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„Barock am Main“ Wein, Weib, Gesang

12.08.2010 ·  Carl Michael Bellman gilt als schwedischer Nationaldichter. Was bemerkenswert ist, schließlich geht es meist um Sex und Saufgelage. Oberflächlich. Nun ist Bellman für „Barock am Main“ wiederentdeckt worden.

Von Eva-Maria Magel
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Bier lockt die Liebespfeile ins Ziel. Ein Satz, von dessen Wahrheit Carl Michael Bellman (1740 bis 1795) zutiefst überzeugt gewesen sein muss. Obwohl auch Rotwein, Weißwein oder Branntwein dem Stockholmer Poeten in Liebesdingen offenbar gute Dienste leisteten. Heute würde man ihn als einen Liedermacher bezeichnen, er hat oft aus dem Stegreif gedichtet und dazu musiziert. Melodien sind rudimentär überliefert, die Texte, „Fredmans Episteln“ und „Fredmans Gesänge“, sind 1790 und im Jahr darauf gedruckt erschienen, Bellman gilt als schwedischer Nationaldichter. Was bemerkenswert ist, schließlich geht es meist um Sex und Saufgelage. Oberflächlich.

Im Grunde aber sind die Couplets und Sonette, Balladen und Ritornellen, die Bellman so spielerisch-souverän in Form und Inhalt gestaltete, ein einziges großes Memento Mori. Denn der Tod, der sitzt mit am Wirtshaustisch, er liegt mit im sündigen Bette der Ulla Winblad, die allnächtlich Brautnacht feiert, wie Bellmans Alter Ego, der verkrachte Uhrmacher Fredman, es süffisant umschreibt: „Scheint das Grab dir tief / und dumpf sein Druck / à la mode so nimm noch einen Schluck / und noch einen hinterher / gleich noch zwei, dreie mehr / - dann stirbst du nicht so schwer.“ So lautet der Refrain eines seiner mitreißenden Lieder, die nun das gesamte Ensemble des Festivals „Barock am Main“ trällert. Folgerichtig liegt im Garten des Höchster Bolongaro-Palasts Matthias Scheuring als toter Bacchus aufgebahrt zwischen flackernden Lichtlein, während Michael Quast alias Fredman ihm das Abschiedslied singt. Merke: Wer die Angst vor dem Tod zu kräftig wegspült, trinkt sich den Exitus herbei.

Szenisch interpretierte Lieder

Man kann Quast und seinem Ensemble nur dankbar sein, mit „Ich sterbe in Liebe und lebe in Wein“ auch dem hiesigen Publikum einen Dichter entdeckt zu haben, dessen Lyrik vor Quast schon Carl Zuckmayer und Peter Hacks, aber auch Hannes Wader oder Reinhard Mey begeistert hat.

Deren sozialkritischer Liedermacherhabitus passt zur Bodenständigkeit und Chuzpe Bellmans, das barocke Lebensgefühl kann der Höchster Abend indes nicht ganz fassen. Das Musikensemble des Festivals, bunt geschminkt und kostümiert wie die Schauspieler, spielt in ausnehmend schönen Arrangements Bellmans Melodien als barocke Kammermusik und spart nicht an musikalischem Witz. Dennoch reichen die szenisch interpretierten Lieder, die oft ohne Übergang aufeinanderfolgen, nicht für ein „barockes Spektakel“, wie der von Sarah und Fritz Groß inszenierte Abend untertitelt ist. Zumal nur wenige der Schauspieler dem sängerischen Anspruch so genügen wie der Prinzipal Quast, neben dem die Charaktere des Bellmanschen Kosmos blass bleiben.

Ein herzallerliebster Engel mit roten Flügeln

Dass diese kaum mehr als dürftig erläutert werden, ist ebenso bedauerlich wie die Textunsicherheiten der Darsteller. Die Episteln Fredmans, die ein herzallerliebster Engel mit roten Flügeln von der Terrasse herunterlässt, dienen allenthalben als Gedächtnisstützen, was den Szenen die Ungezwungenheit raubt. Es mangelt keineswegs an schönen Einfällen, es gibt ein Gelage mit eigens gebratenem Spanferkel und eine wundervolle Szene, in der Musik auf Rotweingläsern gemacht wird. Vieles aber wirkt wie nicht ausreichend geprobt an diesem ersten Abend, der das Publikum dennoch begeistert. Und wer weiß, welches der Liedlein den einen und die andere dazu bewegt, nach der Vorstellung in dem bezaubernden Garten noch einen Schoppen auf Bellman zu leeren? Es muss ja nicht unbedingt der gefährlich blitzblau leuchtende Cocktail namens „Ulla Winblad“ sein.

Weitere Vorstellungen bis 15. August.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1970, Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

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