Nichts gehe über den „White Cube“, lautet eine weitverbreite Meinung: Vier weiße Wände mit Oberlicht, das bleibe nach wie vor die ideale Umgebung, um zeitgenössische Kunst wirkungsvoll zu präsentieren. In Schloß Assenheim (Niddatal, Hauptstraße 42) ist derzeit genau das Gegenteil zu besichtigen: Dort zeigt der jüngst gegründete Kunstverein Assenheim seine erste Ausstellung mit Werken von Christa Näher.
Er ist die bisher größte Schau der namhaften Künstlerin und Städelschulprofessorin - Teil einer Doppelausstellung mit der Frankfurter Galerie Bärbel Grässlin (Bleichstraße 48), - und besser als in diesen um 1790 entstandenen wahrhaft wunderschönen klassizistischen Räumen sind ihre Gemälde, Zeichnungen und Objekte bisher nie zur Geltung gekommen.
Die zahlreichen Ahnenbilder, die sonst die Wände des gesamten Hauses füllen, hat Philip Graf zu Solms, Schloßeigentümer und Gründungsdirektor des Kunstvereins in Personalunion, nun für einige Wochen auf dem Speicher untergebracht. Und anstelle der jahrhundertealten Porträts seiner würdigen Vorfahren ist nun die Malerei von Christa Näher zu sehen, einer Künstlerin, für die sich Gegenwart und Historisches auf geheimnisvolle Weise zu berühren scheinen. Wenig von beruhigter Diesseitigkeit ist in ihren Bildern zu sehen, viel von unbekannten dunklen Mächten, die zu unserem Dasein gehören, ob wir es wollen oder nicht.
Hommage an Antoine de Pluvinel
So hat sie im herrlichen rosa Festsaal aus alten Solmsschen Kostümen und einem bräutlichen Objekt eine epochenübergreifende Hochzeitsgesellschaft inszeniert, mit einem verstörenden kleinen Vanitas-Bild dahinter. Und im Treppenhaus fällt der Blick des Besuchers auf „Pluvinel“, ein in diesem Jahr entstandenes Gemälde in einer Fülle von abgestuften Grautönen, auf dem ein prachtvolles Pferd zu sehen ist - und davor weiße Männerbeine in höfischem Schuhwerk: Christa Näher hat mit diesem zweieinhalb mal fast zwei Meter großen Bild eine Hommage an Antoine de Pluvinel gemalt, der Reitlehrer des Königs Ludwig III. von Frankreich war, aber vor allem als energischer Befürworter gewaltfreier Methoden im Umgang mit Pferden berühmt wurde.
Pferde sind für Christa Näher seit jeher ein zentrales künstlerisches Lebensthema. In eine „Sala dei Cavalli“ hat sie auch einige Räume des Schlosses verwandelt. Nicht individuelle Pferdeporträts sind hier zu sehen, wie Giulio Romano sie von den Lieblingstieren des Herzogs von Gonzaga in Mantua malte, sondern prachtvolle Rösser in wildem Sprung, die Kraft und Eleganz zugleich verkörpern. Ähnlich berückend sind „Rollander“ und „Goldjunge“, zwei Aquarelle von rotbehosten Knaben.
Christa Näher ist für Philip Graf zu Solms eine ideale Künstlerin für die erste, „Die Sache will's“ genannte Ausstellung des jungen Kunstvereins Assenheim. Für die Zukunft hat er weitreichende Pläne. Neben einem halbjährlich wechselnden Ausstellungsprogramm möchte er ein zweiteiliges Künstlerstipendium einrichten: Jeweils drei Monate sollen junge Künstler in Assenheim und in Marfa verbringen, dies in Zusammenarbeit mit der Chinati Foundation von Donald Judd in Marfa. Außerdem plant Solms, ortsspezifische Projekte in Assenheim zu fördern. Auch der Park, der im 19. Jahrhundert von dem berühmten Gartenarchitekten Siesmayer neu gestaltet wurde, könnte einbezogen werden: So schöne und große Gingko-Bäume wie hier sind selten zu sen.

