23.04.2009 · Die Sammlung antiker Skulpturen im Frankfurter Liebieghaus ist jetzt wieder zugänglich: Sie präsentiert sich in neuem Licht und vor bunten Wänden. Außerdem gibt es nun ein „Schaudepot“.
Von Michael HierholzerDas Liebieghaus wird in diesem Jahr 100 Jahre alt. Zur Feier dieses Ereignisses hat Athena ihren angestammten Platz geräumt, um ihn für den athletischen jungen Diskuswerfer frei zu machen. Er steht jetzt in dem Tempelchen, das einst für sie geschaffen wurde. Es hat keine weiße Wand mehr. Vielmehr strahlt es in Pompejanisch-Rot. Der nackte männliche muskulöse Körper als Ideal der Antike: Hier wird es Ereignis. Athena findet sich in einem größeren Saal wieder, zusammen mit göttlicher Verwandtschaft sowohl aus apollinischer wie dionysischer Linie.
Und in nächster Nähe zu einer recht spektakulären Neuerwerbung des Hauses: einem Sarkophag aus dem zweiten nachchristlichen Jahrhundert, der Szenen aus der Geschichte von Athena und Marsyas zeigt und die römische Statue der einst vom Griechen Myron gestalteten Göttin in einen mythologischen und künstlerischen Zusammenhang stellt, den herzustellen bisher nicht möglich war. Eine „sechsstellige Summe im mittleren Feld“ habe die Neuanschaffung gekostet, sagt Max Hollein, Direktor von Schirn Kunsthalle, Städel und Liebieghaus. Möglich wurde sie dank der Hilfe von Stadt und Städelschem Museums-Verein.
„Neupräsentation der Antike“
Schließlich ist die schöne Kopfgeburt des Zeus auf diese Weise von ihrer Einsamkeit in ästhetischer Höhenluft befreit worden und hat die Erzählung zurückbekommen, in der sie eine so entscheidende Rolle spielt. Der Marsyas-Sarkophag mit dem Beinamen „Alberici“ nach einem Kunsthändler ist schon 1550 erstmals beschrieben worden. Von dem Objekt existiert eine erstklassige Zeichnung im Codex Coburgensis, in den vergangenen Jahrzehnten war es in den Händen von Privatsammlern. Der vorige Besitzer hat, wohl angeregt durch die Liebieghaus-Schau „Launen des Olymp“, in der der Mythos von Athena und Marsyas ausführlich dargestellt worden war, den Kontakt zum Museum gesucht. Dieses ist nun um ein einzigartiges Stück reicher.
Die Skulpturensammlung ist jetzt wieder in vollem Umfang zugänglich: Von morgen an ist die „Neupräsentation der Antike“ für das Publikum geöffnet. Eine frappierende Neuaufstellung. Die Gliederung ist klar wie nie. Ägypten hat mehr Raum als je zuvor. Der Auftritt des drei Jahrtausende überdauernden Riesenreichs ist nicht mehr nur das Präludium zur griechischen und römischen Klassik, sondern eine kräftige Selbstbehauptung einer am Jenseits als der Fortsetzung des prallen irdischen Lebens orientierten Kultur.
Fundstück aus den Verliesen
Ein überraschender Befund für den Besucher: Die Bestände des Liebieghauses reichen aus, um einen ausschließlich mit griechischen Originalen bestückten Raum zu füllen. Vinzenz Brinkmann, in diesem Museum für die Antike zuständig, hat das Konzept verwirklicht, die römischen Kopien griechischer Kunstwerke nicht unter die Originale aus dem alten Hellas zu mischen. Die römische Kunst ist nämlich nicht schlicht eine Fortsetzung der griechischen. Sie verehrt in ihr ein Ideal. Sie bezieht sich auf sie als unerreichbares Vorbild. Sie glättet sie auch in einem Sinn, der nicht ursprünglich griechisch ist. So ist selbst die Athena bei den Römern eine überirdische Erscheinung, während Myron sie mehr mit psychologischem Einfühlungsvermögen dargestellt haben dürfte – als junge Frau, die soeben mit Erschrecken festgestellt hat, dass die Flöte, auf der sie spielte, ihre Backen aufgebläht und damit ihr ganzes Gesicht entstellt hatte. Sie hat das Blasinstrument in diesem Augenblick weggeworfen, und der Satyr Marsyas greift nach ihm – in Frankfurt fehlt der Athena die Figur des Fabelwesens, das alsbald gehäutet werden wird, weil es besser musizieren kann als Apoll.
Auch die Plastik der Antike wird im Liebieghaus nun nicht mehr vor weißen Wänden präsentiert. Farbe allenthalben. Und die Lichtregie setzt auf Strahler, die das einzelne Werk individuell in Szene setzen. Die klassizistischen Werke sind aus ihrer Bindung an Rokoko und Barock befreit worden und werden jetzt als exemplarische Skulpturen, die an der Antike Maß nehmen, zu dieser in ein unmittelbares Verhältnis gesetzt. Etliche Stücke mussten weichen. Sie und manches Fundstück aus den Verliesen des Museums sind jetzt im „Schaudepot“ zu sehen, das im Souterrain neu eingerichtet wurde und in gedrängter Form sowie bunter Mixtur Plastiken aus allen Epochen nebeneinander zur Besichtigung freigibt. Analog zu Gemälden könnte man von einer „Petersburger Aufstellung“ sprechen: Auf diese Weise sind Werke sinnlich präsent und stehen der Anschauung zur Verfügung, die sonst in den Katakomben des Liebieghauses ungesehen vor sich hin dämmern müssten. Es ist somit um einige Räume erweitert worden, die dem Publikum bisher verschlossen blieben. Grund genug, an diesem Wochenende rund um die „Nacht der Museen“ ausgiebig zu feiern.