch sollten die Unterschiede, das Bunte, Individuelle erhalten bleiben. Genau wie um 1900, als die Werke von Zemlinsky, Mahler und Schönberg entstanden.

Mehr zum Thema

Individualismus und Kollektiv, Phantasien neuer Lebensformen

Den Titel „Neunzehnhundert – Ein ewiges Lied“ hat sich Stöppler ausgedacht. Zum einen, weil mit Mahlers „Lied von der Erde“ der Abend mit dem Ruf nach dem Ewigen endet. Vor allem aber, weil das Jahr 1900 oder eine kurze Zeitspanne um diese Jahrhundertwende herum zu einem „Kulminationspunkt“ geworden sei, an dem auch die drei Werke entstanden: „Ein Lichtstrahl“, das skurrile Mimodram zu Klavierbegleitung von Alexander Zemlinsky, war 1901 fertig geworden – erst mehr als 90 Jahre später wurde es szenisch uraufgeführt. Schon 1899 hatte Schönberg seine „Verklärte Nacht“ geschrieben; Mahler, der älteste der drei, komponierte sein „Lied von der Erde“ 1908/09. Zugrunde liegen den Werken Gedichte, bei Zemlinsky ein szenischer Text – wie bei Schönberg geht es um ein Liebes-Dreiecksverhältnis. Eine interessante Konstellation, hat doch zur selben Zeit Zemlinskys Schwester Mathilde Schönberg geheiratet, während Alma Schindler dem Geliebten und Lehrer Zemlinsky zugunsten Mahlers den Laufpass gab.

Individualismus und Kollektiv, Phantasien neuer Lebensformen prägten die drei Stücke, so Stöppler. Ein Abbild des 19. Jahrhunderts, das auf seinem Gipfel eine „ideenreiche und gleichzeitig depressive Zeit“ gewesen sei, rückwärtsgewandt und doch vorwärtsstrebend, mit neuem Mut, Kollektivität auszuprobieren und doch extrem subjektiv und individualistisch zu sein. „Es geht um die Geburt der Modernität, des modernen Menschen“, ergänzt Zorn, „das Wunderbare an dieser Zeit ist, dass sie alle Ideale, all das Pathos des 19. Jahrhunderts, versammelt und zugleich die Ideen und die Energie einer neuen Zeit, die Faszination von Technologie und Geschwindigkeit“. Darüber, dass das viel mit unserer heutigen Zeit zu tun hat, haben die beiden in den vergangenen Wochen oft diskutiert.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Kultur in China Westliche Opern für das Volk

Mit höchstem Segen der Partei wird in Peking ein neues Opernhaus gebaut. Auch Wagner und Verdi dürfen dort dem Sozialismus dienen - und der chinesische Musikernachwuchs soll zur Weltklasse reifen. Mehr Von Petra Kolonko, Peking

12.04.2015, 10:02 Uhr | Feuilleton
Walk of Fame Pharrell Williams mit Stern verewigt

Der Sänger, Songwriter und Produzent Pharrell Williams ist mit einem Stern auf dem Hollywood Walk of Fame geehrt worden. Die Werke des 41-Jährige haben sich mehr als 100 Millionen Mal verkauft. Mehr

05.12.2014, 11:07 Uhr | Gesellschaft
Renaissance der Musiktheater Der große Opern-Boom

Kein Geld für Kultur? Von wegen! Überall in Europa eröffnen neue Musiktheater. Sie stehen für wirtschaftlichen Aufschwung und Selbstbewusstsein der Regionen. Mehr Von Ralph Bollmann

06.04.2015, 13:34 Uhr | Feuilleton
Album der Woche Nena Oldschool

Hörprobe: Lieder von früher Mehr

01.03.2015, 15:00 Uhr | Feuilleton
Frankfurter Oper Ein langer Weg seit der ersten Traviata

Als wäre Sänger werden nicht schon ungewöhnlich genug: Vuyani Mlinde, der Bass aus Südafrika, hat es vom Schulchor auf die großen Bühnen der Welt geschafft. Mehr Von Eva-Maria Magel

11.04.2015, 20:31 Uhr | Rhein-Main
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 01.01.2011, 20:45 Uhr

Schulsystem aus dem Gleichgewicht

Von Matthias Trautsch

Wer kein Abitur ablegt, gehört in den Augen vieler schon zu den Bildungsverlierern. Das ist Quatsch. Und doch zeigt diese Ansicht, wie sehr das Schulsystem ins Wanken gerät. Mehr 3