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Barock am Main Madame, isch drück’s net länger runter

 ·  Barock am Main: Molières „Menschenfeind“ mit Michael Quast hat im Frankfurter Bolongarogarten Premiere.

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Flammkuchendüfte steigen in den Abendhimmel auf und mischen sich mit dem Geruch warmer Brezeln. Sommerlicher Schnürlregen bringt den Frankfurter Bolongarogarten zum Dampfen. Doch als Hauptdarsteller Michael Quast die Bühne vor dem Höchster Bolongaropalast betritt, fallen nur noch einzelne Tropfen auf seine weißgepuderte Perücke herab. Höchst sei nicht Salzburg und das Festival „Barock am Main“ nicht die Bayreuther Festspiele, bemerkt er mit schelmischem Blick auf manch leer gebliebenen Ehrenplatz auf der Zuschauertribüne.

Pech für die Ferngebliebenen, denn ihnen entgeht eine fulminante Neuinszenierung von Wolfgang Deichsels hessischer Bearbeitung der Molièreschen Komödie „Der Menschenfeind“. „Isch tät sofort vor lauder Ekel vor mir selbst misch hänge“, raunzt Quast in der Rolle des Alkest seinem Freund Philipp (wunderbar zwischen aufopfernder Zuneigung und melancholischer Eigenständigkeit changierend: Matthias Scheuring) ins Gesicht. Während dieser ihn erfolglos zur Anpassung überreden will, gefällt sich Alkest als Misanthrop, dem die Heuchelei der höfischen Gesellschaft zuwider ist.

Quast spielt polternd, kläffend und jammernd

Mit den Worten „Freundschaften sind Wahlverwandtschaften“ weist er die Schmeicheleien des näselnden Fatzkes Otront (überzeugende Karikatur eines Höflings: Pascal Thomas) brüsk zurück. Durch den Verriss von Otronts selbstgeschmiedetem Gedicht – „Verstecke Se’s im Ofe“ – macht er sich den Möchtegern-Dichter und späteren Nebenbuhler gänzlich zum Feind und Prozessgegner. Doch Alkest pfeift auf die Justiz: „Gesetze sind nichts wert, solange es Richter gibt“, behauptet er selbstgerecht und verliert lieber vor Gericht, als um die Gunst der Juristen zu buhlen.

Quast glänzt als Molières schillernde Hauptfigur. Polternd, kläffend und jammernd gibt er den schrulligen Idealisten und offenbart zugleich dessen große Schwäche: Alkests Gefühle für Cäcilie. Dass der „Menschenfeind“ ausgerechnet in Liebe zu der leichtlebigen Witwe entbrannt ist, die Anja Krüger mit feiner Ironie als kokette und lebenskluge Gesellschaftsdame gibt, ist Angelpunkt der Handlung. „Madame, isch drück’s net länger runter“, gesteht der verliebte „Menschenfeind“ der Angebeteten, die ihn ebenso zappeln lässt wie ihre anderen Verehrer. Sie sind Augenschmaus und köstliches Gespann zugleich: Die Perücke zu einem rosafarbenen Flammenmeer hochtoupiert, wirbt Philipp Hunscha als Herr von Sponheim um die Gunst Cäciliens. Gelbe Haarfülle krönt das Haupt des Herrn von Matzbach (Alexander J. Beck), der seinen Leib zu barocken Klängen wiegt und sich plötzlich mit unerwarteter Brillanz zu modernen Tanzschritten versteigt.

Harmonische Liaison von Literatur und hessischer Mundart

Inspiriert von den Farben der Palastfassade, schwelgen Bühnenbild, Kostüme und Maske (Ilse Träbing, Katja Grieß) in Weiß-, Erd- und Rosttönen. Ausdrucksstark leuchten die bizarr geschminkten Gesichter der Schauspieler im Scheinwerferlicht. Auch wenn Quast Tempo und Spielwitz bestimmt, tut dies der ausgezeichneten Leistung des übrigen Ensembles keinen Abbruch. Pirkko Cremer bezirzt in der Rolle der bodenständigen Elise, humorvoll schlüpft Hildburg Schmidt in die Rolle der Arsinoe und giftet mit Cäcilie um die Wette. Mit amourösen Tänzchen lockern Sebastian Klein als frecher Diener Schambedist und Lucie Mackert als reizvolle Dienerin Liesel die Tragikomödie auf. Dass Sarah Groß und Wolfgang Deichsel mit der Inszenierung ein Leckerbissen geglückt ist, liegt an der harmonischen Liaison anspruchsvoller Literatur mit hessischer Mundart und musikalischer Untermalung (Leitung: Rhodri Britton), die den doppelbödigen Humor des Originals neu belebt. Vor allem aber bestechen Spielkunst und Leidenschaft der Darsteller.

Weitere Vorstellungen bis 8. August

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Von Matthias Alexander

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