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„Barock am Main“ Die Kunst trotzt der dumpf grollenden Natur

15.07.2010 ·  Die Fanfaren zaubern das Bayreuth-Gefühl an den Main. Pünktlich um acht setzt es einen Donnerschlag. Doch beginnt „Barock am Main“ im Bolongarogarten in diesem Jahr mit einem Unwetter.

Von Michael Hierholzer
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Die Fanfaren zaubern das Bayreuth-Gefühl an den Main. Zum dritten Mal ertönen sie vom Altan des Bolongaropalastes. Die Reihen unter dem Tribünendach füllen sich. Pünktlich um acht setzt es einen Donnerschlag. Das Publikum applaudiert. Die Musiker der Batzdorfer Hofkapelle haben schon Platz genommen, die Premiere von „Barock am Main“ 2010 steht bevor, Händels Oper „Aci, Galatea e Polifemo“ steht als Wiederaufnahme im Garten des zwischen 1772 und 1774 errichteten Fabrikantenschlosses auf dem Programm. Helferinnen verteilen an die vorne und an den Seiten sitzenden Zuschauer Regenponchos in Einheitsgröße mit Kapuze. Eine heftige Brise weht allerlei Botanisches ins Haupthaar. Kaum hat man sich’s versehen, wird aus dem Wehen ein Wüten, aus dem Wind ein Sturm, und kräftiger Regen peitscht auf die Plane.

Aufritt Michael Quast. Brille, Allongeperücke, weiß geschminktes Gesicht mit feuerroten Wangen und Lippen. Er spricht von einem barocken Spektakel und meint unter anderem das Wetter. Doch seine Worte gehen unter im Brausen der mittlerweile zum Orkan angeschwollenen Luftbewegung und des himmlischen Krachs, der in immer kürzeren Abständen auf gefährlich flackernde Blitze folgt. Dem zur Lustbarkeit nach Höchst gekommenen Volk wird bang. Bürgermeisterin Jutta Ebeling zeigt sich insofern der grünen Basis entfremdet, als ihr das eindeutig zu viel Natur ist. Später, drinnen bei den Bolongaros, wo sich dicht die Menge drängt, wird sie erzählen, dass sie als Kind traumatische Erfahrungen bei einem Gewitter gemacht hat.

Geordnet in den Palast

Die Bürger ergreifen die Flucht. In geordneter Form drängen sie sich durch mehrere Eingänge in die Düsternis des größten Privathauses, das jemals im barocken Stil erbaut wurde. Quast, der als Erzähler durch den Opernabend führen sollte, behält die Contenance und übt sich zunächst einmal als Matre de plaisir. Eine junge Dame, die offensichtlich auch sonst für dergleichen zuständig ist, erzählt etwas vom Herrn Bolongaro, der aus Italien zugewandert war, hier ein Vermögen machte und dennoch vom Frankfurter Magistrat partout nicht eingebürgert wurde. Den Palast habe er aus den Steinen des verfallenen Höchster Schlosses gebaut, war zu erfahren.

Das inzwischen ins Innere gerettete Cembalo bildet alsbald den Mittelpunkt einer kleinen barocken Nachtmusik. Man schwitzt und schwatzt, was einige zum ästhetischen Genuss wild Entschlossene veranlasst, sich die Unterhaltung der Nachbarn strengstens zu verbitten. Nicht ahnend, dass das Beiläufige der barocken Musikausübung gerade zu ihrem Wesen gehörte. Ohnehin lässt sich nun das Martinshorn im Dauereinsatz von weitem vernehmen, Polizei und Feuerwehr sind unterwegs, das Unwetter reißt Ampeln und Straßenschilder aus dem Asphalt. Die Dinge trotzen ihm nicht. Die Kunst schon.

Cembalo, von der Feuchtigkeit erholt

Sie triumphiert schließlich über die dumpfe Natur, die weiter grollt und wetterleuchtet. Nach etwa einer Stunde geht es zurück auf die Plätze, nur noch leise prasselt der Regen auf das Plastikdach. Es dauert noch eine Weile, bis das Cembalo und die anderen Instrumente sich von der Feuchtigkeit erholt haben und gestimmt sind.

Schließlich hebt das Dreiecksspiel um den Schäfer Aci, die Nymphe Galatea und den Zyklopen Polifemo an. Spätestens als dieser zwischen hohem A und tiefem D von sich selbst als „Farfalla confusa“, dem von der Liebe verwirrten Schmetterling, singt, sind die Wetterunbilden vergessen. Wenn der Sitz nicht doch noch etwas klamm wäre.

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Jahrgang 1955, Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

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