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Bilanz der Buchmesse Lässt sich das nicht leiser stellen?

15.10.2007 ·  Es hilft dem Buch, wenn sein Autor prominent ist. Die Frankfurter Buchmesse ist ein ständiger Kampf um Aufmerksamkeit. In diesem Jahr kam das Leben der Literatur gefährlich nah. Tobias Rüther bilanziert.

Von Tobias Rüther
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Man muss nur laut und lang genug schreien, dann hören schon alle hin, egal, ob man irgend etwas zu sagen hat oder nicht. Die Stimme muss nur verstärkt werden, dann wird sie schon zum Signal und hat ein Echo und hallt nach: „Seht, das bin ich!“, ruft Nikolai Kinski am Stand des Eichborn Verlags ins Mikro, und das Lustige daran ist, dass er das gar nicht ist, dieses Ich, was da gesehen werden will – sondern sein Vater, der große Klaus, der vor Jahren dieses Gedicht schrieb, das sein Sohn nun vorträgt auf der Frankfurter Buchmesse 2007. Oder wäre diese erkennungsdienstliche Interpretation auch verkehrt? Weil dieses Kinski-Ich, das da immer vernehmlicher und fiebriger fleht, identifiziert zu werden, am Ende doch nur erfunden ist, wie das bei Poesie und Prosa nun mal die Regel ist?

Nikolai Kinski jedenfalls wird immer schriller. „Ich bin das blaue Fiebertier der Erde!“, brüllt er ins Mikro, „ich bin Alarmsignal, Boje und Sturm!“, und wie er da brüllt („Ich bin der Wurm, der in den Brüsten wohnt!“), kommen von den Ständen drumherum die Verleger und Besucher und brüllen zurück: Kann man das vielleicht mal leiser machen, das gibt’s doch gar nicht, hier sind auch noch andere Gäste!

Still, stumm und weltvergessen

Es waren in der Tat viele andere Gäste auf der diesjährigen Buchmesse, die zurückhaltender auftraten und um so größere Wirkung zeigten, Honoratioren wie die Historiker Fritz Stern und Saul Friedländer zum Beispiel, manche Besucher gaben sogar damit an, wie oft sie den einen oder anderen an einem Tag allein gesichtet hatten (der Rekord lag bei fünfmal). Oder die vielen Mädchen und Jungen im Comic-Zentrum, die auf dem Boden hockten und in ihre Kladden zeichneten, still und stumm und weltvergessen – was für ein tröstender Anblick.

Umgeben waren sie von großartigen Tusche-Seiten hinter Glas, einer Werkschau zu „Michel Vaillant“, dem berühmten Rennfahrer, der auf der Messe seinen fünfzigsten Geburtstag feierte. „Duell auf der Piste“, „Teufelskerle“, „24 Stunden unter Druck“ heißen die Hefte, es geht um Ruhm und Größe und Ehre, was sonst, das ist auf der Messe nicht anders. Sinnbildlich wurde das auf der Agora, wo der katalanische Ehrengast Türme aus Menschen, den traditionellen „Castellers“, baute – immer höher hinauf in den Himmel.

Erst auf der Nadel wird's interessant

Als am Montag der Deutsche Buchpreis im Römer an die Berliner Autorin Julia Franck ging, erwähnte der Börsenverein-Vorsteher Gottfried Honnefelder, dass auch die Vorjahressiegerin Katharina Hacker anwesend sei. Das war wahrscheinlich gar nicht so nebenbei gesagt: Der Preis muss seine Relevanz im dritten Jahr zwar immer weniger einfordern, aber weil die mediale Aufmerksamkeitsspanne zugleich immer kürzer wird, muss man den Augenblick eben nutzen, wenn die Kameras einmal fokussieren – und sagen: Wir waren schon im vorigen Jahr hier, und davor und dieses Jahr wieder, im nächsten kommen wir auch. Es wurde wohl genauso viel über Julia Francks Roman „Die Mittagsfrau“ geredet wie darüber, ob der Preis, mit dem er prämiert wurde, nun endgültig etabliert sei und wie sich das auf den Verkauf auswirke.

In diesem Lichte wird der Rätselsatz Wolf Biermanns, den er über die Nobelpreisträgerin Doris Lessing fallenließ, fast ein Motto der Buchmesse. Goethe, so Biermann, habe über Schmetterlingssammler gesagt: Erst auf der Nadel wird’s interessant. Erst wenn etwas aus der Masse aufgespießt und unter das Brennglas genommen wird, soll das wohl heißen, schauen die Leute hin. Je aufgespießter, desto garantierter der Erfolg, und bei einer Messe, deren Zahlen abermals höher als im Vorjahr sind, mit 7.448 Ausstellern aus 108 Ländern und etwa 121.000 Neuerscheinungen, ist das existentiell.

