18.12.2006 · Klingt kompliziert, ist aber auch sehr komisch: In ihrer letzten Schau vor dem Umzug in neue Räume zeigt die Galerie Parisa Kind Lucas Ajemian und Julien Bismuth.
Von Christoph SchütteParis hatte es schon immer besser. Na, wenigstens vor gut und gerne dreißig Jahren, als Sartre noch am Leben war, die Intellektuellen debattierten, wie es sich gehört, und die Studenten, statt gegen Gebühren und dergleichen, noch für die gute Sache außerhalb des Campus, eine bessere Welt etwa und derlei hehre Ziele demonstrierten. Doch das ist lange her. Wenn nun freilich Lucas Ajemian und Julien Bismuth ein Zeitungsfoto jener Jahre zum Ausgangspunkt ihrer vielschichtigen Arbeit hernehmen, die derzeit in der Frankfurter Galerie Parisa Kind (Fahrgasse 7) zu sehen ist, dann ist der Bezug auf die französischen Verhältnisse zwar kaum zu übersehen.
„Nucleaire“ ist da, Buchstabe für Buchstabe, während einer Demonstration zu lesen, was sich, ergänzt um ein entschiedenes „Stop“, ganz wunderbar skandieren ließ. Genutzt aber hat es auch in Frankreich nichts. Doch darum, wie überhaupt um Nostalgie angesichts einer verblichenen Protestkultur, geht es den beiden Künstlern in ihrer ersten gemeinsam realisierten Arbeit vermutlich ohnehin zuletzt. Worum sich alles dreht, ist vornehmlich Konzept. Immer schon hat etwa der in New York lebende Ajemian Zeitungsausschnitte übermalt, Informationen aus dem Zusammenhang gelöst und in neue Kontexte übertragen, die eigene Kunst auch - Zeichnungen, Videos und Performances - stets selbst wieder als Material für weitere Arbeiten in anderen Medien verwendet.
Zeichenträger im urbanen Raum
Für „Les tristes“ („Die Traurigen“), so der wortspielerische, nicht von ungefähr auf die Lettristen verweisende Titel der Ausstellung, mit der sich Parisa Kind nach drei Jahren aus der Fahrgasse verabschiedet, um im kommenden Frühjahr in deutlich großzügigeren Räumlichkeiten in der Offenbacher Landstraße zu eröffnen, für „Les tristes“ also sind es die Buchstaben einer alten Fotografie, die zum Material werden und im künstlerischen Prozeß mehr und mehr ein Eigenleben zu führen scheinen. Und gerade wie die der Sprache mißtrauenden Lettristen, die im Anschluß an Surrealismus und Dada Wörter und Lettern dekontextualisierten und auch schon mal mit einem beliebigen Buchstaben am Revers durch Paris spazierten, erscheinen die Protagonisten der „Les tristes“ zugrundeliegenden Performance und des daraus entwickelten „Storyboards“ buchstäblich als Zeichenträger im urbanen Raum.
„A letter is a character is a figure“, so der Künstler-Kommentar dazu, und entsprechend mag man die scheinbar rein assoziativ zusammengestellten Fotostrecken wie eine die Grenzen zwischen den Medien ganz selbstverständlich überspringende Inszenierung lesen. Doch was wird hier gespielt? „A parody, a comedy, a dramedy, a farce, set in a city“, glaubt man Ajemian und dem in Paris geborenen Bismuth, und das trifft es gar nicht mal so schlecht. Weisen doch Handlungsstränge, Rhythmen oder Spannungsbögen, die dem „Storyboard“ klammheimlich eingeschrieben sind, formal wie inhaltlich zunächst in sehr verschiedene Richtungen.
Ein Film soll folgen
Bei genauerer Betrachtung freilich führen Schnappschüsse und Vorgefundenes, Performances, Architekturen, Film- und Großstadtszenen oder auch Breughels „Turmbau zu Babel“ auf mal verschlungenen, mal direkten, zu Lettristen und den Situationisten etwa um Guy Debord zurück. Mag sein, hat man von den längst historisch gewordenen Künstlerkreisen samt ihren Meisterdenkern nie gehört, klingt das reichlich kompliziert. Doch „Les tristes“ ist nicht nur konzeptuell konsequent gedacht, sondern zugleich auch immer wieder überraschend komisch. Auf den Film, der daraus folgen soll und auf den die beiden Künstler mit einer Art Trailer schon einmal verweisen, darf man jedenfalls gespannt sein.