25.01.2009 · Der Frankfurter Magistrat ist über den Versuch der Stadt Berlin, den Suhrkamp Verlag vom Main an die Spree zu locken, zunehmend verärgert. Demnächst wird es ein Gespräch mit der Chefetage des Verlags geben. Die Mitarbeiter sind gegen einen Umzug.
Von Florian BalkeIm Frankfurter Magistrat ist man über den Versuch der Stadt Berlin, den Suhrkamp Verlag vom Main an die Spree zu locken, zunehmend verärgert. Der Verlag hatte Ende voriger Woche bestätigt, dass ihm eine Einladung aus der Bundeshauptstadt vorliege. Sie werde zurzeit geprüft. Kulturdezernent Felix Semmelroth (CDU) beklagt das Vorgehen Berlins und verwies darauf, dass die Stadt schon im Jahr 2004 der Frankfurter Buchmesse „extrem attraktive Angebote“ gemacht habe. Nun umwerbe man einen Frankfurter Verlag, könne seinen Haushalt gleichzeitig aber nur mit Mitteln aus dem Länderfinanzausgleich aufstellen, zu dessen größten Einzahlern Hessen gehöre. „Wenn man das Geld nicht hat, nimmt man es vom Dritten“, sagte er.
Tatsächlich hat Berlin nach Informationen des hessischen Finanzministeriums in den vergangenen Jahren als „Topnehmer“ regelmäßig mehr als drei Milliarden Euro aus den Mitteln des Ausgleichs erhalten. Hessen hingegen habe im Jahr 2007 als „Spitzenzahler“ weit über drei Milliarden Euro in den Finanzausgleich gegeben, sagte Jürgen Harrer, Sprecher des Ministeriums. Das Jahr 2008, für das noch nicht alle Haushaltsabschlüsse der Bundesländer vorlägen, schlage für Wiesbaden mit 2,8 Milliarden Euro zu Buche.
„Das legitime Recht von Verlegern, Angebote einzuholen“
Folgt man den Mitteilungen der Verlagsgeschäftsführung aus den vergangenen Tagen, steht unterdessen noch nicht fest, ob Suhrkamp umzieht. Für Frankfurt wäre der Weggang eines Verlags, dessen Programm die Bundesrepublik der Nachkriegszeit geprägt hat, ein großer Verlust. „Aus der Sicht des Magistrats ist der Verlag für das Geistesleben der Stadt von überragender Bedeutung“, sagte Semmelroth. Er trifft sich in den nächsten Tagen zu einem Gespräch mit Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz. Entgegensetzen kann Frankfurt Suhrkamps Prüfung der Berliner Option dabei nur wenig. „Es ist das legitime Recht von Verlegern, Angebote einzuholen“, führte Semmelroth aus. Was die Stadt Suhrkamp bieten könnte, um den Verlag zum Bleiben zu bewegen, ist völlig ungewiss. „Es sind keinerlei Forderungen oder Wünsche an uns herangetragen worden.“
Teil des Berliner Angebots könnte die Überlassung einer Immobilie in zentraler Lage sein. Zu entsprechenden Frankfurter Gerüchten wollte Torsten Wöhlert, Sprecher des Berliner Kulturstaatssekretärs André Schmitz, sich gestern zunächst nicht äußern. Auf die Nachfrage, zu Berlins Angebot an den Verlag zähle also keine bestimmte Immobilie, erwiderte er jedoch, das habe er nicht gesagt. Dann fügte er von sich aus hinzu: „Hellersdorf oder Marzahn sind vielleicht nicht der geeignete Standort für einen Verlag.“ Außer der Tatsache, dass die Offerte Berlins dem Verlag zur Prüfung vorliege, gebe es im Augenblick nichts Neues. Daran werde sich in der nächsten Woche nichts ändern. Ob das für die übernächste Woche allerdings genauso gelte, sei weniger sicher.
Betriebsrat „nicht amüsiert“
Während für Gespräche der Stadt mit dem Verlag also Eile geboten sein könnte, wartet der Suhrkamp-Betriebsrat auf Informationen. Über die von der Mitarbeitervertretung gemachte Umfrage unter den Angestellten, bei der sich mehr als 80 Prozent der Befragten für den Verbleib in Frankfurt ausgesprochen hatten, sei die Geschäftsführung „nicht amüsiert“ gewesen, sagte ein Mitglied des Betriebsrats. „Man hat uns vorgeworfen, Interna an die Öffentlichkeit zu bringen.“ Am Montag kommen Geschäftsführung und Mitarbeitervertreter zu einem Gespräch zusammen, am Mittwoch gibt es eine Betriebsversammlung.
Über die Gründe für Suhrkamps möglichen Standortwechsel lässt sich nur spekulieren. Kenner des Verlags nennen die Anziehungskraft des Berliner literarischen Lebens, weisen aber auch darauf hin, das Unternehmen könne sich nach einem Umzug mit anderen Mitarbeitern neu ausrichten. Trost bietet Frankfurt da nur der Blick auf den an der Kaiserstraße ansässigen Eichborn Verlag, der sein Berliner Büro in diesen Tagen geschlossen hat. Zwar hat Wolfgang Hörner, dort verantwortlich für das Programmsegment Eichborn Berlin, in der Haupststadt vor kurzem einen eigenen Verlag gegründet, dafür büßt Berlin jedoch mit einem Abgang nach Frankfurt. Hörners Nachfolger Laurenz Bolliger kommt im Mai zu Eichborn - aus dem Berlin Verlag.