Die Prominentenbücher

Da hilft, wenn Autoren bekannt sind, bevor sie nach Frankfurt kommen, oft ist ihre Prominenz das einzig buchenswerte überhaupt. Die Allgegenwart dieser Prominentenbücher war erschlagend. Schauspielersöhne wie Kinski, Köche, Retortensänger wie der deutsche „Superstar“ Mark Medlock, der, kaum gekürt, schon seine Autobiographie, nun ja: vorlegte. Und Klaus Wowereit.

Der Regierende Bürgermeister von Berlin kommt, um seine Autobiographie vorzustellen, nach Frankfurt, für sieben Stunden, zehn Interviews und zwei Dutzend Mal die Frage, ob er Bundeskanzler werden will. Drei Personenschützer und zwei Begleiter von der Messe umkreisen ihn ständig, und wo immer er steht und spricht, ob beim „Vorwärts“ oder den Fernsehaufzeichnungen, bleiben die Leute in Trauben hängen und rufen seinen Namen und fragen nach Autogrammen und nach Fotos, und er stellt sich neben sie und sagt sogar „Cheese“, wenn es blitzt.

Party-Figur Wowereit

Wowereit ist eher als Prominenter denn als Politiker bekannt, ein Prominenter, der zu anderen Prominenten befragt wird (Eva Herman natürlich) oder andere Prominente kennt. Katja Kessler zum Beispiel, bekannt aus „Bild“ und Bohlen, die eine Art Goldflügeloberteil trägt und „Wowiiiee“ flötet, als sie ihn sieht. Oder eine der vier Jacob-Sisters (das sind die mit den Pudeln und den gleichnamigen Frisuren), die urplötzlich am Stand des Blessing Verlags auftaucht: „Na, meine Kleene, wo ist denn der Rest?“, fragt Wowereit, und die Fotografen explodieren geradezu vor Glück und feuern, was das Zeug hält.

Auch wenn der Bürgermeister wieder und wieder an diesem Nachmittag beteuern wird, wie sehr ihn seine Boulevardisierung als Party-Figur nervt: Er unternimmt eigentlich nichts dagegen. Er lässt da nichts aus. Er mag die Jacob-Sisters schließlich, und als wenig später Thomas Gottschalk an seinen Stand kommt, kennt er dessen Gästeliste bei „Wetten, dass . . .“ sehr genau. Umgekehrt lassen sich alle Journalisten, die Klaus Wowereit an diesem Nachmittag interviewen, ihr Exemplar der Biographie signieren.

Eine Schwächung der Kunstfreiheit

Jeder hat so seine eigene Buchmesse, und Wowereit führt quer durchs mediale Dauerrauschen. Gespräche bei Zeitungen, schnelle Radiointerviews, das Privatfernsehen will auch seinen Teil – und am Ende weiß man alle Fragen und Antworten vorher, Wowereit allerdings variiert sie da immer noch geistesgegenwärtig und berlinert auch mal, wenn’s sein muss. Im Lärm der Halle 6 steht er und redet in die nächste Kamera, und es wehen nur Satzfetzen herüber, „Stadt wenig Geld“, „Outing aus dem Bauch“, „bin nicht auf Jobsuche“, „Hobby zum Beruf gemacht“ – Letzteres ist übrigens die Politik.

Wowereit suche in der Politik nach extremer Vitalität, stand in dieser Zeitung zu lesen. Dass Leben der Literatur gefährlich nahe kommen kann, zeigte sich dann am Freitag, als das Bundesverfassungsgericht Maxim Billers Roman „Esra“ endgültig verbot, weil er die Persönlichkeitsrechte der einstigen Freundin Billers verletze, die im Buch als Esra erkennbar sei. Damit hatte die Messe ihr Politikum und die Verlage eine Sorge mehr (neben dem Kampf um Aufmerksamkeit): Das Urteil, so war mehrfach zu hören, sei keine Privatangelegenheit des Autors und seines Verlags Kiepenheuer & Witsch, sondern eine Schwächung der Kunstfreiheit, die künftigen juristischen Auseinandersetzungen das Tor öffne. „Seht, das bin ich!“, ruft Nikolai Kinski über die Buchmesse. Sag’ das nur nicht so laut.

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Jahrgang 1973, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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