06.06.2011 · Die Sehnsucht nach Exotik zeigt Blue Curry mit „Stranger than Paradise“ im Nassauischen Kunstverein Wiesbaden.
Von Marc PeschkeDie Sehnsucht, aus der Zivilisation zu fliehen, ist keine neue Sache. Der Wunsch, im Anderen nur das Exotische zu sehen, ist so alt wie der Blick auf das Fremde überhaupt. Dieser, der touristische Blick, ist das Thema der Ausstellung „Stranger than Paradise“ des Künstlers Blue Curry, die zur Zeit im Nassauischen Kunstverein in Wiesbaden zu sehen ist.
Schon im Treppenhaus empfängt den Betrachter ein großer Wirbelknochen eines Wals, dem der Künstler einen Hut aus Pailletten aufgesetzt hat. Doch die eigentliche Ausstellung beginnt erst im Obergeschoss. Hier breitet Blue Curry seine Objektkunst aus. Curry, 1974 in Nassau auf den Bahamas geboren und seit langem im London lebend, wo er an der Goldsmith University studiert hat, bringt immer wieder Relikte des Fremden mit dem Alltäglichen zusammen – die alte Idee der Surrealisten: Da gibt es einen schlichten Plastikeimer, auf dem einige „Kaurimuscheln“ angebracht sind, die biologisch korrekt keine Muscheln, sondern tropische Meeresschnecken sind. Diese kleben nun auf einem schwarzen Plastikeimer, der mit dem Boden nach oben auf dem Parkett des Kunstvereins an der Wilhelmstraße steht.
Seestern mit Lametta
Paradiese gibt es nicht mehr, sagt uns der Künstler, Meeresschnecken sammelt man heute in Plastikeimern. Doch wissen wir das nicht schon seit langer Zeit? Ursprünglichkeit, die Triebfeder einer ganzen Tourismus-Industrie gerade auf den Bahamas, ist Vergangenheit, ist mutiert in Folklore, ist aufgegangen in Kitsch und Souvenir.
Blue Currys Kunst wächst auf diesem Terrain: Er arbeitet mit Muscheln oder Seesternen, die er mit Dingen der westlichen Moderne zusammenbringt: Stroboskope flackern in Muschel-Schalen, Stahlspeere durchbohren Disketten, ein blauer Zementmixer mischt duftende Sonnencreme, ein Seestern ist mit Lametta verziert, Bohnen schmücken alte Autoreifen und sehen so aus wie eine Schlangenhaut.
Manchen dieser surrealen Neukombinationen fehlt die Schärfe der Ironie
Die Objekte überzeugen durch ihre schlichte Technik, manche Idee – die Sonnenöl produzierende Mischmaschine etwa – ist geistreich, manche Arbeiten strahlen eine starke und wie ungesehene visuelle Kraft aus. Dennoch fehlt dieser Kunst ein wenig die persönliche Erdung. Niemals erzählt der Künstler von seinen eigenen Erfahrungen mit exotischen Fantasien oder Klischees, von seinem eigenen Leben in Nassau. Stattdessen schafft er abstrakte Denkbeispiele, die den westlichen Blick auf das Fremde illustrieren helfen.
Manchen dieser surrealen Neukombinationen fehlt die Schärfe der Ironie. Andere, Bojen mit Strass-Steinen etwa oder auch die Stroboskop-Muscheln, wirken zu dekorativ, zu gefällig, um als Kritik tatsächlich noch zu funktionieren.
Prekäre karibische Lebensrealitäten
Dabei täte Kritik gut, denn der Exotismus, die Lust nach der Ursprünglichkeit, ist auch im postkolonialen Zeitalter kaum überwunden. Die von Elke Gruhn und Sara Stehr kuratierte Ausstellung, deren Titel sich auf den 1984 entstandenen zweiten Spielfilm von Jim Jarmusch bezieht, ist dennoch lohnenswert. Denn wie Jarmuschs Film thematisiert auch Blue Curry das Gefühl der Fremdheit im eigenen Land. Und wie „Stranger than Paradise“ erzählt auch diese Kunst davon, dass Erwartungen an die Fremde nur selten erfüllt werden. Auf den Bahamas, der ehemaligen britischen Kolonie, lebt der Künstler mittlerweile auch nur noch wenige Wochen im Jahr.
Auch er ist ein Tourist – auf der Suche nach Souvenirs, die er in freier Kombinatorik von ethnographischem Ausstellungsstück und Allerweltsobjekt zur Kunst umdeutet. Diese weiß von den bisweilen prekären karibischen Lebensrealitäten, von Arbeitslosigkeit, Geldwäsche und Drogenhandel, zwar nicht zu berichten, gibt aber dennoch einen wichtigen Hinweis: paradiesische, touristische Traumwelten gibt es kaum noch. Hinter jeder glänzenden Schlangenhaut steckt am Ende doch nur ein alter Autoreifen.