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Baukunst aus China im Deutschen Architekturmuseum Alte Steine in neuen Häusern

03.09.2009 ·  Der Tradition verpflichtet: Das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt präsentiert zeitgenössische Baukunst aus China.

Von Rainer Schulze, Frankfurt
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Chinas Altstädte haben schon Kriege überstanden, doch am Kapitalismus drohen sie zugrunde zu gehen. Reihenweise sind in den vergangenen Jahren die historischen Steinzeugen abgeräumt worden, weil sie einer Modernisierung und neuen Geschäftsvierteln im Wege standen. In China ist ein eigenwilliges Verständnis von Denkmalschutz verbreitet. Zwar beginnt sich das Gespür für den touristischen Wert der alten Viertel durchzusetzen. Doch bei der Sanierung nimmt man es im Reich der Mitte mit der historischen Authentizität nicht so genau. Und noch immer wird munter abgebrochen. Das jüdische Viertel von Schanghai ist vom Abriss bedroht, und mit der Vernichtung der Altstadt von Kaschgar droht auch das kulturelle Erbe der Uiguren verlorenzugehen.

Das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt hat nun acht junge Architekturbüros eingeladen, die zeitgenössische Architektur entwerfen, aber sich der Tradition verbunden fühlen. Das Büro Amateur Architects zeigt etwa bei seinem Historischen Museum der Stadt Ningbo in der Region Zhejiang viel Gespür für die Vergangenheit. Für das felsartige Gebäude, das vor einem Bergpanorama steht, wurden Ziegel aus abgebrochenen Häusern in der Region wiederverwendet. Die Architekten sehen darin eine Kritik an der Vernichtung der alten Baukultur – ein Signal gegen die Abrisswut.

Jenseits der spektakulären Großprojekte

Zwar orientieren sich die ausgestellten freien Büros nicht vordergründig an „typisch chinesischen“ Bauformen – geschwungene Pagodendächer sieht man auf ihren Bauten nur selten. Doch neben dem Interesse an traditionellen Handwerkstechniken eint viele der Hang zur Wiederverwertung. In der Region Wenchuan etwa, die ein Erdbeben vor einem Jahr verwüstet hatte, hat das Büro Jiakun Architects aus Trümmern, Weizenhalmen und Zement neue Steine geformt und diese zu einem winzigen Museum zusammengesetzt, das einer schlichten Hütte gleicht. Der rund 20 Quadratmeter große Raum ist einem 15 Jahre alten Mädchen gewidmet, das damals verschüttet wurde. Einige Habseligkeiten wie eine Schultasche, Milchzähne und zwei Federballschläger erinnern an einen Menschen, der dieser Katastrophe zum Opfer fiel.

Der Chefredakteur der chinesischen Architekturzeitschrift „Time & Architecture“, Zhi Wenjun, und der Direktor des Architekturmuseums, Peter Cachola Schmal, die die Ausstellung „M8 in China“ gemeinsam kuratiert haben, zeigen einen Querschnitt der zeitgenössischen chinesischen Baukunst jenseits der spektakulären Großprojekte. Jedes der acht Büros präsentiert drei Bauten, die in den vergangenen fünf Jahren entstanden sind. Auf den ausgestellten Fotografien sind Bauten zu sehen, die den internationalen Vergleich nicht scheuen müssen.

Kommunen mit einer Million Einwohnern

Erst seit 15 Jahren ist in China die Gründung freier Architekturbüros erlaubt. Die unabhängigen Büros konkurrieren mit den staatlichen Designstudios, die bis zu 1500 Mitarbeiter haben. Während diese Architekturfabriken die Hochhäuser in Peking und Schanghai entwerfen oder in Joint-Ventures mit ausländischen Architekten zusammenarbeiten, planen die unabhängigen Architekten nicht für die Zentren, sondern eher für deren Vororte oder für weniger bekannte Städte in der Provinz.

Da diese Kommunen immer noch einige Millionen Einwohner zählen, fallen die „kleinen“ Projekte entsprechend groß und umfangreich aus. Eine Ausnahme bildet ein fast unsichtbares Bootshaus des Büros Standardarchitecture, das sich rampenförmig am Ufer des Flusses Yaluntzangpu in Tibet erhebt. Wände und Decken sind in Felsgestein aus der Umgebung gehalten.

Nutzung eines Gebäudes ändert sich auch schon einmal während der Bauphase

Die Hälfte der Inhaber der acht Büros hat in Amerika studiert. Dieser Umstand mag mit dazu beitragen, dass die gezeignete „chinesische Architektur“ gar nicht dezidiert „chinesisch“ wirkt, sondern vom internationalen Stil kaum zu unterscheiden ist. Die Künstlerateliers etwa, für die die Architektin Xu Tiantian in Peking Container aufeinandergestapelt hat, würden ebenso gut nach Kopenhagen oder Hamburg passen.

Da sich der chinesische Markt schnell verändert, stehen die Architekten häufig vor einer ortsspezifischen Herausforderung. Denn in China passiert es nicht selten, dass sich während der Bauphase die angestrebte Nutzung eines Gebäudes ändert. Mit einem Mal kann so aus dem Teehaus ein Club, aus dem Büro- ein Schulgebäude werden.

Im Haus im Haus, dem „Heiligtum“ des Architekturmuseums, sind kleine Mitbringsel der Architekten aus China zu begutachten. Sie mussten ins Handgepäck passen und durften daher nicht größer als 30 mal 30 Zentimeter sein. Während einige Büros Modelle eingepackt haben, wartet auch eine Überraschung. Auf einem Podest liegen drei Ziegelsteine. Vielleicht Abbruchsteine.

„M8 in China – zeitgenössische chinesische Architekten“ ist bis zum 1. November im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt, Schaumainkai 43, zu sehen.

Quelle: F.A.Z.
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