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Ausstellung Die Befragung der Malerei mit unkalkulierbaren Mitteln

27.12.2010 ·  Man läßt sich treiben, trösten, inspirieren: eine Ausstellung der „Kunsttreppe“ im Frankfurter Hospital zum Heiligen Geist.

Von Christoph Schütte
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Manchmal, wenn jemand nicht schlafen kann im Frankfurter Hospital zum Heiligen Geist, setzt er sich vielleicht im ersten oder dritten Stock oder einfach irgendwo in diesem Treppenhaus auf eine Stufe vor ein Bild. Betrachtet es beiläufig, neugierig womöglich, aufmerksam oder auch irritiert, lässt sich treiben, trösten oder inspirieren. Etwa von den Arbeiten Martina Küglers, von Gabriele Aulehlas meditativen, in vertikale Farbstreifen aufgelösten Natureindrücken oder auch von Özcan Kaplans abstrakter Malerei. Und vergisst beinahe, dass er sich im Krankenhaus befindet. Solche Geschichten, so die „Oma fürs Gröbste“ Heidi Feldmann, hörten sie und Georg Domsel sowie der einstige Leiter der Chirurgischen Klinik, Hannes Wacha, immer wieder.

„Und allein für solche Aussagen hat es sich gelohnt, dass wir das machen.“ Dem kann man nicht ernstlich widersprechen. Und doch mag man es Understatement nennen. Hat sich die vor mehr als zehn Jahren auf Wachas Initiative ins Leben gerufene „Kunsttreppe“ der Stiftungsklinik doch trotz der nicht eben einfach zu bespielenden Räumlichkeiten eines funktionalen Treppenhauses längst einen Namen über den Patienten- und Mitarbeiterkreis hinaus gemacht. Als ein Ort der Kunst, der weit mehr als nur einen therapeutischen Zweck erfüllt. Denn nicht nur, dass die Organisatoren mit ein bis zwei Einzelausstellungen Frankfurter Künstler pro Jahr der „Kunsttreppe“ ein eigenständiges und durchaus beachtenswertes Profil gegeben haben.

Ein irritierender Effekt

Als ein Raum, in dem sich Kranke und Gesunde, Besucher, Ärzte und Krankenschwestern als Kunstbetrachter gleichsam auf Augenhöhe begegnen, ist sie auch ein Ort der Kommunikation. Und keineswegs zuletzt ist aus dem Projekt über die Jahre eine hübsche kleine Sammlung gewachsen mit großformatigen Grafiken von Holger Herrmann, Malerei von Thomas Roth und Sven Tadic, den Fotografien Ramune Pigagaites oder einer Skulptur von Ann Reder. Haben es sich Wacha, Domsel und Feldmann doch zum Prinzip gemacht, von jedem hier vorgestellten Künstler eine Arbeit für die „Kunsttreppe“ zu erwerben. Und der nächste Ankauf ist auch schon angedacht. Wie das dann aussehen könnte im Kontext der Sammlung, davon kann man sich freilich schon jetzt ein Bild machen.

Denn Stefan Wieland, dem die aktuelle Einzelausstellung gewidmet ist, hat im Gegensatz zu fast allen anderen Künstlern vor ihm auf jungfräuliche Wände und mithin ein frisch geweißtes Treppenhaus verzichtet und seine mehr als 30 Bilder in die Dauerpräsentation integriert. Ein irritierender Effekt, vor allem, wenn man Wielands mal scheinbar mit dem Konstruktivismus, dann mit einer entschieden gestischen oder auch tachistisch inspirierten Malerei kokettierendes Werk nicht kennt. Und nicht immer erscheinen die so inszenierten Dialoge vergleichbar fruchtbar wie etwa in der Gegenüberstellung mit den Arbeiten Herrmanns oder Roths. Manchmal auch sind die Nachbarschaften schlicht gewagt.

Trotz ironischer Verweise unverwechselbar

Indes, wer die Treppe und mithin die Kunst nicht von unten nach oben sich erschließt, sondern den umgekehrten Weg nimmt, dem fällt die Orientierung und die Identifikation der Arbeiten Wielands auch im Sammlungskontext ganz leicht. Denn hier ist eine Wand allein den Bildern des Städelabsolventen vorbehalten, die in aller Klarheit zeigen, worum es diesem Schüler von Thomas Bayrle geht. Motiv und Grund, Raum und Fläche, Farbe und Form, Bildträger, Oberfläche und Geste – immer schon sind es die Grundbedingungen, die Parameter der Malerei selbst, die im Zentrum seines malerischen Interesses stehen. Und für die neuen, Leinwandfetzen, Epoxidharz und Acrylglas buchstäblich ins Bild setzenden Arbeiten gilt das in besonderem Maße.

Ob ein heftiger, entschieden gesetzter Pinselhieb sich bei genauerer Betrachtung als ein Stück farbiges, auf die Leinwand appliziertes Glas entpuppt, der wächsern schillernde Bildgrund hier als eigentlicher, aus Epoxid gegossener Träger oder ob die Kreis- und Scheibenformen dort sich als in kräftiges Rot, Blau oder Orange getränkte Lappen zu erkennen geben: Wielands lustvoll experimentelle Malerei ist im Kern die Befragung des eigenen Mediums, des Materials und des eigenen Tuns mit immer wieder überraschenden, mitunter unkonventionellen oder auch unkalkulierbaren, stets aber ganz und gar malerischen Mitteln.

Und ebensolchen Ergebnissen. Die Bilder aber erweisen sich trotz gelegentlicher subtil ironischer Verweise auf die Kunstgeschichte des 20. Jahrhundert als unverwechselbar. Spätestens beim zweiten Gang durch die Ausstellung, auf dem Weg vom sechsten Stock ins Erdgeschoss also, erkennt man noch jede seiner Arbeiten auf den ersten Blick.

Die aktuelle Ausstellung der Kunsttreppe im Hospital zum Heiligen Geist, Frankfurt, Lange Straße 4-6, ist bis 7. Februar täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1963, freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

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