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: Bittersüße Geständnisse: Tim Etchells und die Theatergruppe "Forced Entertainment" in der Reihe "Porträt" im Mousonturm

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Welche Stücke von Forced Entertainment kann man in Frankfurt noch zeigen, die nicht schon im Künstlerhaus Mousonturm gezeigt worden wären? Die bittersüßen Geständnisse und Selbstbezichtigung der Menschen ...

          Welche Stücke von Forced Entertainment kann man in Frankfurt noch zeigen, die nicht schon im Künstlerhaus Mousonturm gezeigt worden wären? Die bittersüßen Geständnisse und Selbstbezichtigung der Menschen in unserer Mediengesellschaft in "Speak Bitterness"? Die ironischen Reflexionen auf den Theaterbetrieb, auf Lust und Frust, Scham und Exhibitionismus der Schauspieler in "Showtime" oder "This Time"? Die Welt als Bretterbude in "Dirty Work", in der zwei Schauspieler alle nur erdenklichen Katastrophen aufzählen? Die imaginären Reisen der Gruppe zu entlegenen Orten und fremden Menschen in "The Travels"? Oder die sechsstündigen Performances, in denen auf ungemein lebendige und vergnügliche Art einfach nur Geschichten erzählt werden?

          Fast zwanzig Mal war die britische Theatergruppe in den vergangenen fünf Jahren zu Gast am Main."Wir haben hier fast alles gezeigt, was wir jemals gemacht haben", sagt Tim Etchells, Regisseur der Gruppe, zufrieden. Als Christine Peters, die scheidende künstlerische Leiterin des Mousonturms, mit dem Vorschlag an ihn herantrat, an zwei Wochenenden die eigene Arbeit zu porträtieren, sei ihm klar gewesen, daß daraus keine einfache Forced- Entertainment-Werkschau werden könnte. "Also haben wir das Projekt dafür genutzt, Kontakte zu anderen Künstlern, die wir schätzen, zu knüpfen, um mit ihnen zusammen arbeiten zu können. Wir wollen mit Künstlern in einen Dialog treten, die für uns zu den spannendsten Künstlern gehören, die zur Zeit im Bereich Theater und Performance arbeiten."

          Dazu zählt für Etchells der französische Choreograph Jerome Bel, der mit ihm die Vorliebe für Spielstrukturen und Regeln teilt, denen sich sowohl Etchells' Schauspieler als auch Bels Tänzer in Stücken wie "The Show Must Go On" unterwerfen müssen. Vergangenen Sommer habe man eine Woche lang in Sheffield, der Heimat von Forced Entertainment, gemeinsam einen Workshop gemacht, an den die Projektskizze, mit der die Porträt-Reihe am Donnerstag eröffnet wird, anknüpfen wird. Dazu gehört auch der New Yorker Regisseur Richard Maxwell, den Etchells gerade darum bewundert, daß er nach wie vor Stücke mit Handlung und Figuren schreibt, ohne dabei veraltet zu wirken. Etchells hat vier Texte für Maxwells Schauspieler verfaßt, und Maxwell wiederum hat für die Forced-Entertainment- Schauspieler vier Lieder geschrieben, die diese nun einstudieren. "Singen gehört nicht zu unseren Stärken", freut sich Etchells, "aber wir wollen uns mit dem Projekt ja gerade auch ein Stückchen von uns weg bewegen und uns auf neues Terrain begeben. Wie verändert sich die eigene Ästhetik, wenn sie mit der Ästhetik eines anderen Künstlers konfrontiert wird?"

          Mit Matthew Goulish von der Gruppe Goat Island aus Chicago und dem Künstler Mark Booth nähert er sich in Texten und Aktionen ungewöhnlichen Tiergeschichten, während Walid Ra'ad und Tony Chakar aus Beirut ein eigenes Projekt erarbeitet haben. Von Forced Entertainment selbst wird neben "Quizoola", einem sechsstündigen Frage-und-AntwortSpiel, auch "Marathon Lexikon" zu sehen sein, das am Samstag von zwölf Uhr mittags bis zwölf Uhr nachts von A wie "Audience" bis Z wie "Zero" Vorträge, Texte, Videos und Spiele zum Thema Performance aneinanderreiht. Ergänzt wird das Programm durch neue Videoarbeiten, die Tim Etchells mit Vlatka Horvat zusammengestellt hat.

          Gehört das erste Wochenende neuen Projekten, die eigens für das Porträt entstehen und die Etchells trotz vieler Anfragen von Veranstaltern, die bereits jetzt bei ihm eingehen, nirgendwo anders zeigen will, sind am zweiten Wochenende verstärkt fertige Produktionen zu sehen. Asta Gröting zeigt ihre Bauchredner-Performance "The Inner Voice", Edith Kaldor chattet mit einem Partner am Computer in "Or Press Escape" und Eva Meyer-Keller zeigt uns in "Death is Certain" hundert süße Arten, Kirschen zu töten. John Rowley und die GoodCopBadCopCompany aus Wales schicken das Publikum in Sound Effects of Death and Disaster" auf eine Entdeckungsreise durch den ganzen Mousonturm. Daß dies alles Künstler sind, die schon oft mit ihren eigenen Projekten im Mousonturm zu sehen waren, freut Christine Peters besonders. So schließt sich für sie am Ende ihrer fünfjährigen Zeit als künstlerische Leiterin des Hauses auch ein Kreis, der ihre eigene Arbeit noch einmal in einem anderen Licht präsentiert. (Das Forced-Entertaiment-Porträt wird heute um 20.30 Uhr mit einem Work-in-Progress von Jerome Bel eröffnet. Weitere Vorstellungen vom 28. bis 30. November und am 5. und 6. Dezember.) GERALD SIEGMUND

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