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Ausstellung Souvenirs, Souvenirs

27.06.2006 ·  Schneekugeln, venezianische Gondeln, Flaschenöffner mit Heiligenbild: Das Museum für Angewandte Kunst in Frankfurt zeigt eine Schau mit lauter Erinnerungsstücken.

Von Michael Hierholzer
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Er hält eine Schneekugel in der Hand und sagt als letztes Wort: „Rosebud.“ So erinnert sich Charles Foster Kane ganz am Schluß seines Lebens an seine Kindheit, an eine Schlittenfahrt im Schneegestöber, an einen Moment des Glücks. Aber das erfährt man erst nach vielen Rückblenden am Ende von Orson Welles' „Citizen Kane“, einem Film, in dem es im wesentlichen um die Konstruktion einer Biographie geht, um die unterschiedlichen Sichtweisen auf ein Leben, über die Unmöglichkeit, die ganze Wahrheit über einen Menschen herauszufinden.

Und so täuscht man sich auch über den Wert der Dinge: Die für Außenstehende belanglose Schneekugel ist für den Helden des Leinwandopus nicht nur ein mit Emotionen besetztes Objekt, sondern der Schlüssel für seine Sehnsüchte und seine damit einhergehenden Entscheidungen. Für den Zuschauer bleibt der Gegenstand zunächst geheimnisvoll.

Erinnerungsstücke aus anderthalb Jahrtausenden

Ein banaler Briefbeschwerer ist für einen der reichsten Männer der Welt wichtiger als all seine Luxusgüter. Von Dingen, die einen zumeist zu vernachlässigenden materiellen und ebensowenig in der Regel einen künstlerischen Wert haben, dafür aber um so stärker Gefühle zu binden vermögen, handelt jetzt eine Ausstellung im Frankfurter Museum für Angewandte Kunst: „Der Souvenir. Erinnerung in Dingen von der Reliquie zum Andenken“. Als Ergänzung dieser Schau wird ein paar Steinwürfe entfernt im Museum für Kommunikation die Präsentation „Erinnerung ohne Dinge? Auf dem Weg zum digitalen Souvenir“ gezeigt.

Eine prachtvolle Sammlung von Schneekugeln ist selbstverständlich unter den Exponaten, die, auf zehn Stationen verteilt, in die Dauerausstellung im Richard-Meier-Bau integriert sind. Ein gewisser Irritationseffekt ist nicht zu verhehlen, und der Besucher landet vor manchem Gegenstand, der nicht unmittelbar etwas mit der Sonderschau zu tun hat. Aber im Sinn eines erweiterten Souvenirbegriffs gehören auch die in einem Museum verwahrten Werke zur allgemeinen Erinnerungskultur. Ein goldenes Band führt von Vitrine zu Schauschrank, von Einzelobjekt zu Videoinstallation - sogar der Urlaubsfilm als privates Medium des Gedenkens an schönere Tage wird nicht ausgespart. Es geht durch anderthalb Jahrtausende abendländischer Geschichte, denn nicht erst seit den Kreuzzügen haben sich die Menschen mit Erinnerungsstücken versorgt.

Kunst und Kitsch-Objekte

Und auch die ostasiatische Abteilung steuert ihren Teil zum großen Projekt bei - bis hin zu Mao-Devotionalien, die sich noch heute in China großer Beliebtheit erfreuen. Der Große Steuermann auf dem Wecker: ein beliebtes Souvenir. Überhaupt die Reiseandenken: Sie umschweben nicht nur sentimentales Erinnern, sondern auch Fernweh. So berichtet Goethe von einem Mitbringsel seines Vaters aus Italien, einer Gondel aus Venedig, die im Sohn die Lust weckte, es dem Erzeuger nachzutun und ebenfalls in jenes Land zu ziehen, wo die Zitronen blühen.

Die endlose Zahl der Kitsch-Objekte, Postkarten, Stammbücher in der großen Schau ist durchsetzt mit unstrittig als Kunst zu bezeichnenden Arbeiten: mit einer jener Erinnerungen an ein opulentes Mahl etwa, wie sie Daniel Spoerri in seinen Plastiken fixiert hat. Oder mit einer der Postkarten des Konzeptualisten On Kawara, der Tag für Tag sachlich gehaltene Lebenszeichen gibt. Sonst aber bieten die Museen eine recht erschöpfende Phänomenologie des massenhaft verbreiteten Souvenirs, weder die bei Wallfahrten erworbenen Flaschenöffner mit religiösen Motiven fehlen noch die zur Zeit besonders aktuellen Andenken an allerlei Ballzauberei. Daß die Ausstellung von Souvenir mit männlichem Artikel spricht, hat zwar nichts mit dem Duden, aber mit seinem Fremdwortcharakter zu tun: Im Französischen heißt es „le souvenir“. Und mit so einem Titel, meint man wohl, wird eine Ausstellung schnell zur Marke.

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Jahrgang 1955, Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

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