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Berliner Philharmoniker in der Alten Oper Emanzipation des Klangs als Merkmal der Moderne

 ·  Wie weit Anton Bruckner sich am Ende seines Lebens als Komponist vorgewagt hat, demonstrierten die Berliner Philharmoniker bei ihrem Gastspiel in der Alten Oper.

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Die technische Perfektionierung des Instrumentariums bis zu kaum für möglich gehaltener Expressivität führte im Verlauf des 19. Jahrhunderts auch zu einer Neubewertung des Klangs. Ihn als eigenwertiges Kompositionsmittel strukturell einzubinden blieb den Tonsetzern des beginnenden 20. Jahrhunderts vorbehalten und schien sogar recht willkommen in einer Zeit, in der das harmonische System als Formerfüllungs-Baustein nicht mehr hinreichend tauglich schien. Dass Schönbergs durchaus strenge Zwölftontechnik in der Folge zum Serialismus verschärft wurde, worin auch die Klangfarbe und andere Elemente der Musik einer Determination unterworfen wurden, scheint angesichts der Möglichkeiten moderner Instrumente kaum verwunderlich. Dass heute kaum jemand mehr in dieser Weise komponiert, steht auf einem anderen Blatt.

Olivier Messiaen wird heute gewiss nicht als Serialist rezipiert, wenngleich er dafür mit seiner Komposition „Mode de valeurs et d’intensités“ 1949 ein gewichtiges Beispiel gegeben hat. Seine farbkräftige, formal streng kontrollierte Musik entstammt vielmehr konträren Klangquellen, obwohl ein Werk wie die 1964 für ein Ensemble aus Bläsern und Schlagzeug entstandene Komposition „Et exspecto resurrectionem mortuorum“ streng, zuweilen gar unerbittlich wirkt.

Musikalische Einheit

Messiaen hatte das Stück als Auftragswerk zum Gedenken an die Toten des Ersten und Zweiten Weltkriegs geschaffen und dabei alles andere als ein Requiem im Sinn gehabt. Obwohl diese Musik auch Momente abweisender Härte kennt, strahlt sie doch eher Zuversicht als Trauer aus. Bei ihrem Gastspiel in der ausverkauften Alten Oper Frankfurt machten die Berliner Philharmoniker und ihr Chefdirigent Simon Rattle daraus ein unverwechselbares Klangereignis – exakt kalkuliert in sämtlichen Parametern der Klangfarbe, der instrumentalen Proportionen, der Momente absoluter Stille nach dynamischen Extrempositionen.

Dass Anton Bruckners kompositorischen Ideen seiner letzten Lebensjahre davon weniger weit entfernt als gedacht seien, schien Simon Rattle nach der Pause demonstrieren zu wollen. In seiner ungewöhnlich glutvollen, gleichwohl intellektuell streng kontrollierten Interpretation von Bruckners neunter Sinfonie ließ er ein derart intensives Espressivo musizieren, dass die Musik in Fortissimo-Passagen förmlich zu explodieren schien. Unmissverständlich ordnete er Bruckner als Komponisten der angebrochenen Moderne ein, was angesichts des unverkennbaren Aufbruchs, den diese Musik verdeutlicht, auch angemessen scheint. Es ist nicht nur ein neuer Tonfall – manche harmonischen Wagnisse und Konsequenzen hätte der Komponist, wie Skizzen bezeugen, im Finale zusammengeführt.

Dass die Berliner es bei der üblicherweise musizierten dreisätzigen Version beließen, ist allerdings auch sinnvoll, zumal man dieses Werk heute nicht mehr als unvollendet empfindet. Klangliche und harmonische Härten, wie Bruckner sie im Stampfrhythmus des Scherzos fortlaufend exponiert, erscheinen in Rattles Deutung allerdings nicht polarisierend herausgestellt, sondern geschmeidig in den Gesamtklang eingebunden. Als musikalische Einheit erscheint diese Sinfonie somit aber als umso kolossaleres Kunstbauwerk, mit dem der Komponist gerade noch rechtzeitig sein künstlerisches Lebenswerk zu krönen vermochte.

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Jahrgang 1950, Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

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