Home
http://www.faz.net/-gzk-6mfzy
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Ausstellung Doppelte Böden, höhlenartige Hinterzimmer

25.08.2011 ·  Die Offenbacher Ausstellung „Uncanny Valley“ zeigt in einem leerstehenden Laden „Wohnwelten in der Kunst“.

Von Katharina Deschka-Hoeck
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Eine Frau hantiert in einem Badezimmer. Schaut in den Spiegel, spült den Mund aus, bis ihr ein großes, am Becher befestigtes Preisschild ins Gesicht fällt. Im Pyjama geht sie weiter ins Bett, aber auch das ist mit Preisschildern versehen. Während sie sich bei ihrem Mann beklagt, nicht einschlafen zu können, weitet sich die Perspektive, und der Zuschauer des Films erkennt: Das Ehepaar ist gar nicht zu Hause. Sondern befindet sich mitten in einem Ikea-Einrichtungshaus. Kunden schieben Einkaufswagen vorbei und riskieren einen Blick zu diesen Leuten, die so tun, als wohnten sie in der Ausstellung.

Der israelische Künstler Guy Ben-Ner hat für seinen Film „Stealing Beauty“ mit seiner Frau und seinen Kindern Szenen ohne Drehgenehmigung in den Wohnlandschaften von Ikea aufgenommen. Die irritierenden Aufnahmen brachten ihm 2007 bei der Kunstfilmbiennale Köln den ersten Preis ein. Muss der Zuschauer sich zunächst zurechtfinden, wo er sich überhaupt befindet, freut er sich alsbald über den hintergründigen Witz der Filmarbeit: Die Versprechen der aufgebauten Kulissen, die Sehnsüchte, die sie wecken, und das tatsächliche Wohnen in ihnen sind zwei sehr verschiedene Dinge. Genau wie sich Wunschvorstellungen vom harmonischen Familienleben und der Alltag ja durchaus unterscheiden.

Einen Blick von innen nach außen

Guy Ben-Ners Arbeit ist zurzeit in der Ausstellung „Uncanny Valley“ zu sehen, die im Rahmen des „Architektursommers Rhein Main“ in den leerstehenden Räumen eines ehemaligen Elektroladens an der Offenbacher Gustav-Adolf-Straße ein Quartier auf Zeit gefunden hat. Die Spuren der Vormieter, ihre Aktenschränke und abgenutzten Bodenbeläge sind noch zu sehen, und das macht gerade den besonderen Reiz der Schau aus. Sieben Künstler haben sich die Räume zu eigen gemacht. Wie der Niederländer Rob Voermann, der in den Schaufenstern des Ladens für sein fiktives Immobiliengeschäft „Niederimmo“ wirbt, das allerdings mit vergilbten Fotos von Abrisshäusern und Bauelemente zitierenden Skulpturen eher abschreckend wirkt. Auch das „Hinterzimmer“ seines Büros, eine schwarze höhlenartig gestaltete Kammer, in die durch bunte Fenster wenig Licht auf dunkel beschmierte Sitzmöbel fällt, wirft Fragen über die Wirkkraft von Architektur auf: In Holland sei man verwirrt, sagt Voermann. „Die Vorstellung, durch Kunst und Architektur eine bessere Welt schaffen zu können, war dort noch vor wenigen Jahren sehr präsent, jetzt ist sie verschwunden.“

„Uncanny Valley“, unheimliches Tal, so der Titel der Schau, bezieht sich auf ein Phänomen der Robotik und beschreibt den Moment, in dem Zuschauer eine künstliche Figur als Täuschung durchschauen und nicht akzeptieren. In der Schau werden die Besucher mit ungewöhnlichen Raum- und Wohnsituationen in die Irre geführt. Florian Neufeldt verwirrt mit seiner Keller-Installation: Geht man die gewundene Treppe hinab, wird man mit dem Lärm eines unsichtbaren Bohrers und ungewöhnlich niedrigen Decken konfrontiert. Denn in den Raum hat Neufeldt einen zweiten Boden aus Holz gezogen, in den ein versteckter Roboter von unten Löcher bohrt. Das an- und ausgehende Deckenlicht von Martin Creed, ein sehr minimalistisches Werk, für das der Londoner 2001 mit dem Turner Prize ausgezeichnet worden ist, verstört den Besucher in einem leeren Raum, der abwechselnd in Helligkeit und Dunkelheit getaucht wird.

Einen Blick von innen nach außen beschreiben Anny und Sibel Öztürk in ihrer stimmungsvollen Arbeit „Nichts als die Zeit“, der Kindheitserinnerungen an Besuche bei ihrer Großtante in Istanbul zugrunde liegen. Von dort konnten sie auf ein Haus und auf das Mädchen sehen, das darin wohnte und mit dem sie Kontakt aufnahmen. Alles haben die Künstlerinnen nachgebaut, um ihre neugierigen Blicke in die Wohnung der Familie auf der anderen Seite nachzuvollziehen: Tisch und Stühle stehen vor einem Fenster mit Lamellen wie im Zimmer ihrer Großtante, und an der Wand gegenüber zeigt ein flächendeckendes Foto das Nachbarhaus und am Fenster das Mädchen. Gerne möchte man in diesem Zimmer mit ihnen sitzen und vielleicht sogar wohnen, was man von Jakob Sturms „Orten möglichen Wohnens“ nicht immer unbedingt behaupten kann. Seit Jahren fotografiert er solche Orte für sein Archiv – leere Häuser, überdachte Container, Gitterabsperrungen, Unterstände, ummauerte Dachterrassen. Orte des Wohnens können auch sie sein. Und so überdenkt der Besucher eigene Ansprüche womöglich noch einmal, wenn er diese provisorischen Lebensräume sieht.

Bis 3. September ist die Ausstellung in der Gustav-Adolf-Straße 2 Montag bis Freitag von 12 bis 19, Samstag und Sonntag von 10 bis 19 Uhr geöffnet.

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1970, Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

Jüngste Beiträge

Perspektivlosigkeit ist Gift

Von Rainer Schulze

Die Zukunft der Wohnungsbaugesellschaft Nassauische Heimstätte ist unklar. Das Land will sich von der Beteiligung trennen - Frankfurt hat die Hand gehoben. Eine Entscheidung tut not. Mehr