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Ausstellung über Schlegel : Als die WG erfunden wurde

August Wilhelm Schlegel um 1800/1802 Bild: © Ursula Edelmann/ARTOTHEK

Der Unterschätzte: Im Frankfurter Goethe-Haus ist vom 6. September an eine Ausstellung über August Wilhelm Schlegel zu sehen.

          Rezeptionsgeschichtlich stand er stets im Schatten seines Bruders Friedrich, des irrlichternden frühromantischen Unruhegeistes, der „Pläne, nichts als Pläne“ im Kopf hatte, wie er einmal selbst formulierte. Zur bruchstückhaften Wahrnehmung des Werks von August Wilhelm Schlegel durch die Nachwelt trug wesentlich sein Schüler Heinrich Heine bei, der in seiner freilich trotzdem großartigen und nach wie vor lesenswerten Schrift „Die romantische Schule“ keinen Zweifel daran ließ, „dass Friedrich Schlegel bedeutender war als Herr August Wilhelm; und in der Tat, letzterer zehrte nur von den Ideen seines Bruders und verstand nur die Kunst, sie auszuarbeiten.“ Heine breitete seinen Spott zwar auch über Friedrich aus, an August Wilhelm aber ließ er kein gutes Haar. Aus Rache vermutlich, denn der Professor war nicht unbedingt einverstanden gewesen mit den poetischen Hervorbringungen des Studenten. Zu roh, nicht romantisch genug.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Nun aber, da sich der Geburtstag des älteren Schlegel am 5. September zum 250. Mal jährt, unternimmt es das Frankfurter Goethe-Haus unter Mitwirkung etlicher Institutionen, den Eindruck zurecht- und „A.W.“ in ein besseres Licht zu rücken. Als Shakespeare-Übersetzer ist er selbst den Gebildeten unter den Verächtern der Romantik noch geläufig; aber nicht nur hat er auch andere bedeutende Autoren, etwa Dante oder Calderón, ins Deutsche übertragen, er war auch Kritiker, Satiriker, Essayist, hat die vergleichende Literaturwissenschaft mitbegründet und die Indologie als Universitätsfach etabliert, war ein kommunikativer Charakter, der zwischen den Kulturen vermittelte und mit nahezu allen europäischen Persönlichkeiten aus Kultur, Wissenschaft und Politik in Korrespondenz stand.

          Mit merkwürdigem Arkadengang einzelne Kapitel eingerichtet

          Erst in letzter Zeit hat man diesen Aspekten seines Wirkens die nötige Aufmerksamkeit geschenkt. In Marburg werden derzeit die Briefe August Wilhelm Schlegels digital editiert und die etwa 5000 erhaltenen Schreiben so erstmals vollständig der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Seine Briefwechsel und damit das Netzwerk, das er schuf, werden in der vom 6. September an am Großen Hirschgraben gezeigten Ausstellung „Aufbruch ins romantische Universum“ mittels einer „Medienstation“ dem Publikum vor Augen geführt, das sich selbst auf die Suche nach Personen und Orten, Zitaten und Zusammenhängen machen kann. Anne Bohnenkamp-Renken, Direktorin des Freien Deutschen Hochstifts und des Goethe-Hauses, sprach gestern von der Schau als einer „Etappe auf dem Weg zum Romantikmuseum“.

          Die Kuratorinnen Claudia Bamberg und Cornelia Ilbrig haben in dem nicht eben einfach zu bespielenden Saal des Goethe-Hauses mit seinem merkwürdigen Arkadengang einzelne Kapitel eingerichtet, die sich farblich voneinander unterscheiden. Auf die Visualisierung des Briefnetzwerks folgt eine „Bildungsräume“ überschriebene Station, die Aufenthalte in Hannover, Göttingen und Amsterdam dokumentiert. Eine nicht nur in der Biographie August Wilhelms wichtige Episode, sondern eine von kulturhistorischer Bedeutung ist die Jenaer Zeit, als die Idee der Romantik im Zusammenleben einiger Männer und Frauen mit großen Ideen und Talenten formuliert und in diversen genialischen literarischen und sozialen Versuchen ausprobiert wurde. „Wohngemeinschaft als progressive Universalpoesie“ ist der Titel des entsprechenden Teils der Ausstellung, dessen multimediale Dimension von Studierenden der Goethe-Universität gestaltet wurde. Eine Reihe von Filmen, in einer Art Puppenhaus zu betrachten, berichtet von ihrer Auseinandersetzung mit dem romantischen Projekt. Das seinerzeit postulierte und propagierte „Symphilosophieren“ erweitert sich in ihrer Sicht zu einem gemeinschaftlichen Lebensentwurf, in dem der Müßiggang ebenso wie die Dichtkunst und auch die Liebe als romantisches Zusammenspiel mehrerer Gleichgesinnter verstanden wird.

          So beginnt der Tag in Frankfurt und Rhein-Main: das Wichtigste in Kürze, mit Hinweisen auf mobile Blitzer, Straßensperrungen, Gaststätten.

          Von 1804 bis 1817 war A.W. Schlegel der „Sklave“, wie er es selbst nannte, von Madame de Staël, die auf Schloss Coppet am Genfer See residierte. Er erzieht ihre Kinder, berät sie, beschäftigt sich mit französischer Literatur und dem Mittelalter. Rom, Paris, Wien, Stockholm, Bonn sind weitere Orte, an denen er wirkt. In Bonn lehrt er von 1819 an auch Indologie. Er sammelte Kunstwerke aus Indien und übersetzte in Teilen die Bhagavad Gita. Abermals weitete sich der Blick.

          Quelle: F.A.Z.

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