Die Kamera schwenkt über eine hügelige Landschaft. Kein Mensch ist zu sehen, am Rande erscheinen nur Zäune, ein Wachturm, Stacheldraht. In seiner Videoarbeit „Observatory“ hat Kim Chang-Kyum mit Aufnahmen von der entmilitarisierten Zone zwischen Nord- und Südkorea, einem unwirklichen Niemandsland, die bedrohliche Stimmung einer streng bewachten Grenze eingefangen. Der Blick der Kamera ist der durch ein Zielfernrohr, immer wieder hält sie in der Bewegung inne, um Gebüsch oder hohes Gras heranzuzoomen.
Einschüchtern lässt sich der 1961 geborene, in Seoul lebende Künstler allerdings nicht: Laufend blendet er frech seine die nordkoreanische Propaganda konterkarierenden Botschaften ein, wie „Be happy“ oder „I love you“. Die Arbeit des Südkoreaners gehört mithin zu jenen Werken der Ausstellung „Grenzland“ des Neuen Kunstvereins Aschaffenburg, die sich mit aktuellen, schwierigen Grenzsituationen explizit auseinandersetzen. Konzipiert in Zusammenarbeit mit der Evangelischen Stadtakademie Frankfurt, ist die Aschaffenburger Schau der zweite Teil einer Präsentation zum künstlerischen Umgang mit dem Thema Grenze – vor allem als territorialem Gebilde.
Symbolisch aufgeladene Bildersprache
Als deren Kernstück wird in Aschaffenburg der „Travelling Container“ vorgestellt, eine Installation von sechs jüdischen und arabisch-palästinensischen Kunststudenten des Oranim Colleges in Israel: Rema Youness hat mit Gipsplatten, auf denen Seile trennende Gräben ziehen, ein so einfaches wie einleuchtendes Bild für Grenzen gefunden. Sondus Mahmid untersucht mit Porträtzeichnungen und Stoffpuppen die sich anscheinend stetig verbessernde Situation von Frauen dreier Generationen. Besonders eindrucksvoll ist Laura Youssefs „City of Ghosts“ im Innern des Containers, eine Geisterstadt wie aus einem Science-Fiction-Albtraum – zusammengesetzt aus elektrischen Schaltkreisen, unter denen ein Wirrwarr an Drähten baumelt. Über der unheimlichen Stadt aus Elektrikschrott reißen hässliche Fratzen ihre Mäuler auf. Wie gut, dass Shanny Argov Papierschiffchen mit handschriftlichen Botschaften zur düsteren Metropole hinüberschickt, in der die Menschen der Zukunft ihre Grenzen weit überschritten haben.
Über viele Jahre hat Andrea Künzig das Leben in der israelisch-palästinensischen Grenzregion für Magazine und Zeitschriften dokumentiert. Ihre Fotografien zeigen in symbolisch aufgeladener Bildersprache die leidvollen Auswirkungen der Konflikte auf die Anwohner: mit Fotos von Menschen hinter Stacheldraht, palästinensischen Kindern in einem von der israelischen Armee ausgebombten Haus, von der bis zu 12 Meter hohen Mauer, die das Land unüberwindlich zerschneidet.
Zerfließen aller Grenzen
Wolfgang Müller hingegen hat entlang eines Flusses zwischen China und Russland fotografiert, wie die Menschen auf beiden Seiten der für uns so fernen Grenze leben: Seine Aufnahmen berichten von einer wachsenden glitzernden Konsumwelt in China ebenso wie von der Armut der Wanderarbeiter, von hoffnungslosen russischen Jugendlichen und Teenager-Müttern. In noch entlegenere Gegenden hat es Nathalie Grenzhaeuser gezogen: Auf Spitzbergen, Inseln im Nordpolarmeer, hat sie verlassene Jagd- und Fischerhütten am Fuße der Berge oder am Rande von Seen fotografiert und anschließend am Computer die Landschaften zu magisch leuchtenden, malerischen Naturkulissen verarbeitet, in denen sich die winzigen windschiefen Hütten wie die letzte Bastion der Menschheit ausnehmen: einem Traum entnommene Bilder vom Rande der Zivilisation.
Mit Humor thematisiert Kim Haemin in seiner Videoarbeit „Unorderable Connections“ das Zerfließen aller Grenzen in den Medien wie dem Fernsehen, das, zappt man durch die Programme, historische und aktuelle Szenen, Triviales und Bedeutsames, Realität und Fiktion ohne jegliche Wertung oder Gewichtung nebeneinander zur Verfügung stellt. Wie ein allmächtiger Planer kann der Zuschauer über die angebotenen Filme und Wirklichkeitsausschnitte verfügen.
Neue Staaten denkt sich Maike Häusling mit ihren erfundenen Flaggen aus, die der bunt gefleckten Fassade des Kunstvereins sogleich eine eigenartige Würde verleihen. Özlem Günyol und Mustafa Kunt schließlich führen mit ihrer Arbeit vor Augen, wie absurd Grenzen aus der Ferne betrachtet wirken können: Ihr „Ceaseless Doodle“ ist nicht nur ein wirres Knäuel von Strichen. Eigentlich zeigt es die Umrisse aller Staatsgrenzen der Erde – übereinandergelegt.

