04.06.2007 · Unter dem Titel „Ortswechsel“ ist im „Atelierfrankfurt“ eine Ausstellung mit lohnenden Filmen und Fotoarbeiten junger Medienkünstler aus Leipzig zu sehen.
Von Christoph SchütteAlles ist da. Das Rathaus, bescheiden, wie es sich gehört, ein Pioniermuseum als Reminiszenz an alte, bessere Zeiten, der „Leipziger Hof“ als erstes Haus am Platze, und selbst die „Leipziger Schule“ für die Heroen künftiger Epochen hat in diesem Städtchen einen Ort.
Doch von Neo Rauch und den anderen jungen Malerstars, die gerade in Amerika den Kunstmarkt je nach Temperament in Angst, Erstaunen oder auch Entzücken zu versetzen wissen, hat man hier noch nie etwas gehört. Vermutlich hat man ganz andere Sorgen in „New Leipzig“, North Dakota, dem angeblichen „Home of the Oktoberfest“.
Neuorientierung des Ausstellungsprogramms
„New Leipzig“ freilich, so der Titel von Silke Kochs Fotoserie, die jetzt in der Ausstellung „Ortswechsel – Medienkünstler aus Leipzig“ im „Atelierfrankfurt“ (Hohenstaufenstraße 13–25) zu sehen ist, zeigt mehr als eine sorgsam inszenierte, seltsam aus der Zeit gefallene Kuriosität. Als „Zeichen dafür, dass die Welt immer wieder neu erfunden wird“, wie Koch sagt, mag man die Serie zusammen mit den Arbeiten der zehn meist jungen Künstlern – mit Rebecca Wiltons großformatigen Farbfotos romantisch vor sich hin vegetierender Architekturen etwa – vielmehr als durchaus beispielhaft betrachten: Wandel und Neubeginn, Stagnation, Vergänglichkeit und Zukunftsversprechen spielen in dieser Schau eine zentrale Rolle.
Das gilt vor allem für die foto- und filmkünstlerischen Werke, mit deren Präsentation die Kuratorinnen Astrid Ihle und Corinna Thiele die Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst als eine Akademie vorstellen, die nicht nur Malerstars, sondern auch vielversprechende Künstler anderer Medien hervorbringt.
„Ortswechsel“ aber, die zweite Ausstellung im „Atelierfrankfurt“, seit Thiele die kuratorische Leitung im ehemaligen Polizeipräsidium übernommen hat, steht zugleich für eine den künstlerischen Austausch forcierende Neuorientierung des Ausstellungsprogramms: Im Herbst werden zehn Frankfurter Künstler den „Ortswechsel“ fortsetzen und in Leipzig ausstellen.
Schwarzweißaufnahmen aus den sechziger Jahren
Maix Mayer zeigt sich in seiner Videoarbeit „Canyon“ vom utopischen Versprechen der Architektur fasziniert. Jörg Herold, der wohl international bekannteste unter den hier versammelten Leipziger Absolventen, ist mit zwei seiner frühen Super-8-Filme vertreten: Allein diese beiden Arbeiten lohnen den Besuch.
Der in der Pförtnerloge gleichsam als „Amuse-gueule“ vorgeführte Film „Bei-Werk“, 1985 noch vor seinem Studium gedreht, erscheint als grotesk-komisches Zeitdokument einer rührend anmutenden DDR-kritischen Happening-Kultur. Herolds 1989 entstandene documenta-Arbeit „Körper im Körper“ zeigt sich hingegen sehr viel mehr als eine nur formal beeindruckende Studie der künstlerischen Selbstvergewisserung in mal gegenständlichen, mal gänzlich abstrakt erscheinenden schmutzig-grauen Bildern.
Daneben sind es die dokumentarisch inspirierten Schwarzweißaufnahmen Evelyn Richters aus den sechziger und siebziger Jahren oder auch Viktoria Binschtoks äußerst malerische, weitgehend abstrakte und gleichsam auf den Fluren eines Arbeitsamts vorgefundene Bilder, die einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Nichts als die nackte Wand in Taubenblau und Grau und Nikotingelb zeigen die mit der Großformatkamera eingefangenen Bilder der 1972 in Moskau geborenen Meisterschülerin von Timm Rautert. Und die Spuren – Kratzer, Risse, Flecken, zeichnerischen Kürzel – die all jene, die hier Tag für Tag verzweifelt und müde, resigniert, in Panik oder voller Hoffnung durch die Flure streifen, an den einst kahlen, glatten Wänden hinterlassen haben. „New Leipzig“, gleich ob in Amerika oder ob als Chiffre für kühne Investorenträume, hier ist es sehr weit weg. Ein Trugbild nur aus einer gänzlich anderen Welt.