20.06.2009 · Die Ausstellung „Between Black and White“ in der Kunsthalle Darmstadt zeigt Fotografien von Andreas Feininger.
Von Katharina Deschka-Hoeck, DarmstadtDer einzelne Mensch verschwindet bei Andreas Feininger (1906–1999) in der Masse. In New York drängt er sich mit unzähligen anderen zur Mittagszeit auf der Fifth Avenue, nachts befindet er sich hinter einem der erhellten Fenster in den Wolkenkratzern von Downtown Manhattan, er ist einer von zehntausend Sonnenbadenden am Strand von Coney Island. Und sogar nach dem Tod bleibt er kleinster Teil einer Menge: Feiningers Aufnahme vom Jüdischen Friedhof in Queens zeigt Grabsteine, so weit das Auge reicht.
Es muss ein Gefühl der Überwältigung gewesen sein, das den in Paris geborenen und in Deutschland aufgewachsenen Fotografen überfiel, als er 1939 mit dem norwegischen Dampfer „Oslofjord“ in Brooklyn anlegte. In seinen Fotografien aus dem New York der vierziger und fünfziger Jahre, die bis zum 30. August in der Kunsthalle Darmstadt zu sehen sind, teilt sich sein Staunen noch immer mit. Die Ansichten der Weltstadt mit ihren Hochhäusern, Brücken, Hochbahnen und Baustellen sind zu Klassikern der Fotografiegeschichte geworden. Sie prägen unser Bild von der Metropole bis heute.
Blick eines Fremden
Bevor Feininger 1943 in New York als Fotograf des „Life“-Magazins eine feste Anstellung unter optimalen Bedingungen fand, musste er der Arbeit hinterherziehen. Nach seinem Studium der Architektur am Bauhaus in Weimar und Zerbst arbeitete er erst in Hamburg, dann bei Le Corbusier in Paris, um schließlich nach Stockholm zu ziehen, als Jude auf der Flucht vor den Nationalsozialisten. Doch auch diesen Ort musste er mit Frau und Sohn verlassen – diesmal, um dem Fotografierverbot zu entgehen, das die Schweden nach dem sowjetischen Einmarsch in Finnland allen Ausländern aus Angst vor Spionage auferlegt hatten. In der schwedischen Hauptstadt hatte Feininger sich als Architekturfotograf wohlversorgt gefühlt. Nun musste er noch einmal einen Neuanfang wagen.
Mit dem Blick eines Fremden nahm er die amerikanische Metropole, ihre zum Himmel strebende Architektur und ihre Millionen Einwohner wahr. Anders als andere Architekturfotografen zuvor, die lieber menschenleere Straßen gezeigt hatten, fing Feininger das anonyme Gewimmel der Passanten in den Schluchten zwischen den Gebäuden oft mit ein. Er vermittelte den Eindruck eines nie abreißenden Stroms von Menschen, den er noch dadurch verschärfte, dass er die Kamera ein wenig kippte und auf diese Weise den Horizont nach oben verschob. Jetzt war der Betrachter nicht mehr unbeteiligt. Jetzt stand er mittendrin.
„Between Black and White“ hat Peter Joch, Leiter der Kunsthalle Darmstadt, die Schau genannt – als Verweis auf den „inhaltlichen und kompositorischen Nuancenreichtum“ von Feiningers Arbeiten, an denen sich eine Reihe anderer Fotografen wie etwa Andreas Gursky orientierten. Strenge, die geometrischen Formen der Fassaden aufgreifende Bilder sind daher genauso zu sehen wie zarte Ansichten der wolkenverhangenen Skyline, deren Konturen verschwimmen und die geradezu malerische Qualität besitzen. Auch seinen Vater, den Maler Lyonel Feininger, hat Andreas porträtiert. Und sich mit dessen Bildern auseinandergesetzt, wie die 1931 entstandene Fotografie des nächtlichen Hamburg nahelegt. Später wandte er sich der Natur zu, nahm Fundstücke wie Muscheln, Blätter oder Grashalme stark vergrößert im Studio auf. Zusammen mit seinen Technikbildern geben diese Aufnahmen einen Eindruck von Feiningers Suche nach einer „Ursprache“, wie Joch feststellt. Und wirklich hielt Feininger die Fotografie für eine „Bildsprache, die einzige Sprache, die überall auf der Welt verstanden werden kann“. Deshalb, erläutert er in seiner „Philosophie für Fotografie“, achte er sorgsam auf den Einfluss von Licht und Schatten, Perspektive, Hintergrund und Maßstab. Und gehe nie davon aus, dass der erste Blick der beste sei.
Katharina Deschka-Hoeck Jahrgang 1970, Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
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