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Berliner Philharmoniker : Unvermindert verblüffend

  • -Aktualisiert am

Sir Simon Rattle: Eine bewundernswerte Klangfarbenvielfalt entsteht Bild: dpa

Diesmal Schostakowitsch: Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker spielen in der Frankfurter Alten Oper. Ein Glücksfall, dass Rattle und die Berliner Philharmoniker die nach wie vor verblüffende Vierte nun auch bei ihrem Frankfurt-Gastspiel darboten.

          Anders als die Sinfonien von Gustav Mahler, schien das gewaltige sinfonische Œuvre von Dmitri Schostakowitsch bislang nicht zum Kernrepertoire des Dirigenten Simon Rattle zu gehören. Eine Ausnahme bildete stets die durch ihre experimentelle Haltung ungemein interessante Sinfonie Nr. 4 c-Moll op. 43, die Rattle schon in seiner Zeit als Chef des City of Birmingham Symphony Orchestra auf Tonträger eingespielt hatte.

          Längst ist Rattle Chef der Berliner Philharmoniker, wobei dieser Umstand ein wenig an das Wirken seines Vorvorgängers Herbert von Karajan erinnern mag: der langjährige Philharmoniker-Chef hatte sich einst die zehnte Sinfonie nicht zuletzt deshalb vorgenommen, weil – damals eine Sensation – eine Einladung des Orchesters in die Sowjetunion vorlag. Simon Rattles Beschäftigung mit der Vierten zu nutzen bot sich jetzt durch den Plan des Musikfests Berlin an, die nicht vokal gebundenen der 15 Schostakowitsch-Sinfonien von repräsentativen Klangkörpern dieser Welt (London Symphony, Chicago, London Philharmonic, Concertgebouw, Birmingham und andere) aufführen zu lassen.

          Verblüffung

          Ein Glücksfall, dass Rattle und die Berliner Philharmoniker die nach wie vor verblüffende Vierte nun auch bei ihrem Frankfurt-Gastspiel in der Alten Oper darboten. Dass der Komponist mit diesem Werk erfindungsreich nach einer drastischen Erweiterung und Schärfung der Ausdrucksmittel suchte, unmittelbar nach der potentiell tödlichen Maßregelung durch Stalin für seine Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ sich jedoch mit diesem jahrzehntelang nicht mehr an die Öffentlichkeit traute, hat weder seinen Wert noch das internationale Interesse hierfür gemindert. Hatte man jedoch nach der Veröffentlichung in den sechziger Jahren zunächst den Eindruck eines heterogenen, formal zerrissenen Dreisätzers wahrgenommen, überwog bei häufigerer Beschäftigung doch der Eindruck einer formal schlüssigen Einheit, auch wenn nicht unmittelbar zu erkennen sein mag, welche Motive sich im Satzverlauf zu weiterführenden Themen entwickeln.

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          Ähnlich wird es jetzt den Besuchern des „Auftakt“-Konzerts der Alten Oper ergangen sein: Als Erstbegegnung mit dieser kolossalen Sinfonie dürfte Verblüffung der vorherrschende Eindruck gewesen sein. Wer aber den „Gang der Handlung“, die Verknüpfungen und vor allem die enormen Metamorphosen der Themen und ihrer Absplitterungen schon öfter gehört hat, wird damit wenig Mühe gehabt haben, derart transparent, klar, plastisch und strukturell nachvollziehbar wirkte die Interpretation der famos intonierenden Gäste.

          Völlig neuer Tonfall

          Nicht nur steht Rattle ein von seinen Musikern enorm geschmeidig umgesetztes Ausdruckspotential zur Verfügung, bei dem dynamische Verdichtung weit mehr bedeutet als zunehmende Lautstärke. Die Musiker selbst vielmehr sind es auch, die ihren Instrumenten – wo immer geboten – eine bewundernswerte Klangfarbenvielfalt entlocken. Oft scheint es, als müsse der Dirigent da kaum „nachhelfen“, die künstlerische Atmosphäre jedenfalls wirkt entspannt. Spektakulär auch, wie die Berliner Philharmoniker im dritten Satz die über weite Strecken tänzerische, zuweilen ironisch anmutende Pseudo-Zitat-Tändelei mit der dann erwartungsgemäß hereinbrechenden Katastrophe kontrastieren lassen.

          Ludwig van Beethovens Sinfonie Nr. 2 D-Dur op. 36 war zuvor weit mehr als ein Einspielstück. Rattle war ja auch in Frankfurt – damals noch als Chef in Birmingham – einer der Ersten, die dank intensiver Beschäftigung in puncto Beethoven zu einem völlig neuen Tonfall gefunden hatten, ohne je ein Klischee der historischen Aufführungspraxis zu bemühen. Seine jetzige Interpretation wirkte aufgeräumt, munter, kontrastorientiert. Ein schöner Konzertbeginn.

          Quelle: F.A.Z.

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