02.09.2008 · Der Frankfurter Kunstverein Familie Montez zeigt den zweiten Teil der Ausstellung „My Generation“. 15 weitere Künstler wurden integriert und bespielen die weiten Hallen vom Dach bis zum Keller.
Von Christoph SchütteLangsam könnte einem angst und bange werden. Denn noch sind für den zweiten Akt des Gesamtkunstwerks „My Generation“ längst nicht alle Arbeiten eingetroffen, ist noch nicht mal gänzlich klar, wohin mit all der Kunst. Da werkelt Holger Wüst im Keller noch an seiner wandfüllenden digitalen Collage in Schwarzweiß, wird hier gehämmert, dort geweißelt, wächst die Künstlerliste für Teil drei, vier und fünf in Mirek Mackes und Anja Czioskas Büro von Tag für Tag. Denn wer hat neben den Vorsitzenden des Frankfurter Kunstvereins Familie Montez nicht alles an der Städelschule studiert in der Ära Kasper König: Thomas Kilpper, Stefan Kern und Bernhard Schreiner, Julia Jansen, Thomas Zipp und Phillip Zaiser, Corinna Mayer und Tobias Rehberger, Sebastian Stöhrer oder Sunah Choi.
Dabei ist Vollständigkeit nicht das Ziel der Direktoren. Doch wenn man sich erinnere, sagt Czioska, würden es halt immer mehr, die einzuladen nicht nur der alten Zeiten wegen lohnenswert erscheine. Künstler, die zu Studienzeiten die seinerzeit florierende Off-Szene mitbegründet oder bereichert haben und in Räumen wie dem Gartner’s, dem Muttertag oder Annette Glosers Galerie Fruchtig ausgestellt haben, Künstler, die, wie Zipp und Rehberger, längst selbst Professoren oder, wie Manfred Peckl und Marko Lehanka, auf dem Kunstmarkt gefragt sind. So gilt es, während der erste Teil von „My Generation“ mit fünf Positionen noch vergleichsweise bescheiden ausfiel, für Teil zwei des ehrgeizigen Projekts, der in der Breiten Gasse 24 eröffnet wird, 15 weitere Künstler mit ihren Arbeiten zu integrieren, die die weiten Hallen vom Keller bis zum Dach bespielen.
Zwischen Seriosität und bitterer Ironie
Kerstin Cmelka ist es durchaus recht, ihre Fotoarbeit auf eine außerordentlich marode Wand zu tapezieren. Doch ob sie hält, weiß bislang niemand. Doch immerhin: Manches ist sogar schon fertig. Die neu installierte Wand für die Bilder Matti Brauns zum Beispiel, die derweil noch auf sich warten lassen. Oder Matthias Vatters gewaltige, offenbar gerade im Absturz begriffene Rakete, die in einen anregenden Dialog mit Zaisers Trashversion von Brekers „Zehnkämpfer“ tritt, die schon seit dem Sommer aufrecht in der Halle steht. Sebastian Stöhrer gibt unterdessen mit einer rosafarbenen Skulptur überraschend den Franz West für Fortgeschrittene, Rehberger ist mit dem „Apfelhaus“ und einigen Zeichnungen verblüffend komisch vertreten.
Thomas Bayrles Schwarzweißtapete, dem Kunstverein auf Dauer überlassen, hat ihren Platz als Blickfang über der Ledercouch schon gefunden, Kilppers Atelierwand, unlängst in Mainz zu sehen, beherrscht, obwohl noch im Rohbau, die große Halle schon jetzt. Im engeren Sinn malerische Akzente setzen der vor allem für seine raumgreifenden Zeichnungen bekannte Thomas Erdelmeier sowie die märchenhaften, mit flüssiger Farbe auf Nessel geworfenen Szenen Bettina Sellmanns.
Trotz der einnehmenden Vielfalt sehenswerter und überraschender Positionen sind es zwei Außenarbeiten, die mit hintergründigem Humor auf den Punkt bringen, worum es Macke und Czioska mit „My Generation“ und ihrem sich zwischen Seriosität und bitterer Ironie etablierenden Projekt Kunstverein geht. Während Manfred Peckl mit „The Rise of the Underground“ schon zum Auftakt den Weg seiner Generation aus der Off-Kultur in die Galerien und den Kunstmarkt konstatiert hat, nimmt Familie Montez den kunst- und kulturpolitischen Diskurs rund um die Frankfurter Institutionen beim wohlfeilen Wort und macht Ernst mit den Floskeln, die ein internationales Publikum vom Ruf der Stadt als Metropole überzeugen sollen. Den ersten kulturellen „Leuchtturm“ jedenfalls, wie er in mittlerweile jeder Sonntagsrede seinen Platz gefunden hat, haben nun überraschend nicht Max Hollein oder Udo Kittelmann, nicht das Städel also, die Schirn oder das Museum für Moderne Kunst in Frankfurt aufgestellt, sondern der Familienrat des Kunstvereins Montez. Und da sitzt er nun, den Niederungen der Off-Kultur nur scheinbar enthoben, unerreichbar oben auf dem Dach. Und leuchtet frech und fröhlich buchstäblich ganz Frankfurt heim.
Die Ausstellung im Kunstverein Familie Montez, Breite Gasse 24, ist bis 30. September mittwochs bis freitags von 16 bis 19 Uhr geöffnet.