07.03.2006 · Vier junge Künstler, die als „Wandergruppe Leipzig“ seit einigen Jahren durch die Wälder streifen, zeigen ihre Landschaftsbilder jetzt in der Frankfurter Galerie Hübner.
Von Christoph SchütteOb sie am Abend die Klampfe auspacken? Am Lagerfeuer dem Wind in den Bäumen lauschen? Wie er flüstert und raunt und von fremden Welten zu erzählen weiß. Oder ob sie bei Vollmond die alten Wandervogellieder singen? Das durchaus romantische Moment, jedenfalls, das dem Projekt der „Wandergruppe Leipzig“ innewohnt, ist kaum zu übersehen.
Seit ein paar Jahren schon ziehen Ingo Garschke, Ondrej Drescher, Yvette Kiessling und Friederike Jokisch von Zeit zu Zeit mit Rucksack, Block und Bleistift durch die heimatlichen Wälder auf der Suche nach Motiven. Sie fertigen Skizzen vor der Natur an, schlafen bei Wind und Wetter unter freiem Himmel und setzen ihre Eindrücke schließlich im Atelier in komplexere graphische Kompositionen um.
Kein Zweifel, diese Wandertage sind mehr als nur Konzept, Naturstudium und -erlebnis sind vielmehr durchaus ernsthaft Ziel und Zweck des Unternehmens. Doch so anachronistisch ein solches Vorgehen auch zunächst erscheinen mag, die naive Schwärmerei, das hohe Pathos gar ist den jungen Künstlern eher fremd. Nicht sagenumwobenen Gipfeln oder einem Ehrfurcht gebietenden Alpenpanorama, sondern ganz bewußt der Banalität der heimischen Mittelgebirge, von Thüringer und Böhmerwald, Rhön oder Westerwald gilt ihre Aufmerksamkeit. Die Ergebnisse freilich, mit denen sich die erfrischend unbekümmert ihr Projekt verfolgende „Wandergruppe“ derzeit in der Frankfurter Galerie Hübner vorstellt, sind weder unfreiwillig komisch noch banal, sondern höchst bemerkenswert.
Technische Virtuosität
Dabei überrascht angesichts der Zeichnungen, Lithographien und Radierungen neben der technischen Virtuosität vor allem, zu welch radikal unterschiedlichen Kompositionen die vier Künstler ihre Eindrücke so verdichten, daß man kaum glauben mag, sie wären tatsächlich gemeinsam und durch die gleiche Landschaft gewandert, hätten an den selben Plätzen Rast gemacht und ihren Skizzenblock hervorgeholt. Den souveränsten Auftritt hat fraglos Ingo Garschke, der an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst künstlerische Anatomie und zeichnerisches Naturstudium lehrt.
Doch während sich seine mit leichter Hand und mit dem Tuschpinsel hingeworfenen Landschaften durch dramatische Effekte, das Nebeneinander von lediglich angedeuteten und extrem verdichteten Partien auszeichnen, ist es angesichts der Pastelle von Friederike Jokisch, der jüngsten, noch in der Malerklasse von Neo Rauch studierenden Künstlerin, die von tiefen, langen Schatten strukturierte Flächigkeit, die jene so vertraute Allerweltslandschaft dem Betrachter mit jedem Blatt mehr und mehr entfremdet.
Akribische Bleistiftzeichnungen
Dagegen findet sich das Interesse für die Abstraktion auf den akribischen Bleistiftzeichnungen Ondrej Dreschers lediglich im Ausschnitt. Daß man sich von den Landschaftsschilderungen im großen Format dennoch kaum lösen mag, verdankt sich dabei vor allem der Technik.
Mit schlichten, dicht gesetzten Parallelstrichen verknüpft er auf den ersten Blick durch und durch realistisch anmutende mit sich gänzlich in der Gegenstandslosigkeit auflösenden Partien im Detail, und es ist genau diese Spannung, die Dreschers Zeichenkunst trägt. Und doch sind es schließlich die Radierungen Yvette Kiesslings, die in der anregenden Ausstellung den nachhaltigsten Eindruck hinterlassen.
Zwar zeigen die gelegentlich lavierten Blätter der Meisterschülerin von Arno Rink die wohl lapidarsten, belanglosesten Ansichten von Tälern und Feldern, heimatlichen Hügeln und herbstlichen Wäldern aller vier Wanderer überhaupt. Doch das intime Format und die äußerste Konzentration ist ihrem Gegenstand mehr als nur adäquat. So still, zurückhaltend und überdies so zart sind diese Kompositionen, daß man sie ohne Zögern atemberaubend nennen mag.